So viel Grün


So viel Grün

Die kleine Biene sah ich als letztes.

Zuerst waren mir beim Betreten des Raumes die unzähligen Gänseblümchen aufgefallen. Jemand von den Sprayern, deren Leichen wir im Graben bei der Hofeinfahrt entdeckt hatten, musste sie, mit drei Farbdosen bewaffnet, auf der giftgrünen Grundierung verteilt haben. All überall blühten sie. Auf den Wänden. Am Boden. Unter der Decke. Würde man dieses Zimmer auseinander klappen, es dann mit den Innenflächen nach oben sichtbar ausbreiten, und dann mit einer Drohne oben drüber fliegen… ich wusste, meine Phantasie ging wieder mit mir durch. Aber nur in meinem Kopf. So lange ich still war, sollte sich niemand daran stören. So lange ich die Gänseblümchenwiese nur in Gedanken sah, würde sie auch niemand zerstören. Also musste ich diesen verbotenen Raum vor den anderen verbergen.

Zögernd verharrte ich auf der Türschwelle. Darauf hoffend, dass mir niemand gefolgt war. Ich hörte, wie ihre Schritte sie gierig in die Vorratsräume trugen. Zuerst waren sie ins Untergeschoss gepoltert. Ihr Hunger und die Gier nach Orden verwandelte sie in Hyänen. Wer schwächelte, verlor. Mittlerweile waren wir auf sieben Personen geschrumpft. Vier davon verstärkt maskulin. Deren Muskulatur war beeindruckend. Auch ihre Kraft, ja. Nur, wofür sie sie einsetzten, prangerte ich insgeheim an. Früher hätte ich das aufs Schärfste verurteilt. Meine Stimme sofort dagegen erhoben. Mittlerweile hatte ich eingesehen, dass ich dann nicht länger eine Stimme haben würde. Und war es nicht legitim, dass ich versuchte am Leben zu bleiben? Für den einen Moment, in dem ich etwas Großartiges bewirken konnte. Es musste diesen Moment geben. Ich glaubte so fest daran. Etwas, mit dem ich später in Geschichtsbüchern stehen würde. Etwas Heldenhaftes. Etwas Wichtiges. Uns allen ist es wichtig, wichtig zu sein. Uns allen, die wir übrig geblieben sind und nun unserer Bestimmung entgegen wanderten. Ich hörte sie einander zurufen. War dankbar, dass mein Name nicht fiel. Alles was es zu verticken gab, würden sie einsacken für die Händler. Alles was verboten war, würden sie zerstören. Die Beweise nutzen, um sich später im Zweifel freizukaufen. Keiner von ihnen durfte dieses Zimmer finden. Und mich darin. Mit dieser Freude im Gesicht. Mit meiner Hand, die sich zaghaft… sehr langsam zu diesem Insekt ausstrecken wollte. Vorsichtig setzte ich einen Schritt hinein auf die morschen Dielen. Hinter mir zog ich die Tür gerade soweit zu, dass sie nicht aus den Angeln geriet. Da stand ich nun. Meine Augen tranken das Grün von den Wänden. Gleichsam füllten sie sich mit Tränen. Fast gelang es mir, die anderen der Meute auszublenden.

Wie lange schon hatte ich keine Farben mehr gesehen?

Ich wischte mir entschieden übers Gesicht. Es schien, als würde mich dieser körperliche Reflex zur Vernunft bringen wollen. Emotionen waren unangebracht. Ich wusste das. Und meine Second-Hand-Hand wusste das auch. Dankbar sah ich sie an. Nickte. Und drehte sie mit einem Zwinkern und dem mir lieb gewordenen summenden Geräusch wieder in ihre Hülse zurück. Von da an sah ich mich genauer um, und versuchte mir die Person vorzustellen, die mir diesen wundervollen Garten hinterlassen hatte. Ein toter Garten in einem toten Haus. Kinderkrankenhaus hatte ich beim Betreten des Grundstücks erfasst. Obwohl ein paar Buchstaben über dem Haupteingang fehlten. Obwohl die übrigen von Staub und Dreck verhangen waren. Früher hatte es tatsächlich kranke Kinder gegeben. Heute unvorstellbar. Das Genmaterial der legalen Nachproduktion war fehlerfrei. Wir waren die letzte Generation, die noch von zwei Menschen im Akt der Liebe… ich habe davon gelesen. Und es klang, wie eine… Gänseblümchenwiese, dachte ich lächeln, obwohl es heute als abartig galt und verboten war. Auch das Lächeln.

Die beiden Sprossenfenster standen offen. Die Glasscheiben fehlten. Der Lack war ab. Wie überall in diesen Gemäuern. Wie in allen Gemäuern, die wir in den letzten Wochen betreten hatten, auf unserer Reise zur Wiederkehr.

