Im Land der Frönxe 3/30


SPRUNG ZUR GESCHICHTE –> SCROLL DOWN!

Geschichte 3/30 | Schlagworte von @westsideblogger
Wald * (Setting)
Baum *
Mensch *
sprechen *
fühlen *
Ocker *

1.938 Wörter = 6.355/ 50.000

An meinem Bein liegt ein schweigendes Katerkind. Sein Atem geht so schwer, dass mir fast das Hexenherz bricht. Sein Köpfchen hat er auf die rechte Pfote gelegt. Die andere krallt sich in meinen Rock. Pünktchen würde es niemals zugeben, doch ich glaube zu wissen, wie sehr er in diesem Moment seine Familie vermisst. Er liegt reglos. Ein Fremder würde denken, er schliefe.
»Und der Marlonkater war wirklich schwarz? So schwarz, wie ich, ja?«, fragt er leise und klingt nachdenklich. Ich nicke. Er sieht nicht hin. Sieht den Bildern in seinem Kopf zu. Scheint mit den Gedanken weit weg, »schwarze Kater sind die besten, oder?«, flüstert er dann und schluckt. Und mit einem Mal bekomme ich eine Ahnung, wieso er so traurig und sehnsüchtig wirkt. Er hat bis zum Ende zugehört und… mitgefühlt? Ich räuspere mich.
»Das hat dir gefallen, oder? Wie Marlon die Welt gerettet hat?«, frage ich und tippe mit meinem liebsten Krummfinger sachte auf den weißen Schuh seiner Pfote. Ruckzuck zieht er die Krallen ein, setzt sich auf und wischt über das kranke Auge, um das herum sein Gesicht so sehr angeschwollen ist, dass er die Lider niemals ganz schließen kann. Eine schmutzigrosa Tränenbahn hängt ihm verklebt im Fell.
»Überhaupt gar nicht!«, motzt er mir entgegen, und die eben noch spürbare Stimmung scheint verflogen, »weiß doch jede Katze, dass es überhaupt keine Ungeheuer mehr gibt.«
»Aber es war eine richtige Geschichte«, stelle ich klar, »also nichts aus meinem Leben, was du ja angeprangert hattest. Ich sollte dir eine richtige Geschichten erzählen. Das habe ich also versucht«, ich kann die aufkommende Kränkung kaum verbergen, »ich habe mir etwas ausgedacht, um dich zu unterhalten«, motze ich zurück, dann bleibt mir die Stimme weg.
»Schlechter Versuch!«, sagt Pünktchen knapp, den ich in diesem Augenblick lieber Grumpy taufen möchte. Ich hatte mir nämlich wirklich Mühe gegeben. Hexen sind schließlich keine Geschichtenerzähler. Wir machen Geschichten und leben in ihnen. Aber erzählen?
»Da mein Auge aber sowieso immer noch krank ist…«, Grumpy springt vom Stuhl. Läuft zum Eingang. An den Fressnäpfen riecht er lustlos herum.
Er wird auch einfach überhaupt nichts riechen, denke ich und das stimmt mich sogleich milder, was für eine Strafe für eine Katze.
Als er vorm Bodenfenster steht, tauchen die Fackeln, die niemals verlöschen, seine Silhouette in goldenes Licht. Er dreht den Kopf zur Seite, wohl, damit ich weiß, ein Teil seiner Aufmerksamkeit gilt mir, »…du kannst morgen einfach einen neuen Versuch starten«, sagt er altklug, »wenn es geht, ohne Katzen. Davon haben wir hier eh genug«, er senkt den Kopf und betrachtet seine schlafenden Schwestern in dem Karton unterm Stuhl, von dem ihn nur eine Fensterscheibe trennt, »von mir aus darf sie wieder im Wald spielen. Etwas mit verirrten Menschen zum Beispiel«, er lacht nicht an dieser Stelle, sondern beendet das Gespräch ratzfatz, »und jetzt will ich schlafen. Gute Nacht!«, und ohne mich irgendeines weiteren Blickes zu würdigen, läuft er an mir vorbei in die Schlafkoje, springt auf das Fell, das auf meinem Deckbett liegt und rollt sich zusammen.
 Im ersten Moment bin ich schon wieder sprachlos. Wie dieser kleine Kerl es schafft, mich in seinen Dienst zu stellen, ist unerhört und hexorbitant gleichermaßen. Dabei wäre es mir ein Leichtes, ihn mit dem Besen hinaus zu jagen, dafür müsste ich nicht mal von meinem Lieblingsplatz aufstehen. Es bräuchte nur den richtigen Spruch, und schon würde Klotilde, mein geliebtes Besenmädchen, ihn gerne hochkant achtkantig in den Hof befördern, wo er sich unter die Fackeln kringeln dürfte. Das bringe ich natürlich nicht zustande. »Es ist okay, wenn die Geschichte dich traurig gemacht hat«, flüstere ich stattdessen, denn eine andere Erklärung fällt mir für sein Verhalten nicht ein. Nun tut mir sogar wieder leid, dass ich in Grumpy taufte. Es geht ihm einfach wirklich nicht gut, und das Ende der letzten Geschichte, vielleicht war das für sein vermissendes Katerherz zu viel.
Die Nacht war selbst für eine Hexe grauenvoll im negativen Sinne. Ständig war ich in Sorge um Pünktchen, der zwischendurch aufhörte zu atmen, und wenn er atmete, klang er wie ein steinalter Troll. Ich schloss meine Augen, doch fand vor Sorge keinen Schlaf. Ich stand wieder auf und durchblätterte das Hexen-Alphabet nach geeigneten Sprüchen und Kräutern. Doch ich fand nichts neues heraus. Wäre er zutraulicher, und ließe sich darauf ein, sich auf meinen Schoß zu setzen und meine Hände auszuhalten, ich hätte ihn auf der Stelle gesund gehext, aber so…

