ich wollte keine schmetterlinge


Der Mantel weht auseinander, als unter ihr der Fernzug in der Nacht verschwindet. Ein rasendes Nichts aus Tempo und Metall. Anonym wie sie. Angesehen und vergessen. Auch nach einem Kuss. Leicht zu haben. Sehnsucht beladen. Im Zoo der kalten Stadt.

»I wanna kiss u«, sagt er und stellt die Bierflasche aufs Autodach, versucht es auf deutsch. Das Ich klingt hart, wie ein Kaninchenkanten, und sie sagt, besser auf englisch, und er wiederholt es.
»I wanna kiss u!«
»Ja, dann mach.«
»Ja?«
»Ja.«
Ein Radfahrer rappelt über das Kopfsteinpflaster. Räuspert sich. Im Schein der Laterne verschwinden ihre Lippen und tauchen nicht wieder auf.

»I’m on the bridge«, flüstert sie dem Zug hinterher und zieht den Mantelkragen hoch. Blödes Erinnern. Schönschlimm. Es glimmt in ihr, war nicht zum Lodern gelangt. Geht nicht aus. Brennt Fragen nach der Stille im Handy, das keine Antworten bringt, nur ein Nichts für ein Nichts, das ein bisschen verliebt auf einer Brücke steht und der Nacht nachsieht, die mit einem Beben im Nebel verschwimmt.
Sie läuft zur Laterne, zündet eine Zigarette an. Lehnt am selben Auto wie vorletzte Nacht. Ihr Haar ist hochgesteckt. Heute würde sie sich nicht zieren. Im Spiel der Stadt. Singles und Touristen, die Nächte nicht allein verbringen müssen. Wieder sieht sie auf das Display. Fragt geschrieben nach, ob er sich noch verabschiedet, wieso er nicht antwortet, ob sie seine Nummer löschen soll.
Wenn nur die Erinnerung nicht wäre. An so wenig. Nur seine Hand in ihrer, die sich nicht meldet. Seit gestern. Nur seine Finger, die ihre Innenflächen berührten, als hinterließen sie Male unsichtbarer Kraft. Und ein paar Küsse.
»Weil es nicht meine war, um die es ging«, flüstert sie, »nur eine. Irgendeine Hand.«

Ich verspäte mich, ich will nicht, dass du auf mich wartest. Ich will auf dich warten. Bleibe zu Hause, bis ich am Bahnhof bin, dann erst gehe los. Als er das mitteilte, war sie längst auf dem Weg. Alles war gut. Die Nacht milde. Auf und Ab an historischen Gebäuden kurz bevor der Park beginnt. Von der U-Bahn Ausgespuckte, denen sie entgegen sah. Die vor ihr abbogen.
Spontan verabredet für einen abendlichen Spaziergang, genoss sie die frische Luft. November fiel ab von ihr und hing sich mit seiner romantischen Seite wieder fest. Sie betrachtete die Pinguine auf dem Plakat der Litfasssäule. Ging wieder zurück. Dann sah sie ihn. Er musste es sein. Schoss als einziger quer über vier Fahrspuren.
»And where is the park?«, nach der Begrüßung fragte er und schlotterte. Sie wusste immer noch nicht, aus welchem Land er kam. Doch die Stadt schien zu kalt.
Sie zeigte ihm den Lieblingsplatz im Park, der bei Sonne lockt und Wärme. Ein paar Kaninchen rannten davon. Tauchten wieder auf.
Sie schlenderten durch Seitenstraßen und erzählten einander ihre Geschichte. Gespräche über dies und das. Er wolle im nächsten Jahr für eine Weile in ihrer Stadt arbeiten und leben. Verstünden sie sich, könnten sie sich häufiger sehen.
Er folgte ihr zuerst, wohin sie wollte. Dann doch besser nicht zu weit, nicht zu lange sollte es gehen. Er schien erschöpft. Im Späti kaufte er ein Bier und Zigaretten. Sie wollte nichts. Zeigte ihm den Weg zurück. Einmal blieb er stehen. Drehte ihr Gesicht ins Licht. Gab ihr einen schnellen Kuss. Auf den Mund. Nur ein Kosten. Dann gingen sie weiter Richtung Brücke, dem abgesprochenen Treffpunkt. Der Mitte zwischen ihren Betten, die nur zwei Kilometer voneinander entfernt standen. Das wusste die App, über die sie sich trafen. An einem Auto blieb er stehen. Lehnte sich dagegen. Von der Brücke bog ein Radfahrer in ihre Richtung ab.
»How I say it in german, when I wanna kiss you?«

Du bist ein dummes Mädchen. Weil du nicht verstehst, wieso. Es wird einen anderen geben.
Aber es wird nicht so magisch sein.
Du bist albern. Geh auf den Weihnachtsmarkt und trinke Glühwein. Triff Freunde. Hören denen bei ihrem Liebeskummer zu und lass das einfach sein. Schmetterlinge fängt man nicht mit einem Handy.
Ich wollte keine Schmetterlinge. Ich wollte nur …
Während sich ihre Gedanken abklatschen, landet eine Nachricht auf ihrem Handy: »Hey, I came back to Israel. I’m sorry that we didn’t meet. I will talk with you, when I be back in Berlin.«

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