Das Ubabalu 5/30


SPRUNG ZUR GESCHICHTE –> SCROLL DOWN!

Geschichte 5/30 | Schlagworte von @SabineSpitzer3
Fußgängerzone * (Setting)
Blumen *
Hund *
fahren *
singen *
Mintgrün*

2.156 Wörter = 10.659/ 50.000

Der Patient ist verschwunden. Ich habe lange gebraucht, um die letzte Geschichte zu erzählen, musste Streit zwischen dem Steinriesen und dem Walnussbaumgeist schlichten. Dann wieder wollten die beiden Königskatzen, dass ich ihre Reviere abstecke. Eine davon ist Pünktchens Mama. Er bekam die lautstarken Zankereien zwischen ihr und ihrer Schwester mit und wurde traurig. Zu gerne hätte er ihr, wie sonst, seine Pfote auf den Rücken gelegt oder über ihr Gesicht gestreichelt, weil er sie einfach ganz schrecklich lieb hatte und vermisste. Doch als er für ein paar Stunden freudig nach draußen und zu ihr lief, fauchte sie ihn immer nur an. Pierrot musste das alles nicht aussprechen. Ich verstand seine Blicke. Jetzt hat er sich irgendwohin verkrochen, weil es auch längst Zeit für ihn ist zu schlafen. Ich nehme meine Hörmuschel aus der Schatulle und setze sie auf den Boden. Während sie die Atemgeräusche vom Kleinen ausmacht, setze ich Tee auf. Es dauert nicht lange, obwohl so eine Muschel außerhalb von Wasser nur langsam kriecht. Als ich den Tee fertig aufgegossen habe, weiß ich, wo ich suchen muss. Die Hörmuschelantennen haben wieder guten Dienst geleistet. In der Schlafkoje unter dem Bett steht ein Karton, in dem ich Bilder sammle. Ich bücke mich, ignoriere die dabei knackenden Knochen, weil ich mich gerade am allermeisten um das Wohl des kleinen, wenn auch bisweilen aufmüpfigen Patienten sorge. Aus dem Karton gucken zwei Ohren heraus. Ich bitte Klotilde, ihn langsam hervor zu schieben. So langsam, dass Pünktchen darin nicht erschrickt. Mein Besenmädchen gehorcht, wenn auch etwas pikiert über die niedere Arbeit, wie sie es nennt. 
»Na, du! Alles gut?«, Pünktchen liegt an den Boden gekauert auf den Bildern und blinzelt mich an. Anders als sonst, bleibt er einfach sitzen, »keine Lust zum Fange spielen?«, fordere ich ihn heraus, doch er macht keine Anstalten mit mir spielen zu wollen.
»Danke«, flüstert er stattdessen und schnieft, »du hast eine echte Superheldengeschichte für mich erzählt. Das hat noch nie jemand gemacht«, sein Kopf liegt auf den weißen Pfötchen. Sein Atem geht leichter als am Morgen, dennoch schnieft er. Das Fell unter dem kranken Auge ist verklebt. Meine Hand nähert sich langsam dem Karton. Normalerweise brauchte es mindestens eine Stunde, manchmal sogar drei, bis er sich für seine Behandlung von mir hochnehmen lässt. Doch jetzt bleibt er einfach liegen. Drückt sich weiter und weiter an den Boden. So sieht Resignation aus, denke ich, berühre sachte sein Fell, auch das lässt ihn nicht fliehen. Also schiebe ich meine längsten, knorrigen Hexenfinger um seinen kleinen Körper und nehme ihn hoch. 
Nach der Behandlung ist er einfach bei mir geblieben. Hat auf meinem Arm gelegen und die Nase in eine Kuhle geschoben, hat sogar zugelassen, dass ich ihn streichle. Ist einfach erschöpft eingeschlafen. Und so nahm ich ihn mit auf mein Hexenlager, ließ alles andere liegen und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf, als der kleine Kater neben meinem Ohr schnurrte und mir die Spitze meiner Krummnase leckte. Beim Frühstück schlug ich vor, die nächste Geschichte zu erzählen. Ich vermied es darauf anzuspielen, dass ihm die letzte vermutlich gefallen hatte, und dass ich ja dann aufhören könnte, wenn ich an unsere Übereinkunft dachte. Auch wenn es nicht das Allerbeste war, was dem kleinen Kerl gerade gut täte, wollte ich so gut ich konnte, für eine bessere Stimmung sorgen, denn die Traurigkeit, mit der er aus dem Fenster zur Mama und den Schwestern sah, war unverändert geblieben.

