eine liebesgeschichte


Schreib bloß keine Liebesgeschichte, sagst du und siehst mich an. Von da oben auf dem Klettergerüst, auf das ich nicht komme, weil meine Beine im Gips stecken.
Wie kommst du denn auf die blöde Idee, frage ich und klopfe den Sand von meinem Schenkel, den dein Rotzlöffel von einem Bruder mir mit Schwung auf den Schoß geschleudert hat.
Du zuckst nur mit den Schultern und grinst. Bei diesem Grinsen weiß ich nie, was du eigentlich denkst.
Tolle Schippe, sage ich, beuge mich hinunter und kneife in das fette Windelpaket. Ich mag den Kleinen. Aber ich meckere, wenn wir ihn mitschleppen müssen, damit du dir nicht einbildest, mit mir geht alles.
Dann sehe ich wieder hinauf zu dir. Direkt in deine Augen. Mal gucken, wer länger durchhält. Ich bin gut darin und lache, als du deinen Blick als erster senkst. Verärgert trittst du gegen die Stange und aus deinen Sandalensohlen fällt Sand in mein Gesicht.
Ich reibe mir jammernd die Augen.
Oh, das tut mir leid, sagst du und ich weiß nicht, ob du es ernst meinst. Ich weiß nur, dass du Spaß daran hast, andere zum Weinen zu bringen. Kling – Klong – Kling – Klong. Deine Hände. Deine Füße. Zackig gegen die hohlen Eisenrohre. Eins. Zwei. Drei. Plapp! Ich höre, wie du mit beiden Beinen im Sand landest und sagst, das haste jetzt davon!
Ich halte mir schützend die Hände über den Kopf. Obwohl wir uns erst einmal gekloppt haben, fürchte ich wieder einen deiner Ausbrüche. Wie damals, als diese blöde Kuh in der Hofpause behauptet hat, ich hätte ihr ein Bein gestellt. Du hast wochenlang ihren Helden gespielt, bis sie dich eines Tages beim Abschreiben verpfiffen hat.
Hey, ich tu dir nichts, lass mal gucken, sagst du ernst.
Ich reibe, bis ich wieder etwas sehe. Zuerst verschwommen. In einem Auge ist das Kratzen fast weg. Auf das andere drücke ich weiter meine Hand. Du beugst dich über mich, ohne dein Grinsen, und deine Haare fallen am Wirbel über der Stirn auseinander. Dein Atem ist warm und riecht nach Pfefferminz. Ich mag Wirbel fast so sehr wie Grübchen, doch du bist mir gerade unheimlich. Viel zu ernst und so nah dran.

Sonst lachst du sogar, wenn Lehrer dich zur Schnecke machen, und wenn die Großen dich auf dem Hof verprügeln, lachst du auch. Du gewinnst sowieso. Du haust blind drauf. Du lachst immer. Du weinst nur, wenn euer Vater den Gürtel aus der Hose zieht und euch damit schlägt. Das habe ich einen deiner großen Brüder sagen hören, als ich mich in den Ruinen versteckt und gelauscht habe.

Mein Auge tränt und du denkst bestimmt, dass ich heule. Dabei heule ich nicht, das ist dein bescheuerter Sand!
Du lachst.
Ich merke, wie ich rot werde, denn plötzlich muss ich an die Sache auf dem Feld denken. Es war heiß an dem Tag. Wir lagen ohne Decke zwischen den hohen Getreidehalmen. Richtig stickig war’s und Grashüpfer sprangen herum. Als dein nerviger Bruder neben uns eingeschlafen war, hast du dich plötzlich auf mich gelegt und gefragt, ob mir das gefällt. Das tat es nicht, denn mir wurde die Luft knapp. Trotzdem hielt ich still. Dann hast du deine Lippen auf meine gedrückt, und ich vergaß das Luftholen. Deine Hand fasste unter mein Shirt. Mir wurde schwindlig. Das darf keiner wissen, hast du gesagt.
Auf einmal stand die olle Lehmann neben uns, lehnte am Fahrrad und meckerte uns an. Ihr Mann müsse das Feld abmähen, damit wir Brot beim Bäcker kaufen können. Sie stand einfach plötzlich da und schnauzte uns an, wir sollen gefälligst nicht das Korn plattliegen.
Ja ja. Ist gut. Wir verschwinden ja.
Mit roten Gesichtern rannten wir davon. Dein Bruder weinte.
Sie rief uns hinterher. Geht gefälligst auf den Spielplatz!
Ja. Machen wir.
Du trugst ihn Huckepack. Total verpennt.

