Loser Sand 7/30


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Geschichte 7/30 | Schlagworte von @DN65593077
Ostsee * (Setting)
Flitzpiepe *
Hühneraugen *
tanzen *
sparen *
Lila *

1.483 Wörter = 14.019/ 50.000

Pierrot liegt auf meinem Schoß. Er hat sich eingerollt. Seine kleinen Tatzen zucken, als spielte er im Schlaf mit einem Ball. Ich habe gesehen, dass er heute mit seinen Schwestern spielte.
»Ich mochte das Mädchen vom Dachboden«, flüstert er plötzlich und ich bin erstaunt darüber, dass er wach ist, »ich mag Mädchen in Kleidern. Es versteckt sich so gut darunter.«
»Aber woher willst du das wissen?«
»Manchmal verstecke ich mich unter deinem Kleid. Wenn du mich suchst. Und du merkst es nicht. Darum mag ich Kleider.«
»Du Schlingel!«
»Aber ein ganz lieber, stimmt’s?«, Pierrot neigt den Kopf. Dann nimmt er seine Pfoten vors Gesicht. Leckt daran. Streckt eine nach vorn, um mein Gesicht zu berühren. Ich räuspere mich.
»Aber Samtpfötchen, denke daran!«
Er putzt sich und ich gehe zur Feuerstelle um die Nudelsuppe umzurühren. Gemüsebrühe mit Nudeln. Fehlt nur noch das Spinett, denke ich und fände das so nett wie die Spinnen. Vor meiner Nase baumelt ein besonders großes Exemplar, und als ich den Kochlöffel drohend schwinge, kriecht sie schnell zurück auf ihr Netz. Besser so, denke ich und danke ihr, dass sie mir die Fliegen und Mücken wegfängt. Mein Blick geht nach draußen. Auf dem Steinriesen hocken fünf Katzenkinder. Sie sehen traurig aus. Manchen tränen die Augen. Ich habe mitbekommen, dass ihre Mutter seit über einer Woche nicht zu ihnen zurück gekehrt ist.
»Gut, dass du deine Mama noch hast«, sage ich rasch zum kleinen Patienten und bereite seine Medizin vor. 

***
Loser Sand

»Auf der Suche nach dem lila Flamingo durchkämmte Feli den Strandabschnitt zum vierten Mal. Sie hatte den Ohrring von ihrer besten Freundin geschenkt bekommen. Zum Abschied. Für immer. Sand und Salz klebten ihr unter den Fingernägeln. Zwischen den Fingern. Den Zehen. Der Wind hatte ihn in ihre Ohren und auf die Lippen geweht. Er hing an ihren Wimpern. Vermischt mit Tränen. Der Versuch sie wegzuwischen brachte neue nach. Der Sand zerrieb ihr die vom Sonnenbrand empfindliche Haut. Kratzte. Biss in den Augen. Versteckte den eigentlichen Grund vom Salzwasser auf den Wangen. Die Luft roch. Nach Weltende und Untergang. Sie würde ohne den Ohrring niemals wieder zurückkehren.

›Flamingos führen Einehen. Lass uns ein Nest aus Schlamm bauen, so wie die das machen!‹, hatte Ene gesagt, als sie zu ihrem letzten gemeinsamen Ausflug aufgebrochen waren. Feli hatte nicht gewusst, wieso, aber sie würde Ene jeden Wunsch erfüllen. Also hatten sie im Schlick gestanden und gegraben. Einen Kegel daraus geformt. Ene hatte in der Nähe auf einem Stein gesessen und ihr Gesicht vor der Sonne geschützt. Und dann holte sie ein Ei aus ihrer Jackentasche und legte es auf den Kegel, ›das ist jetzt unser Kind. Mach mal auf!‹, und Feli nahm behutsam das Ei aus dem Schlammnest, öffnete es und fand darin den lila Flamingo, ›einer ist meiner‹, sagte Ene, ›den nehm ich mit ins Grab. Und der andere bleibt für immer bei dir. Dann führen wir ein Leben und ein Sterben lang unsere Einehe. Der hier bin ich, den kriegst du. Und das da bist du, den nehme ich. Bis dass der Tod uns niemals scheidet…‹, und weil Feli ihrer Freundin versprochen hatte, nicht zu weinen, hatte sie schweigend den Flamingo genommen und das Ende des gebogenen Drahtes durch ihr freies Ohrloch gesteckt.  Die kantige Spirale gedreht und gedreht, und dann hing er da, der lila Flamingo, an ihrem Ohr. Und es war ein bisschen wie die Hochzeit, die sie niemals feiern würden. Der Moment war ihrer. Es wäre auf keiner Protzfeier anders gewesen. Enes Hand zu halten. Mit der anderen mit dem Flamingo zu spielen. Herzklopfendes Schweigen. Für immer Niemals. Und dann flossen die Tränen doch.

