sektfrühstück


Der Regen rauscht wie Schnee. Wie der Schnee in alten Fernsehapparaten, wenn das Testbild Sendeschluss hatte, oder die Antenne auf dem Dach versagte. Wenn Helmut die Augen schließt, sieht er das Pfeffer-und-Salz-Gewimmel deutlich. Öffnet er sie, sieht er den leeren Platz neben sich. Geht sein Blick weiter, sieht er das Grau des Morgens dahinter – nass und im Rauschzustand. Lachend.
»Ja, lach du nur«, murmelt er, richtet sich auf und kneift schmerzverzerrt die Augen zusammen. Er drückt den Handballen gegen die Schläfe und lässt sich zurück ins Kissen sinken. Wasser, ich brauch Wasser. Das hätte mir gestern Abend schon klar sein müssen. Wie zur Kontrolle blinzelt er wieder auf das Kissen neben sich. Es ist unbenutzt, auch nach dem zweiten Blick. Rasch kneift er die Lider aufeinander. Du Idiot!

***

Freitag Abend, kurz vor Kassenschluss: Helmut griff lässig einen der Kindereinkaufswagen. Freitags ist Kochtag. Mit Elena hatte er freitags immer gemeinsam gekocht. Mit gutem Wein für gute Soßen. Und gute Stimmung. Manchmal hatten sie es nicht mal mehr aus der Küche geschafft. Was für eine Frau. Was für ein Monster.
Seufzend fischt er den Zettel aus der Jackentasche und geht die Rezeptliste durch. Frühlingszwiebeln. Lauch. Fenchel. Stangensellerie. Schwarze Reisnudeln. Hummus. Kein Fleisch. Nicht mal Käse. Wieso hatte er sich bloß darauf eingelassen?

Der Gesundheitswahn seiner Töchter war die reinste Folter, schenkte ihm allerdings mehr Beachtung in der Damenwelt. Er hatte relativ leicht ein paar Kilo verloren, und seine Kolleginnen begannen, ihn plötzlich in der Schlange vom Kaffeeautomaten wahrzunehmen.
»Papa, wenn du etwas an dir arbeitest, sieht dir die Fünfzig keiner an. Das erhöht deinen Marktwert ungemein. Du willst doch nicht den Rest deines Lebens dieser Elena nachtrauern. Mama ist sicher einverstanden, wenn wir dich gepimpt wieder in den Ring werfen.« Und dann gackerten sie, die blöden Hühner, winkten zum Himmel hinauf und schnappten ihn samt Kreditkarte.

Helmut packte Nudeln und Hummus zum Gemüse.
»Mann, sieht das traurig aus. Wie verzweifelt muss ich eigentlich sein?«
Wein, dachte er, steht nicht auf dem Zettel, aber verdammt nochmal, irgendein Laster ist mir wohl noch erlaubt. Wo war gleich das Weinregal?
Seit einem halben Jahr kaufte er nun schon in dem Ökoschuppen ein, nie war Alkohol dabei. Er bog um die Ecke, vorbei an der Käsetheke, vorbei am Fleisch glücklicher Tiere. Vorbei am Gebäck … da sah er sie plötzlich stehen: Nein! Kann doch nicht … die ist doch mit dem Tanzlehrer … Sie wird doch nicht?
Helmut hielt die Luft an. Genau genommen, war Boris auch Helmuts Tanzlehrer gewesen … mit einem Koitushüftschwung, den Helmut bis heute vergeblich vor dem Spiegel übte.
Er ließ die Fahnenstange des Einkaufswagens los. Kniff die Augen zusammen. Öffnete sie wieder. Doch der wohlgeformte Bleistiftrock stand immer noch an derselben Stelle vor dem Weinregal. Mit Haaren, die wie der Wellengang eines feuerroten Meeres bis zum Hintern fielen. Elena.

Kurz darauf lehnte sie mit dem Hintern an der Arbeitsplatte in Helmuts Küche und hielt lasziv ihr Glas in der Hand, während Helmut mit zitternden Fingern die Selleriestangen zerkleinerte:
Alles wie immer, wenn da bloß nicht diese verdammte Tatsache wäre, dass sie und der Tanzlehrer ein festes Paar … und für Elena Fremdgehen nicht in Frage kommt. Das ist überhaupt der Brüller!
An ihrer Linken glänzte ein Ring, dessen Strahlen ihm fast die Netzhaut verbrannten.
»Du siehst richtig gut aus«
»Ja, das haben die Zwillinge zu verantworten«, antwortete er beiläufig, legte das Messer aus der Hand, drehte ihr den Rücken zu und reckte beide Daumen siegreich in die Luft.
»Wie lange ist es jetzt her? Zwei Jahre?«
Elena nippte am Glas, während Helmut Wasser in den Nudeltopf füllte, »zwei Jahre. Einen Monat. Drei Wochen. Fünf Tage. Plus Stunden und Minuten. Unendliche Minuten.«
»Oh!«, sagte sie und leerte das Glas in einem Zug.
»Ja, oh! Ich bin ein Idiot. Habe nie aufgehört, dich zu lieben. Sollte dich zur Hölle … was ich auch getan habe. Aber ehrlich … dieser Boris, ja, wenn ich eine Frau wäre … oh Schreck, was rede ich?! Wie armselig …«
»Das ist es nicht. Ich habe an dir immer geschätzt, dass du nicht so ein Übermann bist.
»Übermann?«
»Naja, du bist streitbar. Hast kein übertriebenes Ego. Bist sensibel … hörst zu.«
»Alles Eigenschaften, die eine Frau zum Bleiben bewegen, wie wir beide wissen. Aber lassen wir das. Reich mir einfach die Gewürze, wie immer, und stehe verführerisch in meiner Küche. Ich weine mich später in den Schlaf.«