Vom Werk drüben jault die Sirene. Probealarm.
Wie kommste eigentlich auf die Idee mit der Liebesgeschichte?
Du hebst die Augenbrauen.
Das weißte wohl auch nicht, so wie du guckst.
Ich habe gehört, du schreibst Geschichten – und, na, nicht dass du dir einbildest, wir würden miteinander gehen.
Gehen, sehr lustig – und ich bilde mir überhaupt nichts ein!
Mann, so heißt das doch. Manuel, hör’ auf, mit Sand zu schmeißen. Lass das, hörst du?!
Schon gut. Kauf mir einfach nachher ein Eis, ok? Zu Hause krieg ich den Mega-Anschiss, weil ich mich dreckig gemacht habe, ich äffe meinen Vater nach. Dabei war das alles dein Bruder! Das ist meinem Vater aber egal, weißte, der hört mir eh nicht zu.
Ich weiß. Aber wie sollst du mit den kaputten Beinen überhaupt was machen? Außerdem ist dein Alter ein Idiot.
Ich muss schlucken. Es stört mich, wenn andere schlecht über ihn reden, und es stört mich, dass es mich stört. Ich schweige. Dein Vater ist mindestens genauso ein Idiot, denke ich. Dabei fällt mir ein, dass ich dir die Sache mit dem Juckpulver noch heimzahlen muss. Dann antworte ich, ich weiß, was ich mit meinen Beinen machen kann.
Ja, was denn?
Geht das klar mit dem Eis?
Von mir aus.
Es gibt da dieses Guinnessbuch, mein Vater hat es im Regal.
Das was?
Das Guinnessbuch der Rekorde. Da steht alles drin, was einmalig ist. Der größte und der kleinste Mensch. Der älteste. Das schnellste Auto …
Und was hat das mit uns zu tun?
Ich will auch so einen Rekord aufstellen.
Und in was? Wie du am schnellsten auf Gipsbeinen humpelst?
Lach lach. Witzig witzig.
Manueeel. Hör damit auf!
Was ist los mit dir? Sonst ist dir doch egal, wenn er mich piesackt.
Es stört mich eben.
Dass er mich mit Sand bewirft?
Awaaaa. Das ist mir egal. Aber ich will nichts abbekommen.
Achja. Klar. Hätte ich mir denken können.
Also, was für ein Rekord?
Äh, ja, da musste dich schon trauen.
Trauen? Für was?
Küssen!
Was?
Küssen.
Was soll das für ein Rekord sein?
Wir setzen uns auf das Karussell und küssen uns. Mit Zunge. Ohne Pause.
Wie auf dem Feld?
Wie auf dem Feld.
Und wie lange?
Sehr lange. Ich gucke zu Hause in das Buch. Da muss es irgendwo stehen. Der längste Kuss. Ich schlage vor, wir fangen gleich an.
Jetzt? Was macht das für einen Sinn?
Üben. Wir müssen üben.

