tod eines dichters


Es ist Nacht in der Stadt, die selbst zum Hochklappen der Bürgersteige zu früh in den Häusern verschwindet. Eine Stadt der Ängstlichen und Träumer. Kein Licht hinter den Fenstern. Nur dunkle Höhlen, die emotionslos und blöd aus zerschlissenen Wänden starren und die Erbärmlichkeit dahinter vor dem Rest der Welt verstecken.
Er zieht seine Klinge über den Asphalt. Das Geräusch springt gegen die Fassaden und heftet sich klirrend an jedes Feld blinden Fensterglases. Schwer und rasselnd landen seine Schritte, die er bedächtig wählt. Vor einer Abzweigung bleibt er stehen. Die nach links führende Gasse endet an einem Bauzaun. Dahinter liegt ein Park und etwas weiter das Krankenhaus der Stadt. Ein zufriedenes Knurren dringt aus seiner Kehle und er biegt ab.

***

Montag, 23:25 Uhr, 21. April, meines letzten Jahres

Ich habe mir ein Kettenhemd gestrickt. Gesponnen aus Worten, die sich aus mir lösen wollten und die ich zurückhielt, einem Todesstoß meiner inneren Freiheit gleich, weil ich über ihre Auswirkungen nachdachte.
Vielleicht. Bestimmt. Wahrscheinlich. Würden aus irgendeiner eurer Ecken Verlautbarungen inmitten zurückgezogner Zuneigung wie Pfeile in mich stoßen.
Was habe ich denn jetzt wieder gemacht?, mit dieser Frage stündet ihr verloren an meinem Bett, den festen Wunsch im Kopf, zwischen meinen Worten eine Wahrheit zu finden, die ihr versteht.
Ihr wollt Einfachheit. Doch die Sätze lösen sich aus mir, weil sie es müssen. Sie wollen nicht fragen und keine Rücksicht nehmen. Auf niemanden.
Es ist, als würde ein Lungenflügel in mir seinen Betrieb einstellen. Oberflächliches Atmen. Nie vollkommen frei. Weil diese Freiheit ein Trugbild ist. Oberflächliches Gedankenausatmen, weil der gekappte Wortflügel seinen Dienst versagt. Stattdessen blähen sich ablenkende Buchstaben in mir auf, die eine Freiheit vortäuschen, die nur der Tod zu geben im Stande ist.
Ich soll wieder operiert werden. Meine Därme beherbergen das Böse. Sie wollen es herausschneiden. Selbst auf die Gefahr hin, dass ich die Kontrolle über mein Intimstes verliere. Welch Schmarotzertum der Wirtschaft in diesem Land. Um jeden Preis erhaltbares Leben nummerieren, das nie wieder eines sein wird. Fahrt zur Hölle! Alle!

***

Er hat den Zaun erreicht, hebt die Klinge und umfährt die Form einer Tür. Der Weg ist frei. Durch den Park scheint schwach die Eingangsbeleuchtung der Notaufnahme. Wieder setzt er sein Werkzeug auf den Boden und zieht es neben sich her. Kiesel springen zur Seite. Schlagen gegen Bäume. Ein Kauz schreit auf und flattert davon. Er hält inne. Sieht dem Tier hinterher. Zur selben Zeit lassen sich nah um ihn herum ein Dutzend Krähen nieder. Sie neigen ihre Köpfe abwartend, dann hüpfen sie und verteilen sich bis zum Zaun, verharrend, in einer Reihe stehen bleibend, so als warteten sie auf ein Kommando. Die Gestalt gibt einen grunzenden Laut von sich, und sofort beginnen die Schwarzgefiederten, ihre Flügel nah über dem Boden zu bewegen. Bald schlagen, wedeln und hüpfen sie wie zum Tanze. Trotzdem geschieht es fast lautlos, und langsam verschwindet die Spur des durch die Kieselsteine gezogenen blanken Stahls.

