Das geheime Geheimnis 2/30


SPRUNG ZUR GESCHICHTE –> SCROLL DOWN!

Geschichte 2/30 | Schlagworte von @jojiskiffinsSchoner * (Setting)
Fabrik *
Waldweg *
umarmen *
gewinnen *
Rot *

2.287 Wörter = 4.417/ 50.000

»Das war überhaupt keine richtige Geschichte. Du hast nur irgendetwas aus deinem Leben erzählt«, Pünktchen guckt mich mit dem gesunden Auge herausfordernd an. Das andere ist verklebt und nur einen Blinzelschlitz weit geöffnet. Er atmet schnaufend. Diese Augen können mich nicht herausfordern. Sie erwecken mein tiefstes Mitgefühl. »Außerdem, außerdem, außerdem …«, jetzt verkneift der kleine Patient sich das Lachen, weil er ziemlich sicher in dem Moment an den ängstlichen Mini-Gnom aus der Geschichte denkt, »… heute gibt es überhaupt keine Drachen mehr.«
»Das könnte stimmen. Aber ziemlich sicher gibt es Rosalie. Es ist nur so, dass kein Mensch so weit zu ihr vordringen kann, dass er es auch wieder zurück schafft. Das ist nämlich das Besondere an Rosalie. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, und die dürfen nur Wesen hören oder lesen, die an Rosalie glauben wollen. Also wir klammern sie einfach aus, okay?«
»Die würde mir auch sowieso nicht gefallen.«
»Wahrscheinlich hast du Recht.«
»Überhaupt, Menschen! Wo waren denn jetzt deine verirrten Menschen in der Geschichte? Da waren doch nur ziemlich komische Trolle und Gnome und kackende Mäuse. Du hast am Anfang gelogen, weißt du das? Lügen ist aber verboten.«
»Vielleicht tauchen die in einer anderen Geschichte auf?«
»Pah! Dann hast du also gewusst, dass die mir nicht gefällt? Denn du hast ja gesagt, dass du so lange Geschichten erzählst, bis mir eine gefällt.«
»Oder bis du gesund bist. Ich kenne dich noch nicht so lange, kleiner Mann, aber ich kenne mich mit Katzen aus. Ich war also ziemlich sicher, dass…«
»Kannst du jetzt endlich Kolumbine reinholen?«, unterbricht mich Pünktchen mit betont gelangweilter Stimme, springt auf den Stuhl neben mir und reckt den Kopf, damit er durchs große Bodenfenster auf die Terrasse gucken kann. Suchend wandert das gesunde Auge hin und her. Fackeln beleuchten den kleinen Hof vorm Haus, so dass wir alles gut erkennen können. Traurig senkt er den Kopf, »sie ist gar nicht da, stimmt’s?«
Ich zucke mit den Schultern.
»Noch eine Lüge.«
»Sie schläft vielleicht schon. Das Erzählen hat länger gedauert, als ich annahm.«
»Dann vielleicht Harlekin?«, fragt er plötzlich mit einer Fiepsstimme, die den versteinerten Riesen im Garten zum Leben erweichen könnte. Zum Glück hört der schwer. Ich brauche nicht auch noch einen schmollenden Riesen. Pünktchen reicht mir.
Der Patient hatte Glück. Harlekin sprang zu uns ins Warme. Pünktchens große Schwester mit dem bunten Gesicht, die beinahe fast ihr linkes Auge verloren hätte, weil sie sich mit Louis dem Waschbären angelegt hatte, als der unsere Walnussernte plündern wollte, ist eine Schmuserin mit Orkanstärke. Eine absolut ungeeignete Hexenkatze, weil sie genauso lieb ist, wie Kolumbine. Ich mag sie trotzdem. Schließlich hatte ich sie wochenlang gepflegt, damit sie nicht als Piratenkatze endete. Ich kochte beiden ein Süppchen zur guten Nacht. Ließ das Feuer im Ofen ausgehen, und bereitete ihnen und mir das Nachtlager. Am nächsten Tag verlegte Pünktchen seinen Nachmittagsschlaf neben die Feuerstelle. Und als ich nicht aufpasste, legte er sich genau dorthin, wo ich es vorzog, beim Geschichtenerzählen zu sitzen.
»Na, du traust dich was! Geht es dir schon so viel besser?«, frage ich.
»Hm, wenn ich hier sitze, musst du nicht so laut sprechen, wenn du die heutige Geschichte erzählst. Ist doch super, oder?«, der kleine Kater, der eigentlich Pierrot heißt, blinzelt mich an.
»Hexorbitant super!«, antworte ich und staune im nächsten Moment über die Schar Stare, die sich über die Knöterich-Beeren hermacht. Ein Rauschen liegt jedes Mal in der Luft, wenn sie in die nächste Ecke des Gartens fliegen, einer schwarz gepunkteten Wolke gleich. Ich trete ans Fenster und sehe zu, wie sie, aufgescheucht von den Katzen, zum nächsten Menschenhaus fliegen und sich auf dem Dachfirst niederlassen. Dort sitzen sie aufgereiht, wie eine Weihnachtsbeleuchtung, der es an Strom fehlt.
»Lecker! Vögel!«, erinnert mich Pünktchen daran, dass er auf mich wartet.
»Also gut, dann fange ich…«
»Sie gefällt, sie gefällt, sie gefällt mir… nicht!«