Etwas später am Esstisch:
»Das war köstlich. Auch wenn ich Hühnchen bevorzugt hätte.«
»Danke, mir reicht, dass DU mit am Tisch sitzt.«
»Bitte?«
»Egal … noch Wein?«
»Wie viele Flaschen haben wir schon …?«, Elena öffnete zwei Knöpfe ihrer Bluse, »mir ist so heiß.«
»Zwei. Und wir haben noch drei. Wann musst du zurück?«
»Zurück? Ich bin alleine … musste Papiere besorgen für die … Ich fliege erst Sonntag zurück.«
»Das bedeutet, er wartet heute nicht auf dich?«
»Stimmt. Aber was soll das heißen?«
»Nichts. Noch Wein?«, Helmut stand auf, verließ den Raum und blieb im Flur vor dem Spiegel stehen. Er hob das Shirt hoch, strich über seinen eingezogenen Bauch und zwinkerte sich zu:
Sie wird mich eh nicht ranlassen, also was soll’s, besaufen wir uns mit Stil.

»Hier. Nummer drei … soll ich uns Musik anmachen?«, Helmut entkorkte den Wein mit einem Plopp, »welches Stück mochtest du damals so gern?«
»Als ob du den Boléro von Ravel vergessen hättest …«
»Okay, die Frage war rhetorisch. Willst du nicht den Ring vom Finger …?«
Benommen nahm sie ihm das Glas aus der Hand und schüttelte den Kopf, »Ich … kann nicht.«
Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr während Helmut den Schrank mit der Schallplattensammlung öffnete. Als die Nadel des Plattenspielers übers Vinyl kratzte, leerte sie ihr Glas in einem Zug. Leise setzten Ravels Trommler ein. Helmut blieb in der Mitte des Raumes stehen und schloss die Augen. Langsam bewegte er sich zu den Tönen der einsetzenden Querflöte. Elena schenkte sich Wein nach. Lächelte. Als die Klarinette begann, war die dritte Flasche leer und Elenas Schuhe lagen unter dem Tisch.

»Das war fantastisch«, hauchte sie, »wie in alten Zeiten. Ich hatte vergessen, wie gut du dich bewegst.«
»Darauf sollten wir anstoßen, findest du nicht?«
Helmut nahm die Hände von Elenas Hüften und wedelte sich Luft unter das Shirt, »ich sollte mir zur Feier des Tages etwas anderes anziehen.« Er betrachtete die Rotweinflecke, »das hier gehört in die schmutzige Wäsche, die meine Nachbarn morgen sicherlich waschen werden, bei unserer Lautstärke.«
Elena fiel in sein albernes Gelächter mit ein und hob abwartend das leere Glas.
»Erst noch einen Schluck, dann lass ich dich für einen klitzekleinen Moment aus dem Zimmer. Allerdings nicht … bevor du den Boléro nochmal auflegst.«
»Der liegt ja noch, meine hübsche Teufelin, im Gegensatz zu mir.«
Gekicher. Plopp. Prost.
»Auf die Musik!«
»Nicht weglaufen …!«
Sie leerten die Gläser. Dann verschwand Elena ins Bad und Helmut öffnete den Kleiderschrank mit einem bedauernden Seitenblick auf das gemachte Bett.

Der Ring lag auf dem Waschbeckenrand. Den Slip hatte sie auf die Fliesen rutschen lassen. Die Nylons hielten von alleine. Leicht wankend stand Elena vor dem Spiegel, spielte an den Knöpfen ihrer Bluse und betrachtete sich: »ein Knopf kann ruhig noch …« gedankenlos zog sie die Bluse aus.

Helmut hatte die nächste Flasche geöffnet, saß auf dem Sofa und hatte eigentlich genug. Er nippte am Glas. Kommt sie überhaupt wieder? Er wollte doch gar nichts. Hatte sich damit abgefunden, einen Abend im Freundeskreis zu verbringen. Kleiner intimer Freundeskreis mit Geschichte. Rock ’n Roll wäre super, dann könnten wir nochmal das Tanzbein … Er torkelte zum Plattenschrank. Durchsuchte die Sechziger. Plötzlich spürte er Lippen auf seinem Hals, während sich ein Finger in seinen Mund schob. Verwirrt biss er zu. Erschrak. Doch Elena zeigte keine Regung. Sie saugte sich an seinem Hals fest, kicherte, drängte sich von hinten an ihn und legte die andere Hand auf seinen Schritt. Zu fühlen war … nichts.