***

Joe schiebt das Tagebuch unters Kissen.
»Schlafenszeit, Herr Blank, sie sollten das Licht löschen. Morgen kommt ein anstrengender Tag auf Sie zu.«
»So? Ist das so? Sagten die Ärzte nicht, die Anstrengung läge bei denen? Und ich solle mir keine Sorgen machen?«
»Sie sollten sich die Energie für Ihren Zynismus wirklich sparen, Herr Blank. Sie sind nicht in der Position, in denen für Scherze genug Zeit bleibt. Glauben Sie mir, Sie werden Kraft brauchen.«
Joes Blick hängt an der Warze fest, die an der Oberlippe der Nachtschwester wie ein Parasit hängt und sich bei jedem ihrer Worte auf und ab bewegt. Er lächelt spöttisch und äfft sie nach.
»Sie sind nicht in der Position … aha, aha. Ich bin also eher in der Position, dass mir eine kleine fette Nachtschwester zu sagen hat, in welcher Position ich mich befinde. Sieh an! Sieh an! Mit Verlaub, Werteste, beglücken Sie mich mit Ihrer Abwesenheit. Ich möchte schlafen. Ich brauche meine Kraft für morgen.«
Ohne eine Kommentar abzuwarten, dreht er sich um. Er hört die Schnappatmung der Mittvierzigerin, gefolgt von einem kurzen Räuspern und lächelt zufrieden.
»Herr Blank?«
Wieder ein Räuspern.
»Wie ich sehe, fallen Ihre Toilettengänge nicht zur vollsten Zufriedenheit aus. Die Sache mit dem Schließmuskel wird sich ab morgen wahrscheinlich sowieso erledigt haben. Aber damit haben Sie sich vermutlich bereits abgefunden. Sorgen macht mir hingegen die ausbleibende Befüllung Ihrer Ente.«
»Was ist los? Ich pinkle regelmäßig. Ich saufe den widerwärtigen Hängolintee und ich pisse ihn auch wieder aus. Sehen Sie genauer in Ihrer Liste nach!«
»Die Liste. Ach ja, das ist mein eigentliches Problem. Ich kann sie nicht finden. Und, nun ja, Sie werden verstehen, dass ich auf Nummer Sicher gehen muss, und dafür will ich nicht extra die Kollegen wach klingeln. Sie kennen ja das Prozedere. Vermutlich wissen Sie eh nicht mehr genau, ob Sie Männlein oder Weiblein sind. Da werden Sie so einen winzigen Schlauch in Ihrem Schlauch ja gar nicht merken«, sie lacht kurz auf, »nicht weglaufen, Herr Blank, ich bin sofort mit all meiner Zuwendung wieder bei Ihnen. Und sollten Sie Schwierigkeiten machen wollen, glauben Sie mir, ich habe schon an wesentlich längeren Hebeln gesessen.«

***

Dienstag, 1:10 Uhr, 22. April, mein letzter Tag als Mensch

Sie hat es getan. Grundlos hat sie mir mit ihren Wurstfingern den Katheder gelegt. Herumgestochert, als wäre mein Schwanz eine ausgeleierte Höhle. So ausgeleiert, wie ihre niemals sein wird. Oh, wenn ich an die schönen Momente als ganzer Kerl zurück denke. Was habe ich Euch Frauen geliebt. Mit jedem Tropfen, der in mir war. Nur gemerkt habt Ihr das nie. Stattdessen habt Ihr euch von meinen Worten die Höschen feucht werden lassen. Ja, Ihr wolltet den Dichter ficken. Ihr süßen Huren, die Ihr glaubtet, der Status Eurer Gatten würde mich nicht beeindrucken. Weil nur der Geist in uns zählt. Was habe ich gelitten. An mir mehr, denn an dem Rest der Welt, oder an dem Goldstaub auf Eurem Geschlecht. Honigsüß mein Schmerz und bitter. Bis zum heutigen Tage, weil ich noch lange nicht bin, wer ich bin. Denn ich traf Entscheidungen in meinem Leben, die in keiner noch so kleinen Faser eine Ahnung von meiner Existenz hatten.
Diese Wahrheit ist eine, die nur mir gehört. Die ich in der Dunkelheit verstecke und die Ihr, die Ihr mir in Fleischesliebe folgtet, niemals zu finden auserkoren wart. Keine von Euch.
Denn erst, wenn Ihr eines Tages aufhört, nach meinen Geheimnissen zu suchen, bette ich sie vor Euren Augen auf Wolkenfelder und lade Euch ein mich zu sehen.
Geliebte Blutsaugerinnen. Geistbeißerinnen. Gebt meiner Seele einen Stift in die Hand und dann lasst sie fliegen. Mein Körper hat erreicht, was er konnte, zerfällt nun bald und gehört entsorgt. Könnte ich zuvor noch ein Vermögen mit ihm verdienen, um danach nichts mehr zu brauchen, würde ich es tun. Doch jede von Euch, die mir etwas versprach, entpuppte sich als Schwätzerin. Jede, die sagte, sie wolle mir Hafen sein, jonglierte hinter ihrem Rücken mit den Steinen für eine Werft. Und was tat ich? Besser, was hätte ich tun sollen? Ich hätte Euch den schwersten abnehmen sollen, ihn in meiner Hand zu wiegen, um damit jede Eurer absonderliche Vorstellungen, ich könnte mich besitzen lassen, zu zertrümmern. Doch ich ließ das Bauen zu und nannte euch Musen. Zum Dank dafür hingt Ihr an meinen Lippen, nanntet Eure Gatten Versager und brachtet deren Geld mit mir durch viel triefende Nächte. Süße Huren. Euer Zucker wurde mein Verderben. Könntet Ihr mich hier sehen, Ihr würdet Euch von mir abwenden, den Lindenbäumen Tränen schenkend, unter denen ich Eure Körper und Seelen einst singend liebkoste. Als noch alle Pracht an Ort und Stelle, denn, Ja!, damit hat das Leben mich bedacht, Euch in Herz und Schoße zu erobern, war mein Erfolg, dem zu verkaufen ich mein sämtlich Sinnen vortäuschte. Nun wird es mich holen, noch bevor ich selbst mich zu erkennen im Stande bin. Werde nicht erfahren, wer ich war und euch und mir nie die Wahrheit, nie die reine Wahrheit vor Füßen legen.