***
Das geheime Geheimnis

»Weit weg von hier, dort wo das Land aufhört und raue See gegen Felsen schlägt, beschlossen einige wichtige und gerne sehr reiche und mächtige Menschen, ein Gebäude zu errichten, von dem es in dieser Form kein zweites geben würde. Sie machten viel Geheimnis und Gewese um ihre Pläne. Einige Arbeiter erhielten den Auftrag, künstliche Steine im Meeresboden zu vergraben, weil die Bauherren sich in den Kopf gesetzt hatten, die Fabrik, so nannten sie ihr geplantes Bauwerk, solle nicht an Land sondern mitten im Meer stehen, denn es sollten dort sehr geheime Geheimsachen laufen, von denen kein Unbeteiligter je etwas erfahren sollte. So fuhr also täglich ein Schoner an die markierte Stelle im Meer und schleppte alles, was die Arbeiter für das Fundament brauchen würden, herbei. Während sie an einem Ende des Segelschiffs schufteten, was das Zeug hielt, lehnte an dem anderen ein junger Fischer, der mit an Bord gegangen und dem die Verantwortung für die Verpflegung der Arbeiter übertragen worden war. Der Fischer hieß Alexander und er besaß einen schwarzen Kater, von dem er sich keine einzige Minute des Tages trennen wollte. So geschah es, dass er ihn täglich in einen Leinensack steckte und ihn mit beruhigenden Lauten schulterte, während er in der anderen Hand seine Fangausrüstung den Waldweg entlang bis zum Ufer trug.

›Waldweg?‹, wird mancher verwundert fragen, ›seit wann stehen Fischerhütten im Wald?‹ 

Berechtigte Frage, wenn es sich nicht um Alexander handelte. Denn der junge Mann mit den roten Haaren hatte tatsächlich viele Berufe. Des Nachts verdiente er als Köhler sein Geld, weswegen er eine Hütte im Wald nah der Küste bewohnte, und bei Tage nahm er an Arbeit an, was ihm geradewegs in die Hände fiel. Die Rede von dem Bauvorhaben hatte so schnell die Runde gemacht, dass das Ende schon wieder den Anfang erreichte, bevor der überhaupt in den Startlöchern stand. Und da Alexander zu den Schnellsten zählte, hatte er rechtzeitig Wind davon bekommen, dass er sich einen Kindheitstraum erfüllen und als Fischer und Koch gleichermaßen zur See fahren könnte, woraufhin er sich umgehend für die Stelle bewarb. Er prahlte damit, dass er keinen Schlaf bräuchte und stark, wie zehn Riesen wäre, auch wenn man es ihm nicht ansah. Die mächtigen Menschen fanden Gefallen an der Vorstellung, einen so starken jungen Mann für sich arbeiten zu lassen und so kam es also, dass Alexander an eben diesem Tag am anderen Ende des Schiffes stand und aufs Meer hinaus sah, während die Arbeiter künstliche Steine für die geheime Fabrik herstellten. Zu seinen Füßen saß Marlon und schnorrte schnurrend eine Handvoll winziger Fischlein, um sich damit den Bauch voll zu schlagen und für mindestens zwei Stunden satt zu sein. Plötzlich drehte der Wind und trug ein Gespräch vom dem einen anderen Ende zu ihrem anderen Ende herüber.