Die Polaren hatten endgültig die Macht übernommen. Schwarz und Weiß. Heiß und Kalt. Tot oder Lebendig. Nichts dazwischen wurde geduldet. Zerfallen oder neu. Jung oder … und da saß ihr Fehler. Eine komplette Polarisation der Erde dürfte uns ja gar nicht dulden. Wir, die wir nicht mehr zu den wirklich Jungen zählten. Waren wir nicht wie die verbotenen Farben? Wie verwinkelte Wege und Gassen. Mehr, als nur vor oder zurück? Leben existiert auch auf Abwegen und in Seitenstraßen. Nichts fühlte sich tödlicher für mich an, als im Gleichklang der Autobahn daran vorbei zu rasen. Und doch rasten wir nur noch. Stellten eine tote Stadt nach der anderen fest. Gaben Meldung an den Rat. Stiegen wieder in unsere Shuttle, um die nächste zu erkunden. Um die Mitte in allem Dasein auszuradieren. Das war aus uns geworden; sie hatten uns zu ihren Ausradierern gemacht. Teilweise technologisiert durften wir oberirdisch leben und vernichten. Eigentlich waren wir nichts weiter, als beschissene Söldner, die an ihrem kläglichen Leben hingen, das gar keins mehr war. So dachte ich. Und nun stand ich plötzlich hier. Inmitten eines riesengroßen wunderbaren Verbots. Meine Härchen stellten sich überall am Körper auf. Elektrisiert vom leuchtenden Grün, sah ich sie plötzlich dazwischen sitzen. Wie eine kleine optische Täuschung. Zwischen all den Kreisen der Blütenblätter. Weiße Kreise um jeweils einen gelben, groß, wie Mokkatassen. Und sie; weißer Kreis als Auge, mit einem winzigen schwarzen Punkt. Mit zwei kurzen Fühlern und sechs mickrigen Beinchen. Das Kreisrund des Kopfes wurde durchbrochen vom gestreiften Bienenkörper. Wie ein Ramme, die durchs Tor will. Sie saß neben einem der Fenster und von dort aus schielte sie durch die Reste der zerbrochenen Scheiben. Wer hatte sie gemalt?

Unwillkürlich dachte ich an eins der verbotenen Bücher, die wir manchmal verbrannt hatten, wenn wir Häuser leerten. Darin ging es um den Bien. Das System eine Volkes, das nur funktionierte, wenn jeder einzelne darin seinen Job machte. Winzige Tierchen mit einem unvorstellbaren Fleiß und einer schier unerschöpflichen Kraft, wenn es darum ging, ihren Organismus zu schützen. Als Bienenvölker auseinander gerissen wurden, wie der Mensch es tat, als es Bienen in der Wirklichkeit gab, und man im Ergebnis Kunstvölker daraus erschuf, war es, als hätten sie ein Säugetier erschaffen aus den Gliedmaßen einzelner, anderer Säugetiere. Diesen Vergleich habe ich nie vergessen.

Fasziniert ging ich auf die einzelne Bine zu. Vielleicht eine Wildbiene, dachte ich. Das würde passen… so weit weg von allem, verlor ich mich mit ihr in Hochachtung und Bewunderung. Stellte nicht in Frage, wieso ich mir damals ausgerechnet dieses Buch unter den Nagel gerissen hatte. Als meine Hand die Tapete berührte, zuckte ich unwillkürlich zusammen. Das Bild der toten Sprayer tauchte vor mir auf. Und mit ihm wurden die Stimmen auf dem Gang lauter. Drangen endlich bis an mein Ohr. Mussten schon längst zu hören gewesen sein.

Erschrocken rutschte ich mit dem Stuhl vom Schreibtisch zurück und war augenblicklich zurück in der Wirklichkeit. Mein Blick hing an dem Foto fest, das wir in dem Zombiekrankenhaus aufgenommen hatten. Mein Bildschirmhintergrund, wenn ich schrieb. Das Zimmer mit den grünen Wänden. Darauf die Gänseblümchen… hinter mir wurde die Tür zu meinem Versteck aufgerissen. Das Zimmer in dem verlassenen Hotel. Sie hatten mich gefunden. Trotz Abschirmung. Auch gut. Ich sah sah mich nicht um. Ich hörte das Entsichern ihrer Waffen. Schätzte in Gedanken ab, dass sie zu dritt waren. Fluchtgedanken zwecklos. Sackgasse. Endstation. Wir haben sie in ihren Grundfesten erschüttert. Haben ein neues Manifest verteilt. Für mehr Grün in der Welt. Die Verteilung war nicht mehr zu stoppen. Sie konnten mich stoppen. Aber nicht das Internet. So schnell waren sie nicht. Als die Schüsse sich lösten, vergötterte ich weiter meinen Bildschirm. Die kleine Biene sah ich als letztes.

(Das Beitrags-Foto fand ich bei komoot. Urheber: @Dymtr. Hab ihn schon angeschrieben. Es war während der ersten Corona-Isolation mein Bildschirmhintergrund. Bei einer Twitch-Schreibsession entstand diese Geschichte.)

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