Gene Vincent rockte und Helmut wollte sich konzentrieren. Im Nebel von Rotwein und Musik, von Ungläubigkeit und Freude. Das Hemd war ihm vom Leib geknöpft. Der Bleistiftrock hing wie ein Gürtel auf Elenas Hüften. Ein Strumpf hatte sich gelöst. Ihr Hintern schaukelte willig hin und her. Die rote Mähne bedeckte seinen Schoß. Das Zimmer drehte sich im Takt. Elena bemühte alle Geschicklichkeit. Oh ja, er wusste, was sie mit ihren Lippen … Teufelsweib! Verfluchter Wein! Be bop a lula. Nicht in Helmuts Hose.

Wenig später wurde ihr Kopf langsamer. Ihre Finger lagen still auf seinen Lenden. Ein schmatzendes Geräusch durchbrach die Pause zwischen zwei Songs. Gleicher Titel. Nun rockte Elvis. Mit den ersten Takten fing Elena an zu schluchzen:
»Du liebst mich gar nicht mehr …«
Sie lallte sabbernd und Helmut fühlte sich mies. Gleichzeitig erleichtert. Vielleicht hatte sie recht. Elvis sprang in der Warteschleife: Be bop a – Be bop a – Be bop a …

***

Als Helmut zum zweiten Mal erwacht, ist das Rauschen vorbei. Unsicher blinzelt er hinaus. Sieht die Blätter glänzen. Hat er geträumt? Oder war er gestern wirklich Elena begegnet? Und Boris? Hatte der tatsächlich den Hüftschwung mit ihm geübt? Und waren sie danach ernsthaft bei Rotwein philosophierend zusammen am Tisch gesessen? Ohne Elena? Ein heilloses Durcheinander an Bildern schwimmt in seinem Kopf. Was ist echt davon? Die Kopfschmerzen sind es. Oh, ja. Sehr echt. Verdammte Sauferei. Nur mit wem?
Er richtet sich auf. Sieht seine Sachen verteilt am Boden liegen. Meine Fresse. Wie alt bin ich? Er rauft sich die Haare. Die Gelenke knacken, als er sich streckt. Dann geht er ins Bad, füllt sich Wasser in die hohle Hand und trinkt. Wie konnte ich so versagen? Das Bild im Kopf von der Roten Mähne auf seinem Schoß erscheint plötzlich sehr realistisch. Bloß noch zum Pinkeln der Junge. Er seufzt, steigt in die Dusche und versteckt seinen Kopf unter einer Shampooexplosion.

»Ich habe den gleichen Leuchter in meinem Bad«, eine belegte Frauenstimme dringt in Helmuts Gedanken. Erschrocken stellt er das Wasser ab. Der Duschkopf fällt herunter und schlägt gegen die Wand. Schaum dringt in seine Augen. Hektisch wischt er sich darüber. Reißt sie auf. In der Tür zum Bad lehnt … ja, wer? Elena ist es nicht. Auch wenn die Frisur und die Figur im Bleistiftrock sie zum Verwechseln ähnlich machen.
»Wa-was?«
»Na, die Lampe da. Die kenne ich.«
»Ja?«
»Boris?«
»Boris?!«
»Können wir nochmal von vorne anfangen? Wo wir uns nun täglich sehen.«
»Täglich?«
»Ach, Boris! Ich fand das Rollenspiel super. Wirklich. Nur, nenn mich nicht weiter Elena!«
»Ni – nicht?«
Helmut hält sich den Duschvorhang zitternd vor seinen Schritt.
»Nein. Aber wie du mir mit deinem bei meinem Liebeskummer geholfen hast – das war Klasse!«
»Wirklich?«
»Ja! Wenn man bedenkt, dass wir uns nur vom Weinaussuchen kennen. Seltsam, dass wir uns in den Wochen davor noch nie in diesem Laden begegnet sind.«
»Seltsam … ja.«
»Also …. ich gehe jetzt hinunter in meine Wohnung. Bereite ein Frühstück vor. Dann beschwere ich mich bei dir über den gestrigen Lärm …«
»Lärm. Ja.«
»Genau. Dabei stellen wir fest, dass wir uns sympathisch sind, ich lade dich spontan auf ein Sektfrühstück ein …«
»Sektfrühstück?«
»Genau! … und ich würde dich dann übrigens Helmut nennen, so zum Ausgleich. So hieß nämlich mein Ex … achso, und ich habe nur eine kleine Flasche Prosecco im Haus«, kichert sie, schnappt sich das Höschen vom Boden und verlässt das Bad.

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