wie lange ist für immer?


Alice: Wie lange ist für immer?
Weißes Kaninchen: Manchmal genau eine Sekunde.

»Was bedeutet das? Das ist doch kein für IMMER … Papaaaa! Was heißt das?«, Willie springt vom Bett und Alice im Wunderland klappt zu. Das Buch kommt auf dem glatten Laken ins Rutschen und fällt zu Boden. Staub tanzt auf. Ein paar der vergilbten Papierseiten rutschen heraus. Willie reißt erschrocken die Augen auf, dann geht ihr Blick nach oben und sie murmelt Verzeihung! Danach bückt sie sich, ordnet die Seiten, klemmt das Buch unter den Arm und düst aus dem Zimmer. Die Treppe hinab. Zwei Stufen auf einmal. »Papaaaa!? Papa, wo bist du?«

***

»Müsst ihr wirklich schon los?«, die Frau, die das fragt, schaukelt ein Baby auf dem Arm. Ihre grauen Haare sind akkurat nach hinten gebunden. Braune Kämme halten den Dutt.
»Es regnet so stark und alle freuen sich, wenn ihr noch bleibt«, sie zögert einen Moment und küsst mit glasigen Augen dem Baby die Stirn, »mich eingeschlossen. Aber das wisst ihr ja. Bitte bleibt! Nur noch ein paar Minuten.«

Das junge Paar steht unschlüssig im Flur. Er nimmt ihre Hand. Sie senkt den Blick auf das Baby und schüttelt den Kopf. Aus dem Wohnzimmer hallt die Stimmung der berauschten Familie. Berauscht vom Tag und vom Selbstgebrannten. Berauscht von sich selbst. Die Stimmen der Väter übertönen sich zungenschwer. Dazwischen lachen die Halbstarken. Eine Frau fordert erfolglos Ruhe für das junge Glück.

Ihre erste Hochzeit war ein Spiel im Sandkasten. Stöcke und bunte Steine zierten die Torte, die sie sich dachten.

Später schoben sie sich Briefe zu und trafen sich heimlich im Wald. Sie zauberten mit Buchhelden und lasen einander vor, träumten sich Nester auf Bäumen oder lagen Hand in Hand im Gras und zeichneten Wolken nach. Dabei vergaßen sie, dass zu Hause Liebe mit großer Wut geschrieben wurde.

Irgendwann bekamen sie Herzklopfen, wenn sie einander sahen, und eines Tages stand FÜR IMMER auf dem weißen Stein, den sie an dem Abend unter das Kopfkissen legte, als der erste echte Kuss bis spät in die Nacht auf ihren Lippen brannte. Jetzt würden sie für immer den anderen lieben. Mit siebzehn wurde sie schwanger und sie wollten davon laufen.

»Seid ihr nicht auch froh, dass eure Väter das Kriegsbeil begraben haben?«, die Frau lächelt das Baby an und umfasst den Arm des Mädchens, »bleibt doch noch. Du bist so bildhübsch. Lass dich noch mal richtig von allen ansehen.«
Das Mädchen lächelt dankbar, »ich bin erschöpft, Granny. Und wir haben nur zwei Tage für uns …«
»Ja, genau!«, fällt der Junge ein, »Und es sind die ersten zwei Tage und Nächte, die wir für uns alleine haben«, dann sieht er zu dem schlafenden Bündel und zieht verkniffen die Lippen zusammen, »… und vermutlich auch die letzten! Draußen steht das Auto, das ich extra geliehen habe.«
Der Blick der alten Frau schwankt zwischen Enttäuschung und Verständnis.
»Na, gut«, sagt sie.
»Na, gut«, sagt das Mädchen im selben Moment und nickt dem Jungen zu, der resigniert den Kopf schüttelt, »aber nur eine Minute!«