***

Der Mond scheint kalt durch das Fenster. Ein blassroter Nebelkranz umgibt sein volles Gesicht. So sieht er dem Gemarterten beim Wachträumen zu, der sich vor den Geistern in seinem Inneren mehr zu fürchten scheint, als vor dem, was ihm durch fremder Menschen Hände an Willkür widerfährt und noch bevorsteht.
Ein Schatten zieht vorbei. Joe Blank dreht den Kopf und blinzelt in das pralle Silber am Himmel. Hallo Vollmond! Fast sehnsüchtig fliegt sein Blick davon, nimmt ihn an die Hand und balanciert auf unsichtbaren Straßen dem reflektierenden Gemisch aus Stein und Staub entgegen. Wie oft hatte er in Versen den eisigen Nachtwächter angeheult. Dort wäre ein guter Ort für den Tod. Nie monoton. Immer in Bewegung und Veränderung und doch in einer Kontinuität, die das Maß Sicherheit verleiht, was gerade so weit beschützt, um dadurch nicht in Trägheit zu enden.
Flügelschlagen lässt Joe aufhorchen. Und gleich noch einmal ertönt deutlich das Flattern von Vogelschwingen. Er hebt erstaunt die buschigen Brauen. Sieht zwei Krähen, die sich auf dem Fensterbrett niederlassen. Wie um ein Zeichen zu senden, klopfen sie mit ihren Schnäbeln leise auf das Kupferblech. Dann halten sie mit einem Ruck ihre Köpfe still. Jede richtet ein Auge auf Joe, um danach, die Schnäbel in die Höhe gereckt, drei kurze Schreie in die Nacht zu schicken. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken. Er schafft es nicht, wegzusehen und tastet nach der Schnur mit dem Alarmknopf.

