Die neue Freundin 6/30


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Geschichte 6/30 | Schlagworte von @EnePoesi
Dachboden * (Setting)
Suppenkasper *
Speichellecker *
flüstern *
hüstlen *
Bernsteingelb *

1.877 Wörter = 12.536/ 50.000

Pünktchen verbrachte den Tag draußen. Allerdings wurde er nicht mit offenen Katzenläufen von seiner Familie empfangen. Sie nahmen ihm übel, dass er seinen Hintern seit einer Woche im Hexenhaus wärmte. Dabei konnte der kleine Kerl gar nichts dafür. Den Aufenthalt hatte ich ihm aufgezwungen, weil ich wollte, dass er in Ruhe gesundet und weil ich ihn testen wollte. Ich ahnte so ein wenig, dass er zu einem Hexenkater geschaffen wäre.
»Schön, dass du wieder da bist, Pierrot. Schön, dass du mein Vertrauen in dich nicht enttäuscht hast. Es ist nun Zeit für deine Medizin und die nächste Geschichte.«
»Das ist okay«, maunzt er und setzt sich dicht vor mich, damit ich ihn hochnehmen und behandeln kann. Sein Köpfchen ist schwer. Er schnurrt aus Versehen, als ich ihn unterm Kopf kraule. Später essen wir gemeinsam, »ist es eigentlich schlimm, wenn ich einschlafe, während du redest?«, fragt er, leckt sich das Mäulchen und ich schüttle den Kopf. Schließlich ist es mir schon passiert, dass ich beim Erzählen fast zur Seite gekippt wäre, weil mich Müdigkeit überhexte. Klotilde, mein Besenmädchen gab mir zum Glück einen sanften Stups, so dass der Patient es nicht mitbekam, »es hat so viel geregnet heute, und ich musste Mama immer aus dem Weg gehen, weil sie so böse… also ich bin irgendwie kaputt.«
»Das ist okay.«

***
Die neue Freundin

»Das Mädchen Valerie lebte auf einem Dachboden. Ihr Bett war ein dunkelbrauner Schrank mit zwei Türen, der bis zum Dachbalken reichte. Daneben stand ein Spinett, das auch die Spinnen nett fanden und darum gerne jeden Tag ihre Netze drum herum webten, so dass Valerie, wenn sie spielen wollte, erst viele Spinnenheime zerstören musste, was sie traurig machte. Darum spielte sie oft traurige Lieder. Lieder über Abschied und Tod. Oder über unerfüllte Liebe und Langeweile. Denn Langeweile kannte Valerie all zu gut, schließlich lebte sie schon fast zweihundert Jahre alleine hier oben. Zwar suchte sie zwischendurch nach Beschäftigung, zum Beispiel kehrte sie den Staub vom Schrank und den anderen alten Möbeln, oder sie zählte die Astlöcher in den Dachlatten und Bodenbrettern, manchmal zog es sie auch durchs Haus, wenn alle Bewohner schliefen und sie neckte sie ein wenig, versteckte Schuhe, sortierte das Geschirr falsch in den Schrank oder hauchte im Hochsommer Eisblumen an die Fenster. Großen Respekt hatte sie, wenn Hunde mit eingezogen waren, denn Hunde konnten sie sehen. Aber am Ende blieb sie doch immer alleine.

Der Hund der Familie, die seit einigen Wochen in Valeries Haus wohnte, war so groß wie ein Zwergpony. Er hieß Kasper und war für seine Verhältnisse schon recht alt. Er sah und hörte nicht mehr gut, sabberte viel, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den Weg in den Hundehimmel schon gewählt. Aber Kasper war verliebt. Das Mädchen Henriette, die alle im Haus immer nur Henny riefen, war sein ein und alles. Henriette war sehr krank und durfte das Bett nicht verlassen. Und darum hielt Kasper seine Gassirunden kurz und knapp, gab vor, nicht mehr weiter laufen zu können, damit er rasch zurück zu seinem Mädchen kam. Dort wollte er bei ihr am Fußende liegen oder auf dem weichen Fell vor ihrem Bett. Das Bett stand in dem kleinen Zimmer hinter der Küche. Für Manche Familien war dies nur Abstellkammer oder Vorratsraum gewesen. Aber Henriettes Eltern hatten das Zimmer in Bernsteingelb angemalt mit vielen Blumenranken und Blättern, weil das Lieblingsfarbe ihrer Tochter war, und weil Henriette Blumen über alles liebte.

Valerie dachte unverzüglich an ein Huhn,  als sie die Mutter eines Tages, ›Henny‹, rufen hörte, ›Henny, wir sind wieder dahaaa! Ich koche dir gleich deine Lieblingssuppe!‹

›Oh, es gibt Suppe‹, flüsterte Valerie, die vorm Dachfenster schwebte und den Herbstblättern beim Fliegen zusah.