***

Willie erreicht das Erdgeschoss. Auf dem Herd kocht Reis auf kleinster Flamme vor sich hin. Der Abwaschberg ist groß. Genauso wie die Sammlung leerer Flaschen. Ein paar Cornflakes liegen auf dem Tisch. Die Packung liegt umgekippt, der Kater daneben. Sein Schwanz kringelt sich, als das Mädchen die Tür zur Terrasse aufstößt und ruft, »Papa, bist du im Garten?«

Keine Antwort. Stattdessen fängt es an zu regnen, und die Terrassensteine bekommen dunkle Punkte. Dort, wo sie nicht mit Moos überzogen sind, hinterlassen die Wolken zuerst ein Muster, dann färben sie sie schwarz. Ein paar Steine fehlen ganz. An den Stellen wächst Farn. Der Garten ist lang und schmal, das Ende mit der kleinen Hütte hinter verwilderten Büschen und Bäumen versteckt. Die Nachbarn haben von allen Seiten hohe Zäune gezogen, durch die niemand sehen kann. Auch die Sonne nicht. Willie drückt das Buch fester an sich, dann zieht sie die Tür wieder zu und streicht dem Kater übers Fell. Als sie eine geöffnete Flasche Wein stehen sieht, verlässt sie eilig die Küche.

***

»Los, Junge! Stoß schon mit uns an! Sonst kann dein Kind nicht richtig pinkeln.«
Das junge Paar steht in der Nähe der Tür. Es zieht alle Blicke im Raum auf sich.
»Aber er trinkt doch nicht«, sagt das Mädchen und zupft dem Jungen am Jackenärmel.
»Ach, der eine haut ihn schon nicht aus den Latschen, was KEVIN?!«, der Vater zieht den Namen in die Länge und lacht schallend. Die übrigen Gäste stimmen mit ein.
Das Mädchen zieht die Schultern zusammen und sieht den Jungen an.
Dessen Atem wird schneller. Farbe weicht aus dem Gesicht.
»Du sollst mich nicht so nennen, Vater, ich will Leo genannt werden. Leo, wie Großvater, hörst du? Und ich werde niemals mit euch saufen!«
»Reize ihn nicht!«, zischt das Mädchen ihm zu.

Mit einem Ruck erhebt sich der Vater vom Tisch. Sein Stuhl fällt nach hinten, trifft die Vitrine. Gläser klirren. Nichts zerbricht. Schlagartig ist es still im Raum. Nur das leise Summen der alten Frau ist zu hören. Sie steht an der Kommode und wippt das Baby.
»Ach, ist der Herr sich zu fein für den Namen, den seine Eltern für ihn ausgesucht haben, ja?!«
Der Junge lässt die Hand des Mädchens los. Er ignoriert den schüttelnden Kopf und die bittenden Augen seiner Großmutter. Er ignoriert den antrainierten Selbstschutz. Nichts wird seine Worte stoppen. Ab heute nicht mehr. Über Jahre haben sie sich in den Kopf gefressen. Immer und immer, wenn er wegen seines Namens abgestempelt wurde, wenn er mit zerschlissenen Sachen das Klassenzimmer betrat und nach dem Unterricht dafür Prügel bezog, wenn er Ausflüge nicht mitmachen konnte, weil das Geld fehlte, wenn Vater im Suff den Gürtel aus der Hose riss und ihn erzog.

Etwas zerreißt in seinem Kopf. Die Aussprechbremse ist zum Bersten überdehnt. Als wolle er allem Hass und aller Abscheu, die sich herauswagen wollen, trotzdem noch Einhalt gebieten, atmet er tief und langsam, bevor er antwortet.
»Ja, mag sein, denn ich habe zwei Namen, verstehst du, und ab heute eine eigene Familie … und nur abgefuckte Assis wie du, nennen ihre Kinder nach Filmhelden. Also nenn mich nie wieder so!«
»Bist du verrückt, Leo?«, zischt das Mädchen.
»Um Himmels Willen!«, ruft ihm die alte Frau zu.
Das Baby beginnt zu weinen.