Du legst den Kopf schief und drehst dir am Hinterkopf eine Zwiebel. Dann siehst du dich um. Ein paar Meter entfernt steht der gelb-blaue Bienenwagen. Ganz am Rand vom Spielplatz, bei den Ruinen, wo die Großen ihr Versteck haben, ist es still. Auch auf den sechs Türmen aus Betonplatten, denen verrostete Stahlseile aus den Seiten ragen, springt heute niemand herum. Wir sind allein.
Du sagst, na gut.
Dann hilfst du mir, auf das Karussell zu kommen. Ich darf auf den Sitz. Du hockst dich mir gegenüber auf die Stange. Ich gucke dich an. Ich mag deine Augen immer noch.
Aber mit Augen zu, sagst du schnell, als könntest du meine Gedanken lesen, und schluckst.
Ich sehe einen Moment an dir vorbei. Manuels fetter Windelarsch leuchtet knallrot im Gras. Er ist zur Wiese gekrabbelt. Unsere Finger berühren sich am Griff vom Karussell. Himmelblaue Farbsplitter fallen auf meine Knie. Ich sehe die gelben Tupfen in deinem Blau. Du machst die Augen zu. Dann spitzt du deine Lippen … und ich fange laut an zu lachen, Reingefallen!
Du reißt die Augen auf und siehst mich ungläubig an. Blöde Kuh, fauchst du und, scheiß Weiber! Dann springst du vom Karussell, dafür müsstest du Kloppe kriegen und jeden Tag Juckpulver hinten rein.
Ich weiß, sage ich, aber ich kriege ein Eis.
Einen Scheiß kriegst du!
Du gibst dem Karussell einen Tritt. Ich rudere mit den Armen und falle wie ein überfressener Käfer rücklings in den Sand.
Das Eis kannste dir sonst wohin schieben! Deine Augen blitzen. Ganz ehrlich, mit der Aktion …

Manuel beginnt zu brüllen. Ich bleibe im Sand liegen. Du gibst dem Karussell erneut einen Schubs und alles dreht sich über mir. Mein Kopf ist sicherer am Boden. Manuel hört nicht auf zu brüllen und du bist bei ihm auf der Wiese. Ich höre, wie du auf ihn einredest. Das Karussell wird langsamer. Mein Rolli steht daneben. Dann kommst du angerannt. Den Nervbruder vor der Brust. So habe ich dich noch nie gucken sehen.

Er hat den ganzen Munde voller … guck er hat die ganzen Schnecken …
Na, raus damit, sage ich. Das Karussell steht still. Ich habe mich aufgerichtet, du setzt Manuel neben mich. Mach du, sagst du. Hol du ihm die Dinger da raus. Du bist ein Mädchen.
Ich verstehe die Logik nicht, aber ich pople in Manuels Mund herum und angle nach den Schnecken. Ein paar Häuser hat er kaputt gebissen. Wie eklig.
Er hört gar nicht auf zu weinen. Rot geweint und verschwitzt. Seine Augen sind ganz glasig und blau – so wie deine, denke ich kurz. Sein Kopf ist heiß. die Schneckenreste liegen im Sand. Aber Manuel hört nicht auf zu weinen.
Scheiße, guck, was der für ‘ne dicke Zunge kriegt, sage ich und bekomme plötzlich Angst, so ‘ne dicke Zunge, als hätte da was rein gestochen. Du guckst ihn an. Streichst über seinen Kopf, sagst immer, ist doch wieder gut, Manu, ist doch wieder gut, während ich mir das Schneckenmassaker im Sand angucke.
Da ist ‘ne Hummel bei, sage ich, guck doch, da liegt ‘ne Hummel, oder was soll das sein? Die kraucht ja fast noch. Darum brüllt der so … da muss’n Arzt. Flitze, Mann! Los, flitze!
Und dann flitzt du, den Nervbruder brüllend huckepack.
Zu Frau Bormann, rufe ich hinterher, da kannst du hin mit ihm, sage ich leiser.
Da bist du ja auch hin mit mir, als ich vom Klettergerüst gesprungen bin. Von viel zu weit oben. Weil ich vor dir angeben wollte. Für den Kuss auf’m Feld. Habe ich dir aber nicht verraten. Hast mich Huckepack genommen und bist zu Frau Doktor Bormann, oben an der Straße. Und alle haben blöd geguckt. Weil du ja offiziell ein Arschloch bist … und das hier ist doch eine Liebesgeschichte, denn ich mag deine Augen schon lange und ich mag, dass du mich einfach so geküsst hast und wie du deinen Hosenscheißerbruder trägst und dass du stark bist wie ein Riese. Und ich mag, dass du ganz tief innen drinnen voll in Ordnung bist. Aber das sage ich dir nicht. Das steht nur hier in meinem Notizbuch. Bei den anderen Geschichten über dich, die du nicht kennst.

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