›Habt ihr euch mal die Baupläne angesehen?‹, Mortimer, der nicht nur Vorarbeiter war, sondern auch jeden Morgen den Zubringer zum Schoner steuerte, schien den Spott im Tonfall nicht verbergen zu wollen, ›wenn dieser Koloss hier auf dem Meer fertig ist,  wird er einer Festung gleichen. Winzige Fenster werden die Fassade durchlöchern, so dass sie an ein großes Stück vergammelten Käse erinnert. Und dann dieses sonderbare Gebilde außer herum. Metalltreppen führen hinauf, die aus der Ferne aussehen werden, als hätte sich der Bauherr nicht entscheiden können, ob er nun nach links oder rechts laufen will, wenn er eines Tages beschließt, seinem Gebäude aufs Dach zu steigen. Und unter all dem soll das Meer tosen. Beine wird das Monster aus Stein haben, so dass selbst der größte Wal zwischen ihnen hindurch springen könnte. Stellt ihr euch gar keine Frage, wozu das alles?‹

›Ich habe munkeln hören, sie wollen Ungeheuer bauen, die durchs Meer schwimmen und andere Länder angreifen sollen…‹

Vor Schreck hätte Alexander fast die Angel fallen lassen und sich mit den Füßen im Schleppnetz verheddert. Auch Kater Marlon riss entsetzt die Augen auf.

›Das müssen wir verhindern‹, flüsterte der Fischer seinem Kater zu, ›denn das bedeutet Krieg. Und weißt du, was das heißt? Das schöne Leben ist vorbei. Denn wenn es dazu kommt, dass von uns gebaute Ungeheuer andere Länder angreifen, dann werden diese Länder noch viel größere Ungeheuer bauen und uns zurück angreifen. Sie werden eigene Ungeheuer-Bau-Fabriken ins Meer stellen. Und dann werden wieder wir. Und dann sie. Denn immer will einer gewinnen. Und immer so weiter. Und das, lieber Marlon, ist überhaupt kein Geheimnis. Das ist so sicher, wie die Tatsache, dass aus dir niemals ein Seeungeheuer werden kann.‹

›Waaas? Sag das nochmal!‹, Marlon riss seine Augen so weit er konnte auf, und plötzlich leuchteten sie so blau, wie der Himmel, obwohl sie eben noch gelb waren, wie frisch gezapftes Bier. Alexander fiel nun vor Schreck endgültig die Angel aus der Hand und ging über Bord. In dem Moment vergaß er seine Furcht vor der kriegerischen Zukunft, denn die Gegenwart ohne seine Angel fühlte sich nicht weniger schlimm für ihn an. Wie sollte er jetzt seiner Arbeit nachgehen und die Männer am anderen Ende vom Schoner mit köstlichem Essen versorgen? Die Schleppnetze mochte er nicht. Er fand es unehrenhaft, auf diese Weise Fische zu fangen. Verzweifelt ließ er sich auf die Planken rutschen, was ein Glück für ihn war, denn in dem Moment schlug der Baum vom Hauptsegel mit einem Zischen über seinem Kopf hinweg.

Der Kapitän hatte die Segel hissen lassen, weil er der Meinung war, sie wären eine Meile vom Kurs abgekommen. Und weil einer der Matrosen schlief, hatte Alexander der Kommando-Ruf nicht erreicht.

Der starke und niemals müde werdende Mann mit den vielen Berufen vergrub das Gesicht in den Händen, während über ihm zwei Möwen gehässig lachten, woraufhin sie sich drohende Blicke von Kater Marlon einhandelten und schwiegen. Der treue Kater umarmte sein Herrchen und flüsterte ihm dabei zu, ›ich habe einen Plan, geliebter Alexander, es ist ein bislang streng gehütetes Geheimnis, das ich bereit bin mit dir zu teilen.‹

›Waaah… noch mehr Geheimnisse? Wie viel davon verträgt denn diese Geschichte, hm?’

›Das macht nichts. Das ist doch nur Spiel. Wie alles im Leben. Jedenfalls gehöre ich einer sehr seltenen Spezies an.‹

›Na, das würde ich nicht gerade behaupten. Selten. Erst seid ihr drei. Und ein paar Monate später springen zehn mehr von euch herum. Selten. Tzzz.‹

›Du spielst auf meinen Drang an, mit hübschen Damen Nachkommen in die Welt zu setzen? Ich verzeihe dir. Wüsstest du, wie gefährlich unser Leben ist, wüsstest du auch, wie wenige von uns den Winter überleben.‹

›Als ob du wüsstest, was Winter heißt. Wärme ich dich nicht genug?‹

›Ich habe immerhin davon gehört. Doch jetzt lenk nicht ab.‹

Alexander wischte sich das Gesicht trocken und blickte seinen Kater ernst an, ›ich höre‹, sagte er knapp.