Mit roten Augen steht der Vater wankend am Tisch. Einem Automatismus nachgebend, nestelt er an der Schnalle seines Gürtels. Die aufkommenden Stimmen um ihn herum, erreichen ihn nicht. Aschfahl wird sein Gesicht. Er fixiert seinen Sohn. Zerrt den Lederriemen aus den Schlaufen.
»Na, warte!«, er taumelt um den Tisch »dir werd ich gleich Assi geben … ich bin immer noch der Mann im Haus!«, damit springt er auf seinen Sohn zu und holt mit erhobenem Arm aus.

Augenpaare starren. Die alte Frau springt, das Bündel auf die Kommode gelegt, dazwischen. Das Mädchen springt an die Kommode. Die Großmutter verheddert sich im weißen Kleid. Das Mädchen greift panisch nach dem Bündel, dreht den Kopf zur Großmutter, »aber nur eine Minute«, flüstert es, presst das Baby an sich und sieht, wie die alte Frau hinschlägt, spürt, wie ihr Fuß noch in der weißen Spitze hängt, die zerreißt. Mit dem Kopf schlägt sie gegen den Rauchertisch, an dem niemand sitzt, dem das Blut ins Gesicht spritzen könnte, wenn es würde. Im Film würde es spritzen. Hier nicht. Hier ist einfach nur alles ganz still. Großmutters Körper. Aller Atem. Alle Münder.

Das Mädchen fängt an zu summen und schaukelt das Baby, bis es aufhört zu weinen.

***

»Also hier bist du«, sagt Willie laut atmend. Sie hatte alle Zimmer durchsucht. Wohnzimmer. Schlafzimmer. Badezimmer. Kammer. Jetzt steht sie ganz oben in der Dachluke zum Arbeitszimmer. Zittert ein wenig. Sieht mit geweiteten Augen nach unten. Umklammert immer noch das Buch, und mit dem anderen Arm die oberste Sprosse der Stiege, »Hätte ich auch gleich drauf kommen können. Darf ich hoch zu dir?«
Der Vater sitzt zwischen Bücherstapeln am Boden. Ein Umzugskarton steht leer daneben. Ein Glas Rotwein. Unberührt. Wein ist immer nur für Gäste.
»Ich wollte dich was fragen, Papa … wie lange ist für immer?«

Leo hält ein Foto in der Hand. Andere liegen verteilt am Boden. Ein Schuhkarton steht halb geöffnet daneben.
»Was machst du da? Sind das Bilder von Mama? Was hast du für eine komische Jacke an?«
Leo sieht sie ungläubig an.
»Wilhelmine … wolltest du nicht lesen? Haben wir nicht abgemacht, dass du auf deinem Zimmer bleibst und liest?«
»Ja, Papa. Haben wir.«
»Und wieso hältst du dich nicht daran?«
»Weil ich etwas nicht verstehe und eine Frage habe. Und ich habe dich überall gesucht. Es hat angefangen zu regnen, weißt du?!«
»Ja. Es ist ja nicht zu überhören.«

Willie sieht nach oben. Es schlägt auf das Dach, als würden unendlich viele der weißen Knallerbsen herabfallen, die sie auf dem Weg zur Schule so gern von den Hecken zupft und dann zertritt.

»Stimmt, Papa …«, sie sieht zum Weinglas, »ist alles gut?«
»Nein. Eigentlich ist gar nichts gut. Heute ist der Tag, an dem gar nichts gut ist.«
»Welcher Tag?«
Leo seufzt. Wieso hatte er sie hier gelassen? Wieso nicht, wie sonst, zu den Nachbarn gebracht? Sie ist zu klein für diesen Tag. Er hätte wissen müssen, dass er sie nicht von sich fern halten kann.
»Der Reis kocht übrigens noch … soll ich ihn für dich ausmachen gehen?«
»Nur eine Minute«, murmelt Leo plötzlich abwesend, »manchmal ist für immer abhängig von nur einer Minute.«
»Komisch, das sagt das Weiße Kaninchen auch. Aber es sagt Sekunden. Und eben das ist es, was ich nicht verstehe. Wie kann für immer denn so kurz sein?«