***

»Guten Abend, Jonas!«, die eisige Stimme hallt durchs Zimmer, »wir haben uns lange nicht gesehen.«
Joe tastet noch verzweifelter nach der Klingel als zuvor. Er hebt seinen Kopf leicht an, kneift die Augen zusammen.
»Bemüh dich nicht, Jonas, es ist lange her. Dein Bewusstsein hat mich längst gelöscht«, das kurze Auflachen klingt bitter, »aber du sollst nicht dumm sterben, Jonas, soweit ist es doch mit dir, oder? Du liegst zum Sterben hier. Winselst in deinen Gedanken wie ein angeschossenes Tier darum erlöst zu werden. Schreibst du immer noch alles auf?«
Unwillkürlich greift Joe unters Kopfkissen. Sein Notizbuch. Der andere Arm, der in einer Schlaufe festhängt, gerät durch die schnelle Bewegung ins Schaukeln. Er zieht Luft durch die Zähne. Das Gesicht ist schmerzverzerrt. In quälender Langsamkeit tropfen die Zytostatika über ihm in die Vene. Die Einstichstelle ist entzündet. Unter der blassen und von Medikamenten aufgedunsenen Haut zieht sich eine ungleichmäßige Linie wie ein roter Faden vom Handgelenk bis zur Armbeuge.
»Diese widerliche Nachthexe«, zischt er, »hängt mich an sämtliche Schläuche, die sie zur Verfügung hat«, sein Atem geht schwer, »und sie schert sich einen Scheiß, wie es um …«
»Jonas, Jonas. Interessiert dich denn gar nicht, wer ich bin?«
»Ganz ehrlich? Ich habe eben entschieden, dich für ein Hirngespinst meines langsam auf den Höhepunkt zusteuernden Wahnsinns zu halten.« Er sieht zum Fenster. Die Krähen sind verschwunden. »Ich kann dich nicht sehen, ich höre eine Stimme, die mich dazu bringt, mit mir selbst zu reden. Machen wir ruhig weiter damit. Vielleicht entgehe ich so der morgigen Hinrichtung.«
»Ist es dir eigentlich recht, wenn ich dich Jonas nenne?« Die Stimme hat etwas von ihrer Kälte verloren.
»So hat mich seit meiner Kindheit niemand mehr genannt. Ein weiteres Indiz dafür, dass ich mich mit meinem Unterbewusstsein unterhalte, welches lediglich die Form eines schwarzen Nebels angenommen hat und mir zu Füßen über meinem Sarg schwebt. Ich wusste, dass ich irgendwann das Genre hätte wechseln sollen«, Joes Lachen geht in ein Krächzen über, »hast du die Krähen bemerkt? Oder habe ich mir die auch eingebildet? Sie sitzen nicht mehr da. Teufelswerkzeuge. Würde mich nicht wundern, wenn die Nachthexe die Biester trainiert hat, um meinen Geist zu malträtieren.«
Joe zieht sein Notizbuch unter dem Kissen hervor, angelt nach einem der Bleistifte auf dem Nachttisch und kratzt sich damit am Kopf. Sie sind frisch gespitzt, ihr Holz hart, die Minen wie Reißnadeln.
»Sprach ich gerade mit meinem Unterbewusstsein über die Möglichkeiten der Einbildung von Dingen, die nicht real sind? Es ist schlimmer, als ich dachte.«
»Darf ich dich etwas sehr Persönliches fragen, Jonas?«
»Bitte, bitte! Nur zu, höchste Zeit, dass ich so kurz vor meinem Ableben mit mir selbst auch einmal persönlich werde und sozusagen unter vier Augen spreche. Was für ein Geschenk!«
»Du solltest leiser reden. Du willst doch nicht, dass jemand unser Gespräch mitbekommt?«
»Natürlich nicht. Du hast ganz recht.« Er lächelt zynisch.
»Ich habe mir drei Fragen überlegt. Eine davon solltest du beantworten.«
»Oh, nur drei? Und was, wenn ich mich darauf nicht einlasse?«
»Das wirst du nur erfahren, wenn du es tust.«
»Du vergisst, dass ich, also besser gesagt WIR Mann sind und Neugier somit ein Fremdwort.«
»Nun, ich verlasse mich auf die weiblichen Anteile in dir.«
»Weiblich? Worauf spielst du an?«
»Erstens. Gibt es einen Moment in deinem Leben …«
»Moooment!«, Jonas hebt schnipsend die Hand, »gibt es dabei etwas zu gewinnen für mich?«
Joe starrt abwartend das dunkle Nichts an.
»Keine Antwort? Oder musst du erst überlegen? Wie wäre es denn mit einer Sofortrente? Ha – ha!«
Er klopft unruhig mit dem Bleistift auf die Bettdecke. Sein Lachen endet in einem Hustenanfall.
»Erstens!«, dröhnt die Stimme nun wieder mit der anfänglichen Eisigkeit, »und du lässt mich jetzt ausreden und zwar so lange ausreden, bis ich sage, du bist dran, Jonas. Fällst du mir noch einmal ins Wort, werde ich meine Fragen jemand anderem stellen und mein Besuch bei dir ist vorbei.«
Joe räuspert sich, schließt seinen Mund gehorsam mit den Fingern ab und wirft den imaginären Schlüssel Richtung Tür.
»Also zum dritten Mal; Erstens: Gibt es einen Moment in deinem Leben, zu dem du noch einmal zurück kehren möchtest? Zweitens: Gibt es einen Menschen in deinem Leben, bei dem du etwas gut zu machen hast? Drittens: Welches ist dein ältester Traum, der sich nicht erfüllt hat?«
Für einen kurzen Moment ist nur Joes schwerer Atem zu hören. »Du bist dran, Jonas!«