***
Das Ubabalu

»An einem sehr frühen Sonntagmorgen in einer Kleinstadt, die von den Bewohnern als glücklichste Stadt bezeichnet wurde, denn angeblich wurde dort niemals ein Mensch krank oder betrübt, ging ein Mann mit seinem Hund durch die Fußgängerzone spazieren. Nach einer Weile wunderte er sich darüber, dass außer ihnen kein anderes Wesen zu sehen war. Aber natürlich, dachte er, es ist ja Sonntag und die Geschäfte bleiben zu. Doch zumindest ein paar Radler hätte er dennoch vermutet. Von der Fraktion Frühaufsteher zum Beispiel, die für ihre Familien Brötchen fürs Frühstück und ein paar Stückchen für den Nachmittagskaffee holten. Nicht mal ein Taube saß vor der Pizzeria, um nach Resten zu suchen. Und auch der kleine Springbrunnen, der mitten auf der rot gepflasterten Straße aus drei mintgrünen Löchern im Boden bestand, aus denen Wasserfontänen schossen, die manchmal vom Bürgermeister mit Musik aus den Lautsprechern begleitet wurden, die an jeder Straßenecke der Stadt angebracht waren, das war nämlich das andere Besonders dieser Stadt; der Bürgermeister sprach täglich zu seinen Bewohnern, um mit Witzen und netten Geschichten für gute Laune zu sorgen und eben auch mit Musik; nicht mal der war in Betrieb. Und das hatte es an einem Sonntag noch nie gegeben.

›Molly, irgendetwas stimmt mit dem heutigen Tag nicht‹, sagte er schließlich, ›und ich wäre nicht Ichwills Wissen, wenn ich nicht herausfinde, wieso das so ist. Bist du dabei?‹, er beugte sich zu seinem Hund herab, was eine sehr, sehr tiefe Herabbeugung war, denn der Herr Wissen war ein zwei Meter großer Mensch und Molly war nur so hoch wie ein Handfeger. Eine Weile stand er so da und sprach mit seiner Hündin, was sehr lustig und auch rührselig aussah… wenn es jemand gesehen hätte, hätte er sicher genau das gedacht. Ichwills nahm kurzerhand die kleine Molly auf den Arm, denn sie hatte ihm gesagt, dass sie keine Lust habe, jetzt noch wahnsinnig lange mit ihm herumzulaufen, wenn gar nicht’s los war. Sie liebte es nämlich, von allen Fußgängern als sehr süß bezeichnet zu werden und die ganzen Ohs! und Ahs! zu hören, und außerdem mochte sie die Tauben, weil sie ungefähr gleich groß waren und trotzdem aus Spaß vor ihr davon liefen, weil der Bürgermeister das so angeordnet hatte. Ja, dieser Bürgermeister sorgte eben auch dafür, dass die Tiere in seiner Stadt genauso glücklich waren, wie die Menschen. Die Sonntagsbäckerei war ihr erstes Ziel. Vor dem Schaufenster blieben sie stehen. Molly winselte, denn sie erkannte Liebesknochen im Schaufenster.

›Die sind nicht echt‹, erklärte Ichwills, so wie jedes Mal, wenn sie die Kuchenattrappen anwinselte, ›ansonsten gebe ich dir natürlich Recht. Wenn ich es so schön könnte, wie du, würde ich auch lautstark winseln, denn eine zuichte Sonntagsbäckerei hat nichts anderes von mir zu erwarten‹, als er den Satz ausgesprochen hatte, blickte er abwartend zum nächstgelegenen Lautsprecher, denn normalerweise filterte der Bürgermeister aus allen Gesprächen Anflüge von Unpässlichkeiten und aufkommendem Unwohlsein heraus, um sofort mit Musik gegenzusteuern. Als nichts geschah, schlug er Molly vor, selber ein Lied gegen geschlossene Sonntagsbäckereien zu singen. So liefen die beiden singend durch die gespenstisch leere Fußgängerzone. Sie klingelten und klopften an Türen und Bodenfenster. Sie riefen. Erhielten keine Antwort. Die Stadt schwieg. So sangen sie weiter, denn eine andere Aufheiterung erhielten sie gerade nicht. Vorwurfsvoll blickte Herr Wissen immer wieder zu den schweigenden Lautsprechern. Dass er deren Arbeit übernehmen und für seinen eigenen Frohsinn sorgen sollte, war schließlich nicht abgesprochen. Am Rathaus machten sie Halt. Wie schon vermutet, gab es auch dort kein Lebenszeichen von irgendetwas.