›In meinem Stammbaum gibt es eine Seeschlange‹, antwortete Marlon genauso knapp und schien sich der Wirkung des Satzes bewusst, ›darum habe ich nicht nur keine Angst vor Wasser, sondern im Gegenteil, ich liebe es. Ich muss nur meinen Drang hineinzuspringen zügeln, vor allem bei Salzwasser.‹

›Ja, nee, ist klar‹, Alexander putzte sich imaginären Schmutz von den Knien.

›Wenn ich über die Reling springe‹, ignorierte Marlon Alexanders spöttische Geringschätzigkeit, die er einzig dessen Unwissenheit geschuldet wusste, ›besser gesagt, BEVOR ich springe, musst du dich festbinden. Am besten schlingst du das Schleppnetz um dich und verknotest es mit dem Tau dort‹, der Kater zeigte mit einer galanten Schwanzbewegung in die gemeinte Richtung.

›Und das alles für meine Angel?‹

Marlon räusperte sich in Katzenmanier, ›nun ja, auch. Ich bin nicht ganz sicher… also… vielleicht kaufen wir dir eine neue, wenn du wieder an Land bist? Also für den Fall, dass ich sie nicht greifen kann… das Wasser macht aus mir… also es macht mich quasi…‹

›Waaas, um Köhlers Willen, was macht es?!‹

›Du wirst es erleben. Und hoffentlich überleben. Wichtig ist nur, dass dieser Bauplatz  hier es nicht überlebt, und dass niemals wieder ein Mensch auf die Idee kommt, er könne Ungeheuer bauen, um Länder zu erobern.‹

›Das klingt… sehr… dafür bin ich bereit… der Mensch muss auch Opfer bringen, ja.‹

›Also los!‹, sprach Marlon und umarmte seinen Menschen ein weiteres Mal, wobei über seinen Augen ein Schleier lag, ›leb wohl!‹, und bevor Alexander darüber nachdenken, geschweige denn fragen konnte, was Marlon damit meinte, denn er würde doch wohl wiederkommen, sah er ihn auf die Reling springen. Und im nächsten Augenblick wurde ihm klar, dass kein Kater, auch kein sprechender, jemals wieder aus dem Meer zurück auf einen Schoner gesprungen war. Gerade als er losbrüllen wollte, er solle zurückkehren, auf der Stelle, oder dableiben, weil er doch keine Minute ohne ihn sein konnte und auch nicht wollte, weil er doch der weltbeste schwarze Kater war, den ein Köhler sich überhaupt nur wünschen konnte… verschwand Marlon aus seinem Blick. Ob es nun an den Tränen lag, die ihm aufstiegen, oder ob sein Kater tatsächlich gesprungen war, um die Menschen vor Kriegen zu bewahren, er hätte es nicht sagen können. In der nächsten Sekunde verdunkelte sich der Himmel. Wellen peitschten empor, entrissen dem Meeresboden den Anker und schaukelten den Schoner, einem Korken gleich in Richtung Festland. Die künstlichen Steine am Grund zerfielen wie Sandkuchen. Und noch Jahre später erzählten sich die Menschen, eine riesige, schwarze Katze mit stahlblauen Augen wäre auf haushohen Wellen geritten und hätte mit dem Schoner Katz und Maus gespielt, um den Menschen begreiflich zu machen, dass eben alles nur ein Spiel ist, und nichts und niemand bierernst glauben sollte, Land oder Meer wären zu beherrschen. Das geheime Geheimnis um die Fabrik im Meer war aufgeflogen, denn als Mortimer mit allen seinen Arbeitern überlebte und in die nächste Hafenkneipe einkehrte, verriet er alles, was er wusste, und von da an wollte für die gerne sehr reichen und mächtigen Menschen, die noch mächtiger werden wollten, keiner mehr arbeiten. Den rothaarigen Köhler Alexander aber kann man immer noch jeden Morgen den Waldweg entlang laufen sehen, den leeren Leinenbeutel geschultert, auf der Suche nach Marlon. Und manchmal leuchtet der Himmel dann überallhin so rot, als würde er vor Sehnsucht brennen.«

Zur Einstimmung rot und etwas Schmutzwasser.

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