***

»Du kannst so nicht fahren!«
»Sei still und steig ein!«
»Aber du wirst uns umbringen.«
»Du sollst still sein, hab ich gesagt!«

Der Regen ist stärker geworden. In Leo ist es leer. Nur die Augen des Vaters sieht er. Den brüllenden Mund. Die Hand an der Gürtelschnalle. Das Blaulicht vom Rettungswagen. Lena. Das Bündel.
»Wir hätten fahren sollen. Fahren sollen!«
Er hört das Summen. Großmutters Summen. Lenas Summen.
»Keine Minute mehr! Hörst du? Keine einzige Minute!«
In seiner Stimme steckt das Kind, dem plötzlich das Leben zu viel ist. Am Morgen haben sie für immer zueinander gesagt. Und es war kein Spiel mehr gewesen. Überhaupt war mit dem Bündel nichts mehr ein Spiel. Wenn Großmutter es nicht auf die Kommode gelegt hätte. Wenn sie einfach gleich gefahren wären. Jetzt liegt es hinter ihm. Festgeschnallt. Und schläft.

»Fahr nicht so schnell!«
»Sei endlich still!«

Lichter blitzen auf. Rote und gelbe. Die Straße ist rutschig. Die Baustelle an dieser Stelle zwei Tage alt. Er hört Lenas Schrei. Hört das Krachen. Hört das Lachen des Vaters. Um Himmels Willen sagt Großmutter. Bist du verrückt, fragt Lena. Nur in seinem Kopf.
Der Wagen steht still. Die Baustelle blinkt. Er spürt seine Beine nicht. Blut läuft ihm in die Augen. Lena wimmert leise. Eine ganze Ewigkeit. Vielleicht eine Minute. Dann ist alles still.

***

»Papa? Du bist traurig, weil wir Mama nicht mehr haben, stimmt’s? Und heute ist der Tag, wo ihr …«
»Sprich nicht weiter … bitte!«
»Aber es ist doch schon so lange …«
»Willie!«
Er dreht sich weg. Beginnt, die Fotos zurück in den Karton zu sortieren. Als er damit fertig ist, packt er ihn in die Umzugskiste, die alten Bücher dazu, und schiebt ihn anschließend ganz unten ins Regal. Willie steht geduldig. Dann richtet er sich auf und sieht schweigend aus dem Dachfenster. Er hält das Rotweinglas in der Hand, sieht in den Himmel und sieht nichts. Er trägt das Jackett von damals, wie jedes Jahr, und wartet.

Das Mädchen zupft ihm am Ärmel, »aber du trinkst doch nicht, Papa, das tust du nie …«
»Sei endlich still!«, herrscht er sie an und zuckt im selben Moment, als hätte ihm etwas einen Schlag versetzt. Er fasst sich an die Brust und sieht hinunter zu Willie, die immer noch mit ihrer Hand an seinem Ärmel hängt und deren Augen sich mit Tränen füllen. Die Fingerknöchel ihrer anderen Hand sind weiß gefärbt, so stark klammert sie sich an das Buch in ihrem Arm.

»Aber … Papa … wir … wir beide haben uns doch … für immer. Das ist doch viel mehr … als irgend so eine doofe Minute!«

Leo stellt das Glas langsam ab, entgegen dem Impuls, es schreiend an die Wand zu werfen, und hockt sich vor seine Tochter. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, sie richtig anzusehen. Er sieht in die Augen von Lena, sieht ihr erstes Lieblingsbuch in Willies Arm. Sieht ihre Tränen und den ängstlichen Blick.

»Bitte verzeih mir«, flüstert er, »für alles …«

»Schon gut, Papa«, Willie legt die Arme um den Hals ihres Vaters. Das Buch fällt zu Boden. Ein paar vergilbte Seiten rutschen heraus, »aber wir sollten jetzt unbedingt den Herd ausmachen.«

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