›Oh, es gibt Suppe‹, grummelte Kasper, der Suppe über alles liebte.

›Hast du etwas gesagt?‹, flüsterte Henriette und räusperte sich, weil sie so lange nicht gesprochen hatte. Kasper grunzte freudig. Dann ging die Tür auf.

›Hallo, mein Schatz, wie war dein Vormittag? Hat Kasper dich gut bewacht? Und hat Leila sich um dich gekümmert?‹

Leila war die neue Nanny und eine Art Hauslehrerin für das kranke Mädchen. Leider mochte sie keine Hunde und war allergisch auf Hausstaub, weswegen sie andauernd nervös hüstelte, wenn sie die Zehnjährige vormittags betreute.

›Ja, es war okay. Ich finde Leila anstrengend, weil sie Kasper nicht mag und ständig dumm rumhüstelt. Sie musste heute zeitig gehen, und ich komme auch sehr gut ohne sie klar.‹

›Fang jetzt bitte nicht wieder damit an. Sobald Kasper dich zur Toilette bringt, können wir darüber reden. Aber so lange du Hilfe brauchst, kann ich dich nicht den halben Tag alleine lassen. Und das Thema Windeln…‹

›Oh, bitte, stopp! Mama, danke für den Hinweis.’

Die Tür fiel zu. Danach klapperte und hantierte es nebenan in der Küche weiter. Nach einer Stunde kam die Mutter mit einem Teller Suppe für das Mädchen und mit einer Schüssel für den Hund wieder.

›Isst du denn gar nicht mit uns?‹, fragte Henriette erstaunt.

›Ich muss noch mal ganz kurz weg. Dein Bruder wird bald hier sein. Wenn etwas ist, dann rufe ihn doch bitte, okay?‹, sie warf eine Kusshand zum Bett, ›hab dich lieb‹, und weg war sie.

›Tja, mein lieber Suppenkasper, dann lassen wir uns das Essen mal schmecken. Wir brauchen auch keinen weiter, oder? Wir haben ja uns‹, sie tätschelte ihrem Hund den großen Kopf, der darauf hin grunzte und genüsslich die Suppe aus der Schüssel schlabberte.

Valerie liebte den Duft, der durchs Haus bis zu ihr unters Dach gezogen war. Es roch nach Gemüsebrühe und frischen Kräutern. Sie stellte sich vor, dass Nudeln darin schwammen. Und vor lauter Sehnsucht setzte sich sich selbstvergessen ans Spinett und begann eine Melodie zu spielen, die nach Nudeln und Sehnsucht klang. Sie träumte und sie spielte, und sie hörte erst erschrocken damit auf, als sie an der Tür zum Dachboden ein Schnaufen und Knurren vernahm, das ziemlich sicher zu dem ponygroßen Hund gehörte, den alle Kasper riefen.

Henriette indes saß mit aufgerissenen Augen aufrecht im Bett und biss die Zähne zusammen. Sie wusste, dass sie alleine im Haus war, und sie wusste, dass sie ziemlich sicher eben eine sonderbar sehnsüchtige Melodie gehört hatten, die zwar wunderbar zur Lieblingssuppe passte, aber dennoch gespenstisch klang. Obwohl Kasper oft genug den Eindruck erweckte, kaum noch hören zu können, sah sie, dass er seine Ohren spitzte. Und schon im nächsten Moment war er auf und davon.

Kasper stemmte sich nur ein einziges mal  mit aller Kraft gegen die Tür zum Dachboden, schon gab eins der morschen Bretter nach. Er schob seine Nase hindurch und versuchte etwas zu erkennen. Er schnaufte dabei wie ein Walross und der Sabber lief ihm aus den Lefzen.

›Um diese Sauerei wieder wegzubekommen braucht es aber einen ordentlichen Speichellecker‹, flüsterte Valerie, die oberhalb der Türe schwebte und ihre Angst wegkicherte. Kasper bellte. Von unten rief Henriette. Plötzlich zog um das Haus ein Sturm auf und peitschte Blätter gegen sämtliche Fenster.

›Wer bist du?‹, grunzte Kasper, ›ich weiß, dass du hier oben bist. Los zeig dich!‹, er stemmte sich gegen die Tür und die Saiten im Spinett zitterten klangvoll.

›Ich denke gar nicht daran‹, antwortete Valerie schnippisch. Sie wusste von nächtlichen Flugrunden, wie groß dieses Monstrum war. Davon mal abgesehen, fürchtete sie sich vor Hunden in jeder Größe. Mit Entsetzen erkannte sie, wie ihr Widersacher seinen Kopf so weit durch die immer mehr zerberstenden Bretter schob und ihn drehte, so dass er seinen Blick nach oben richtete. Er blinzelte. Seine Nase zuckte. Valerie sprang durch die Luft aufs Spinett. Sie hörte ein erneutes Krachen. Wusste im ersten Augenblick nicht, ob es von draußen kam, denn der Sturm tobte lautstark und riss mit sich, was sich mitreißen ließ. Aber schon im zweiten verschaffte ihr der nun vor ihr stehende Riese Gewissheit. Von unten schrie das Mädchen nach ihm.