***
Im Land der Frönxe

»Es gab einen Wald, der bestand aus lauter kleinen Inseln, die durch Bachläufe voneinander getrennt waren. Felsplatten, so groß, wie die Fußabdrücke eines Riesen, boten Platz und Halt für zahlreiche Pflanzenarten und seltene Bäume, auf denen noch seltenere Tiere Schutz und Heimat fanden. Die kleinste Insel aber lag in der Mitte des Waldes. Sie war umringt von toten Bäumen, die ganz mit Moos bewachsen und umgestürzt waren, und so dienten sie als Brücken und Zuwege zur Heimat der Frönxe. Die Frönxe waren kleine, grüne Gesellen mit langen, dünnen Schwänzen, die in der Sonne ocker leuchteten. Da aber in der Mitte des Waldes nie die Sonne schien, hatte noch kein Wesen überprüfen können, ob an dieser Ocker-Schwanz-Theorie etwas dran war. Sie hielt sich trotzdem. Auf dieser Insel jedenfalls klammerte sich mit letzter Kraft ein knorriger Blinsbaum fest. Er hatte seine Wurzeln wie ein Spinnennetz um den Felsstein gewunden, um nicht eines Tages, wie die anderen Bäume, als Brücke oder Zuweg enden zu müssen, und so blieb er den Frönxen als Heimat erhalten. Blinsbäume tragen keine Blätter. Aus ihren verdrehten Ästen und Zweigen wachsen nichts als Stacheln. Fiese, giftige Stacheln, und die einzigen Wesen, die mit viel Eleganz und Geschicklichkeit trotzdem auf diesem Baum leben konnten, waren eben die Frönxe. Leider war dies jedoch der allerletzte Blinsbaum, und da die Frönxe nirgendwo anders sicher leben konnten, war diese Insel in der Mitte des Waldes ihr allerletztes Zuhause. Eines Tages kam ein Mensch während einer Wanderung vor lauter Begeisterung vom Weg ab. Zuerst lief er wütenden Schrittes von Irgendwo nach Siehstdunicht, weil er bis zum Haareraufen mit seinem liebsten anderen Menschen in Streit geraten war, er rannte über Hügel und Täler und beschimpfte jeden Kieselstein, der ihm beim Laufen in die offenen Schuhe geriet, bis er sie kurzerhand auszog und an einen Nagel hing, der noch nie von einem Hammer auf den Kopf getroffen worden war, und als er Siehstdunicht mit schmutzigen Füßen betreten wollte, verschwand der Ort vor seinen Augen auf Nimmerwiedersehen. Nimmerwiedersehen war ein sehr alter Fischling, der es liebte durch Bäche zu tauchen, über welchen abgestorbene und mit Moos bewachsene Bäume Brücken und Zuwege bildeten, um Felseninseln miteinander zu verbinden. Da der wütend gestartete Mensch seiner Wut längst erfolgreich davongelaufen war, pflückte er sich laute Begeisterung von einem Schreibusch und lief ab da schneller und schneller so lange vor ihr her, bis er nun vom Weg ab-  und endlich beim Blinsbaum ankam.

Aufgeregt krochen alle Frönxe zwischen den Stacheln hervor und qualmten vor Aufregung über den Besuch einer nach dem anderen aus den Ohren.

Der Mensch hielt dies für Rauchzeichen und betrachtete den Blinsbaum genauer, weil er vermutete, dass Ureinwohner auf ihm lebten. Davon hatte er als Kind gelesen, und es würde ihm eine Freude sein, wenn er zurückkehren und allen von einer Superneuigkeit erzählen könnte. Er staunte nicht schlecht, als er die winzigen Wesen auf den Stacheln sitzen sah, die ihn im ersten Moment an Birnenfrösche erinnerten. Allerdings wunderte er sich doch sehr darüber, dass ihnen aus dem Kopf, zwischen zwei Schlappohren, ein talentiert anmutender Schlägelschwanz spross, mit dem sich einige schaukelnd an die ausladenden Stacheln hängten, während andere weit oben in der Krone, aber ach, das konnte er nur vermuten, denn die Krone befand sich irgendwo im Himmel.