›Wo ist denn bloß der Bürgermeister, Molly? Und wo sind alle anderen?‹, fragte Ichwills, ohne eine Antwort zu erwarten. Molly fiepte aus seiner Kapuze heraus. Sie sangen bis hin zur Stadtmauer, wo sie schließlich durch einen Torbogen hinaus ins Grüne traten. Ichwills Wissen stand für einen Moment zögernd da. Molly kletterte auf seine Schulter und leckte ihm aufgeregt die Nase, denn auch sie wusste, dass es nicht im Sinne des Bürgermeisters sein würde, wenn sie beide noch weiter gingen, um auf dem grünen Zeug herumzuspazieren, denn er hatte ja extra so schöne Wege in die Stadt bauen lassen, durch die nichts Grünes hindurch kam, weil er der Meinung war, dass Pflanzen uns die Sonne stehlen, und darum duldete er zwar vor den Toren der Stadt Bäume und Blumenwiesen, aber in der Stadt sorgte er dafür, dass jeder noch so winzige Halm sofort eliminiert wurde, bevor ein Bewohner unglücklich oder sogar ängstlich darüber werden konnte.

Ichwills setzte Molly auf den Boden. Zuerst sprang sie erschrocken auf seine Füße, um das Gras nicht zu berühren, schnüffelte jedoch neugierig daran herum, und dann sah sie etwas, das sie noch nie gesehen hatte. Auf winzigen weiß-gelben Blümchen saßen Tiere, die sie nur von Bildern und aus Filmen kannte. 

›Das sind Gänseblümchen, Molly. Schön, nicht?‹, gewohnheitsmäßig sah er sich um, aber die Lautsprecher und mit ihnen die Überwachung durch den Bürgermeister hingen in weiter Ferne. Hier draußen war alles… ja, was war es? Gefährlich? Sich selbst überlassen? Frei?, ›Die kenne ich noch aus meiner Kindheit. Damals spielten wir auf Wiesen und kletterten auf Bäume. Und sieh mal hier, das ist ein Schmetterling. Und da, ein Marienkäfer. Und hörst du die Bienen? Oh, ich erinnere mich, wie schön es im Grünen ist!‹, rief Herr Wissen freudig aus und rannte weiter auf die Wiese hinaus. Molly folgte ihm fröhlich bellend, denn wenn ihr Herrchen froh war, war sie es auch. Als sie ein paar Meter gelaufen waren, ließ Herr Wissen sich erschöpft zwischen hohe Blumen fallen und blieb liegen.

Die Bewohner seiner Stadt waren alle nicht besonders gut zu Fuß. Er war eine der Ausnahmen, weil er dreimal am Tag Molly zum Spazierengehen führte. Die meisten aber wollten überallhin fahren, darum gab es vor einigen Tagen auch eine Flugblattaktion gegen die Fußgängerzone. Sie wäre überholt und sollte der Möglichkeit weichen, mit einem Gefährt zu jedem Geschäft zu gelangen. Der Bürgermeister musste seine Stadt mit ganz besonders heiterer Musik beschallen, um alle wieder zu beruhigen.

›Ich habe ganz vergessen, wie schön, wenn auch anstrengend, ein Spaziergang ist, Molly‹, Molly hob die Nase in die Luft und bellte. Sie bellte nochmal. Und nochmal. Dann sprang sie auf die Brust von Herrn Wissen, so dass ihr Schwanz seine Nase kitzelte und er niesen musste, ›was ist denn los?‹, fragte er, richtete sich auf und sah sich um. Dann erkannte er die Ursache für Mollys Aufregung. Vor ihnen saß mit verschränkten Händen ein sehr großer, grüner Vogel, mit einem Schnabel, der größer war, als Ichwills Kopf. 