›Suchst du was?‹, sickerte eine fremde Stimme zu ihr durch. Feli hob den Kopf. Blinzelte in das Gesicht eine Lockenkopfs.

›Wonach sieht’s denn aus?‹, antwortete sie schnippisch und wandte sich erneut dem Strandsand zu.

›Hast du geweint?‹

›Sehe ich aus, als wollte ich alle deine Fragen beantworten, oder was?‹

›Ich wollte nur nett sein.‹

›Lass es einfach!‹

›Ich bin übrigens Felix. Ich will nicht zu viel versprechen, aber wie mein Name schon sagt, vielleicht hilft dir etwas Glück bei dem, was du vorhast‹, er sprach wie aufgezogen, ›bevor du noch eine Gemeinheit auf mich loslässt, ignorier mich einfach. Ich suche trotzdem mit. Egal, was es ist. Sollte ich etwas finden, das über eine Muschel hinaus geht…‹

›Schon gut!‹, schnauzte sie widerwillig, ›Felix! Gut.‹

Felix stellte seinen Rucksack zwischen den Strandhafer, zog die Schuhe aus, krempelte seine Jeans bis übers Knie und teilte flüsternd mit, dass er bereit sei. Mit gespreizten Fingern durchkämmte er etwas abseits von Feli den Strandsand. Über ihnen kreischten Möwen. Die Ostsee plätscherte.

›Hat was Beruhigendes. Findeste auch?‹

Feli schwieg.

›Okay. Hab verstanden.‹

›Endlich!‹, brummte Feli und sagte sich gleichzeitig, dass es ja tatsächlich nicht schaden könnte zu zweit…

›Ha! Hier, ich habe ein Hühnerauge gefunden. Da kommt ein Lederband durch und schon habe ich eine echte Ostseekette und spare mir das Souvenir kaufen. Sehr cool‹, er blickte durch das Loch im Stein zum Himmel.

›Ein Hühnerauge, ja?‹, Feli sah nun doch auf und verkniff sich das Lachen, ›du meinst vielleicht einen Hühnergott, oder?‹

›Und hier, ist das nicht ein Donnerkeil?‹

›Wie bitte?!‹, nun war sie doch überrascht. Ihr Großvater würde fragen, wie das sein kann, dass so eine Flitzpiepe in kürzester Zeit zwei so seltene Funde machte. Fehlte bloß noch ein riesiger Bernstein. Ihr Großvater hatte noch andere lustige Worte für Menschen, denen er nichts zutraute. Ene hatte ihn dafür immer bewundert; Blindpese, Nappsülze…

›Ja, nee, das war ein Scherz‹, sagte er rasch, ›Wie heißt du eigentlich?‹

›Du Lauch! Und wer will das wissen?‹

›Ich, Felix will das wissen‹, plötzlich klang er doch genervt, ›kannst du jetzt bitte aufhören, auf Pflänzchen Rührmichnichtan zu machen, ja?! Vielleicht solltest du auch mal aus der Sonne gehen. Du bist total verbrannt und deine Augen sind voll glasig.‹

›Mir doch egal. Ich geh hier nicht ohne meinen…‹

›Was?!‹

›Geht dich nichts an!‹

›Meine Güte, wie alt bist du eigentlich?!‹, Felix ging schnaubend zu seinen Sachen zurück, setzte sich inmitten von Strandhafer und kramte im Rucksack nach der Wasserflasche.