›Guten Tag, ich möchte bitte den Bürgermeister sprechen‹, sagte der Mensch und musterte die Bewohner des Blinsbaums weiter.  Dicke, mittellange Birnen mit Knubbelnase und sehr, sehr, wirklich sehr großem Mund, in dem es nur einen Oberkiefer mit mehreren Zähnen gab, sahen ihn durch schwarze Murmelaugen an. Der Mensch erhielt keine Antwort.

Die Frönxe sahen abwechselnd sich und dann wieder den Besucher an. Schweigend.

›Wissen Sie, wie sich das anfühlt, mitten auf einer Mittelinsel zu stehen, vor sich einen Baum bis zum Himmel? Ohne Blätter?! Und kein Honk redet mit einem?‹

›Wir sind Frönxe, keine Honks! Und wir fühlen nie mit. Haben Sie vielleicht bei irgendeinem von uns Hände und Finger entdeckt? Oder Zehen? Womit bitte, sollten wir also fühlen, sagen Sie mir das!‹

›Touchè!‹, sagte der Mann, was so viel heißen sollte, wie ›Täuschen Sie sich mal nicht, anständiges Fühlen geht über das Fühlen hinaus!‹, aber das verstand natürlich keiner von denen und er wollte auch nur seine Verwunderung überspielen, denn tatsächlich hatten diese Frönxe weder Arme noch Beine.

Plötzlich tauchte Dädalus auf. Er klang wütend. 

›Schlinken Sie hier etwa herum?! Ich werde das nicht drieseln!‹

Als der Mensch den Troll sah, versteckte er das Erschrak, das ihm fast aus dem Gesicht gesprungen wäre, in der Armbeuge, und bemühte sich um eine feste Stimme, ›ich will nur den Bürgermeister sprechen, und die Frönxe schweigen im Walde, ganz großes Kino! Behandelt man so Gäste?! ‹

Dädalus äffte den Menschen nach, ›ganf groffef Kino!‹

›So ein Kindergarten!‹, antwortete der Mensch, ›dann hätte ich mit meiner Wut auch direkt zu Hause bleiben können, da wird auch gespottet, wenn einer etwas nicht versteht und das geheimhalten will‹, er zog einen Flunsch, als wieder keiner mit ihm sprach. Der Troll stand mit dem Rücken zu ihm und schien nachzudenken. Dann tanzte er plötzlich mit den Armen durch die Luft und brummte ein unbekanntes Lied, das, dem Gesichtsausdruck des Menschen nach, mit Sicherheit auch niemand freiwillig kennen wollen würde. Jedoch verfehlte es seine Wirkung nicht, denn kurz darauf erschien weit oben ein Fronx, der sich von allen anderen unterschied. In Faultiergeschwindigkeit glitt er von Stachel zu Stachel, und seine Glibschhaut leuchtete dabei goldocker. Je näher er dem Boden kam, um so heller wurde es zwischen allen Anwesenden. Es war, als würde die Sonne selbstpersönlich die Erde betreten wollen. Nur das kleine grüne Stück am Schlängelschwanz verriet, dass es gar keine richtige Sonne war. Der Mensch konnte nicht anders, als mild gestimmt zu staunen und sich plötzlich wunderbar erleuchtet zu fühlen.

Dädalus grummelte zufrieden, als alle Frönxe für den Bürgermeister Platz gemacht hatten, und als er das Licht in den Menschenaugen sah. Es war das sichere Zeichen dafür, dass keine Gefahr für die Bewohner des Blinsbaumes drohte. Er tanzte noch einen kurzen Händetanz, bevor er sich über die moosbewachsenen toten Baumbrücken hinweg auf eine der anderen Felseninseln trollte.

›Guten Tag‹, sagte der Bürgermeister und zeigte seine polierte Kauleiste, ›Sie wollten mich sprechen?‹, während dieser Begrüßung hing er mit dem Schwanz kopfüber an einem der unteren Stacheln, die ungefähr so lang waren wie ein Bein des Menschen. Alle anderen Frönxe saßen auf den ihrigen, die sie zu Sprungfedern geformt hatten, was ihnen ein heiteres Wippen ermöglichte.

Wippen und Schweigen, dachte der Mensch ohne zu wissen, woher dieser Gedanke kam.  Das Gesicht des Bürgermeisters so kopfüber sah wirklich seltsam für ihn aus, und er hatte mit der Koordination des Mimiklesens Schwierigkeiten. War ein lächelnder kopfüber Mund immer noch ein Lächeln? Doch weil die Sonne in sein Gemüt gezogen war, glaubte er nur noch, dass ihm jeder wohlgesonnen wäre. Jeder Fronx und jeder Mensch. Und ohne sich darüber zu wundern, dass der Bürgermeister offensichtlich gar keine Antwort von ihm erwartete, sondern sehr genau wusste, dass das Gespräch schon zu Ende war, bevor es überhaupt begonnen hatte, hob er seine Arme zu einem freundlichen Abschiedstanz, drehte sich um und lief in Windeseile über alle toten, moosbewachsenen Brückenbäume zurück in die Welt, aus der er gekommen war. Und das innere Leuchten nahm er mit. Es würde schon zu irgendetwas gut sein.«

Mein Einstimmungsbild zur Farbe Ocker

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