***

Dienstag, 2:45 Uhr, 22. April, es ist soweit

Es ist schlimmer, als ich dachte. Es ist endgültig so weit. Ich werde dieser Welt geben, was sie braucht. Mich. Sie soll mich nehmen, so lange ich meinen Geist beherrsche. In den letzten Minuten nahm ich mich ins Kreuzverhör. Ich weiß nicht, welche Macht das steuerte. Ich glaubte, in Würde meinen Körper hergeben zu können, sobald mein Verstand mit allem Irdischen abgerechnet und sich mir die Banalität eines menschlichen Daseins in vollem Umfang erschlossen hätte. Das hat sie nun. Anders als es mir lieb ist. Ein Dichter mehr oder weniger, ein Liebhaber, der seine Standhaftigkeit ins Kissen weint … machen wir uns nichts vor, es ist weniger als eine einzelne Wimper, die sich über alle Meere dieser Welt tragen lässt. Weniger als ein Staubkorn inmitten aller Wüstenflächen. Freilich, beides genügt der Tränen, für unliebsames Scheuern auf dem Fenster zur Realität … sei es drum, ich will nicht länger hinsehen. Und ich weiß in diesem Augenblick, dass es keinen geeigneteren Henker gibt, als mich selbst. Ich habe mich übers Ohr hauen lassen von meinem Innersten, habe mir Fragen gestellt, deren Antworten ich als Kind in Rinden ritzte. So gestehe ich also heute, fast vierzig Jahre später, dass ich eine Erfindung meiner selbst bin, so wie ich es diesem kleinen Jungen damals als Versprechen gab. Ein Geschöpf, das unsichtbarer nicht hätte sein können, nicht verletzter, nicht gedemütigter. Ich kehre in Gedanken noch einmal zurück an den Ort, wo wir uns Vergessen schworen. Ich sehe mir noch einmal seinen geschundenen Körper an, bedeckt mit Malen kranker Hirne, spüre seine Schmerzen, sein Ausgeliefertsein und höre mich, wie ich mein Versprechen gebe, während ich die Hände um seinen Hals lege und ihm die Dankbarkeit von den Wangen küsse, die aus seinen Augen tropft. Ich sehe wie damals in den Spiegel, verzweifelt, weil die Kraft für den eigenen Hals nicht genügt.
Ich gab ihm das Versprechen, niemals wieder unsichtbar zu sein. Das war unser Traum. Wir wollten gesehen und gehört werden. Ich spüre die Kälte des Spiegelglases, gegen das ich meine Lippen presste, bevor ich ihn begrub.
Nun, jetzt ist der Moment gekommen, an dem ich ihm die Freiheit zurück gebe. Ich werde das letzte kurze Wegstück nicht alleine gehen. Jonas, Jonas Blankenstein wird mit mir gehen, mit all seiner Verletzlichkeit und seiner Schwäche.

***

Es ist Nacht in der Stadt, die selbst zum Hochklappen der Bürgersteige zu früh in den Häusern verschwindet. Eine Stadt der Ängstlichen und Träumer.
Er zieht seine Klinge über den Asphalt, bleibt ein letztes Mal stehen und blickt zurück.
Zufriedenheit macht sich in ihm breit. Die Krähen umkreisen ihn und sein Brummen ufert in ein rhythmisches Ächzen, das lauter und lauter wird, bis es schließlich in eisigem Gelächter endet. Zwei Seelen hat er befreit und dafür einen geschundenen Körper aufgegeben. Der Dichter starb, wie er lebte, durch die Werkzeuge, mit denen er seine Worte unter die Menschen brachte. Worte, die ihn überleben werden und mehr sind, als eine einzelne Wimper oder ein Sandkorn es je zu sein vermögen.

 

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