›Kasper endlich, da bist du wieder‹, Henriette hing kopfüber aus dem Bett und suchte etwas am Boden, ›der Sturm ist unheimlich. Ich erreiche Freddy nicht. Mama auch nicht. Ich weiß nicht, ob mir dieses Unwetter mehr Angst macht oder die Tatsache, dass hier jemand Musik macht… aber‹, ihrer Stimme war die Anstrengung anzuhören. Unter Ächzen richtete sie sich auf. Der eben aufgehobene Löffel fiel ihr sofort wieder aus der Hand, ›was hast du denn da?‹, ungläubig neigte Henriette den Kopf, kniff die Augen zusammen. Ihr Atem ging schwer. Kasper grunzte stolz. Aus seinem Maul hing Valeries Kleid und zappelte. 

›Lass mich los, du Ungetüm! Ich werde dir deine Nase aufblasen, wenn du mich nicht auf der Stelle frei lässt! Außerdem zerreiße gefälligst nicht mein Kleid, du Grobian!‹

Aus Henriettes ohnehin blassem Gesicht wich auch die letzte Farbe. Sie starrte Kasper an. Der Hund zog an dem Kleid, in dem sich der Körper eines Kindes abzeichnete, das sich wehrte und darin wog.

›Lass los‹, flüsterte sie, ›lass das bitte los, Kasper. Es hat Angst, siehst du nicht?!‹

Der Hund öffnete grummelnd das Maul.

›Na, endlich, du Scheusal!‹, schimpfte Valerie und klopfte sich das Kleid wieder glatt. Sie flog in eine sichere Ecke des Zimmers und visierte das Mädchen im Bett an.

›Es kann reden?‹

›Du kannst mich hören?‹, Kasper  blickte verwundert zwischen beiden Mädchen hin und her. Und nochmal. Und nochmal. Als würde er über das staunen, was er sah. Als würde er staunen, dass er überhaupt etwas sah. Und dass er sie miteinander reden hörte, ›im Übrigen bin ich kein Es!‹, fügte Valerie hinzu und verschränkte die Arme vor der Brust.

›Komm und setz dich zu mir‹, Henriette klopfte aufgeregt mit der flachen Hand auf den freien Platz neben sich, ›ich habe selten Besuch.‹

›Du meinst mich? Hast du… hast du denn gar keine Angst vor mir?‹

›Ich habe dich spielen hören. Das warst du doch? Wer so schöne Musik macht, vor dem habe ich keine Angst.‹

Valerie hatte den Eindruck, Kaspers Husten klänge nach Gelächter. Der Wind vorm Haus ebbte langsam ab. Auf Henriettes Nachttischchen klingelte das Handy. Valerie erschrak.

›Ja, mir geht es gut Mama. Nein, Freddy habe ich nicht erreicht. Ja, der Sturm hat alles heil gelassen. Jedenfalls in meinem Zimmer. Bis gleich!‹

›Deine Mama, ja?‹

›Sie macht sich Sorgen.‹

›Wieso schläfst du am helllichten Tage? Bist du krank?‹

›Dauerkrank, sozusagen. Mein Herz ist schwach…‹

›Oh, dann bist du also sehr krank. Fast sterbenskrank.‹

›Und noch ein paar andere Kinkerlitzchen, die nicht so sind, wie sie sein sollen. Aber erzähl mal von dir. Du wohnst auf unserem Dachboden? Dann bist du ein waschechter Geist, oder?‹

›Das kann man so sagen. Auch wenn ich mich vor knapp hundertneunzig Jahren das letzte Mal gewaschen habe.‹

›Und Humor hast du auch. Das gefällt mir.‹

›Du musst ein besonderer Mensch sein, wenn du mich sehen kannst. Eigentlich sehen mich nur Hunde:‹

›Kasper ist leider fast blind.‹

›Den Eindruck hatte ich gar nicht. Aber sage mal, wenn du immer nur im Bett liegst, dann hast du noch niemals den Dachboden gesehen. Auch nicht, wenn ich geschlafen habe.‹

Henriettes Freude über die neue Freundin wich aus dem Gesicht.

›Also nein‹, schlussfolgerte Valerie, ›das müssen wir ändern. Wir bekommen dich auf Kaspers Rücken die Treppen hinauf. Und dann spiele ich dir ein Lied am Spinett. Was sagst du?‹

›Meine Mutter dreht mir den Hals um, wenn das heraus kommt.‹

›Sie muss es doch nicht erfahren. Und wenn doch, dann leben wir eben künftig beide dort oben. Der Schrank reicht auch für zwei.‹

Einstimmung mit Bernsteingelb

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