›Uns reicht es jetzt!‹, sagte der Vogel ohne eine Begrüßung, ›ich bin hier der Obervogel und heiße Ubabalu.‹

›Ichwills Wissen‹, verbeugte sich der Mensch aus der Kleinstadt, und hielt seinem Hund das Mäulchen zu.

Ubabalu sah ihn erzürnt an, ›das will ich hoffen. Oder machst du dich lustig über mich?‹

Herr Wissen schüttelte den Kopf. Er war nur höflich. Nebenbei würde ihn schrecklich interessieren, was genau für Uns genug war. Er hatte ja keine Ahnung, weil er aus der Stadt kam.

›Eure Stadt macht Uns krank.‹

›Aber es ist die glücklichste Stadt!‹

›Papperlapapp. Das grüne Land ist das glücklichste Land. Und weil es größer ist, zählt das mehr. Aber wir brauchen mehr Platz und versuchen seit Ewigkeiten, euch zu unterwandern. Und immer wenn wir mal irgendwo Luft holen wollen, erstickt ihr unsere Keime.‹

›Das geschieht nur, damit wir nicht unglücklich werden.‹

›Das geschieht nur, weil euer Bürgermeister euch das einredet. Wo hat man so etwas schon gehört, dass Pflanzen den Menschen die Sonne stehlen?! Wisst ihr denn nicht, dass wir gut für euch sind?‹, Ubabalu breitete die Arme auseinander und zeigte sein Land her, aus dem ein großer, grüner Vogel nach dem anderen seinen Kopf hob und die Flügelarme auseinander breitete, auf denen Blumen in allen Farben wuchsen. Sie zeigten die Schönheit der Wiese, die Herrn Wissen an seine Kindheit erinnert hatte.

Herr Wissen dachte einen Moment nach, ›habt ihr auch etwas mit dem Verschwinden …‹

›Wir hatten keine Wahl mehr. Wir haben beim Uns Beschwerde eingelegt, und da es so mächtig ist, wie sonst nichts, hat es alle Bewohner aus der Stadt geklongelt. So können wir nun sprießen, wie wir wollen und…‹

›Was bedeutet geklongelt?‹, fragte Herr Wissen, ›ich hoffe, dass das vorübergeht. Wann wird alles, wie es war? Molly und ich, wir wollen so gerne wieder…‹

›Beim Klongeln gerät alles so, wie es am besten passt. Und da die Bewohner deiner Stadt anscheinend nur Stein um sich haben wollen, hocken sie nun vermutlich auf irgendwelchen Findlingen und stecken in Felsschluchten fest. Und euer Bürgermeister ist mit Sicherheit in irgendeinem Studio eingesperrt, von wo aus er den ganzen Tag durch ein Mikrophon sprechen und Musik auflegen kann.‹

›Wie bitte?!‹

Das Ubabalu schniefte, ›ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, wo sie sind.‹

›Aber sie werden schrecklichen Hunger und Durst bekommen. Und sie werden die Witze und netten Worte vom Bürgermeister vermissen.‹

›Wir nicht! Uns auch nicht! Um Himmelswillen, genau das werden wir nicht. Es war schon auch etwas nervig.‹

Jetzt mischte Molly sich ein, ›es muss eine Lösung geben. Es gibt für alles eine Lösung.‹

›Wieso philosophierst du plötzlich?‹, fragte Ichwills erstaunt. Dass er verstand, was sie sagte, verwunderte ihn im Angesicht von Ubabalu nicht. Molly kläffte daraufhin, wie es sich für einen anständigen handfegergroßen Hund gehörte.

›Oh, jetzt weiß ich’s wieder‹, sagte Ubabalu, ›es war ja nur eine 24-Stunden-Klongelei. Uns war wichtig, dass ihr eine Chance bekommt, etwas zu verändern. Quasi war das nur mal ein Schuss vor den Bug.‹

›Ich habe den Schuss nicht gehört‹, wunderte sich Herr Wissen und das Ubabalu rollte mit den Augen.

›Das wundert mich nicht‹, sagte es und alles ringsum lachte.

Einstimmung aufs Schreiben mit Mintgrün

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