›Ist verboten, da zu sitzen. Die Düne ist Tabu.‹

›Sieht doch keiner‹, antwortete Felix knapp und musterte sie leicht kopfschüttelnd.

Feli wühlte mit den Zehen im Sand und begann langsam Formen zu malen. Sie malte Kreise und Striche. Malte schneller. Bald drehte sie sich um sich selbst als würde sie tanzen. Nach einer Weile hörte sie erschöpft auf. Ging ein Stück auf Felix zu. Setzte sich, ›ich bin Feli – und jetzt spar dir bloß die Bemerkung, mir würde ein x fehlen, ja!‹

›Wäre mir im Leben nicht eingefallen‹, er lächelt sie aufrichtig an. Hält ihr die Flasche hin, ›magst du einen Schluck?‹

›Hallo?! Corona?!‹

›Nein, Wasser.‹

›Du bist ehrlich so ein Lauch, ey!‹, lachen musste sie trotzdem, ›das einzig Coole an der Sache ist, dass die Touris unseren Strand hier in Ruhe lassen‹, sie spielt am Ohrläppchen. Presst die Finger auf die leere Stelle, ›wieso bist du eigentlich hier? Die lassen doch Fremde gar nicht auf die Insel, dachte ich.‹

›Wir sind hergezogen. Ich werde Insulaner.‹

›Das wird man nicht einfach so. Dazu musst du geboren werden.‹

›Wer sagt, dass ich’s nicht bin?‹

Feli dachte nach. Ihr Großvater stammte aus Berlin. Selbst sie war noch keine Eingeborene.

›Ist mir auch eigentlich egal.‹

›Eigentlich ist immer eine Einschränkung. Also ist’s dir doch nicht egal.‹

Ein summendes Geräusch ließ beide aufhorchen. Sie hoben die Köpfe. Eine Drohne näherte sich und kreiste schließlich über ihnen. Felix sprang sofort auf.

›Boah, Franz, du Spanner!‹, er sah sich nach etwas um, mit dem er werfen könnte. Zumindest wollte er es androhen.

›Was ist los?!‹, fragte Feli verwirrt.

›Ich brauche einen Stein.‹

Feli sah zu einer kunstvoll aufgestapelten Pyramide aus kleinen Findlingen. Im nächsten Moment hatte sie einen der Steine in der Hand und warf. Das Nein! und Nicht! Von Felix kam zu spät und für Feli unverständlich.

›Ich wollte nur damit drohen. Weißt du, wie teuer so ein Ding ist?‹

›Weißt du, wie teuer das ist, wenn mein Vater eine saftige Anzeige raushaut? Die sind hier verboten und das Filmen damit auch. Vogelschutzgebiet!‹

›Zum Glück hast du nicht getroffen.‹

›Er haut trotzdem ab. Sein Glück. Und wer ist jetzt Franz, du Spanner?‹

›Mein Bruder.‹

›Oberlauch!‹, sie lachten, ›also Lauch, Bruder vom Oberlauch, ich mach jetzt weiter. Hat mich ein klitzekleines bisschen gefreut‹, sie zögerte, kam sich plötzlich wie eine Verräterin vor, ›das war etwas übertrieben, aber ja… Danke fürs Mitsuchen!‹, drehte sie sich um und lief zurück zu dem Strandstück, an dem sie ihr Leben und ihr Sterben wiederfinden wollte.

Felix blieb betreten stehen. Sah dem sonderbaren Mädchen nach, dass ihn abschreckte und faszinierte gleichermaßen. Er schloss mit sich selber eine Challenge ab, dass er es schaffen würde sie wiederzusehen und im besten Falle auf ein Eis oder ein Fischbrötchen… er wühlte mit den Zehen im Sand und spürte etwas Spitzes. Als er den Fuß anhob, schillerte es im losen Sand lila.«

Einstimmung aufs Schreiben mit Lila … und damit Inspirationsquell.

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