der falsche verführer


Adeles Stimme überdeckt Gesprächsfetzen, Rauchwolken und die, denen sie entweichen. Ihre Version vom Love-Song. Erwartungsschwangere. Hängengebliebene. Zwei Uhr morgens. Am Tresen die, die nicht nach Hause wollen oder nicht allein. Dahinter das Mädchen. Sie spült Biertulpen. Der Barkeeper schiebt seine Brille zurück auf die Druckstellen zwischen den Augen und stellt unaufgefordert ein Glas Leitungswasser neben den Rotwein. Die Frau, nah am Ende des Tresens, blickt dankbar auf und nimmt einen Schluck. Dann massiert sie sich die Schläfen, löst die Haare und streift den Zopfgummi über das Handgelenk.
Der Mann, der sie beobachtet, lehnt hinter ihr an der Wand. Pornofunzeln färben sein Gesicht rot. Über dem Arm trägt er einen Mantel. Er zündet sich eine Zigarette an und lässt die Frau nicht aus den Augen. Durch den dünnen Stoff des Kleides zeichnen sich die Hügel der Wirbelsäule ab. Mit schnellen Bewegungen führt sie den Stift über die Seiten eines Skizzenblocks. Rauch beißt ihm in den Augen. Tränen steigen auf. Er nimmt die Zigarette aus dem Mundwinkel und drückt zwei Finger auf die Nasenwurzel.

Zwei Männer betreten die Bar. Bis auf die Frau sieht die Familie der Suchenden überrascht auf. Fremde im Wohnzimmer. Die beiden sehen sich um und bewegen sich nach einem Blickwechsel auf die Frau zu. Setzen sich neben sie. Etwa im selben Alter. Einer rechts, der andere links. Nach kurzer Zeit halten beide ein Bier in der Hand. Ihre Augen reden erneut miteinander. Die Frau bleibt unbeirrt vertieft zwischen Zeichenhand und dem Mädchen hinterm Tresen. Ihre Haare und Fingernägel leuchten. Nur die Farbe auf den Lippen ging im Abend und in den Spülvorgängen der Gläser verloren.

Die Frau ignoriert alle Blicke und zieht eine Metalldose aus einem Täschchen. Mit einem klickenden Geräusch schiebt sie den Deckel zurück und wischt mit dem Zeigefinger über den Inhalt. Sie bestreicht ihre Lippen, presst sie mehrmals aufeinander und lässt das Döschen wieder verschwinden. Nachdenklich dreht sie den Stift in die Hand. Klopft das Ende gegen ihr Schlüsselbein. Das Mädchen putzt die Schankanlage. Der Barkeeper lässt Belege aus der Kasse.

»Tagebuch? Schreibst du hier Tagebuch?«
Der Mann zu ihrer Linken beugt sich leicht in ihre Richtung. Sie sieht auf. Mustert ihn fragend, danach seinen Freund. Der Fragende trägt die Haare kurz und glatt gekämmt. Das Gesicht ist rundlich. Die Augen braun. Seine Cordhose ist weit geschnitten und verdeckt den größten Teil der klobigen Schuhe.
Das Gesicht des anderen ist schmaler. Locken fallen ihm bis auf die Schultern. Die hell leuchtenden Augen sind von Lachfältchen umgeben. Zur Jeans trägt er Chucks und ein lässiges Hemd.
»Du sprichst deutsch? War das nicht eben russisch, als ihr euch unterhalten habt?«, sie sieht den mit der Cordhose ungläubig an.
»Das war serbisch«, antwortet der andere schnell, diesmal mit deutlichem Akzent.
»Das ist kein Tagebuch, nein«, antwortet sie darauf kurz und zeichnet weiter.
»Das sieht man ja selten«, fügt der erste seiner Frage hinzu, »dass jemand mit einem Stift zugange ist. Die meisten Frauen sitzen da und tippen in ihre Handys. Da sage ich dann immer, ‚Von Facebook ist noch keine schwanger geworden.’«, er macht eine Pause und wartet ihre Reaktion ab, »bei dir musste ich mir einen anderen Spruch überlegen.«
»Schwanger? Wer sagt, dass ich schwanger werden will?«
Irritiert lässt sie den Stift in ihren Schoß sinken. Dann sieht sie ihn an, schüttelt den Kopf und dreht sich um zu dem anderen.
Der lächelt sie blinzelnd an, und für einen Moment zu lange bleiben ihre Blicke aneinander hängen. Der Anmachspruch des glatt Gekämmten rinnt auf den Tresen, tropft zu Boden und verdampft. Amy Winehouse singt Rehab.
»Ich heiße Milan. Und du?«, er legt den Arm um ihre Taille. Sofort zieht er ihn wieder weg, als hätte er sich verbrannt.
»Ivank. Ich bin Ivank«, fährt der mit dem Spruch dazwischen und streift den Kontrahenten mit einem Blick.

Der Mann an der Wand beobachtet die drei, schnappt Gesprächsfetzen auf und wertet dabei die Sprache ihrer Körperhaltungen aus. Der Dunkelhaarige ist nicht ihr Typ, wickelt sie aber mit seinem Interesse an ihrer Arbeit ein. Während sie immer wieder leicht innehält, weil die Hand des anderen kurz auf ihrem Rücken ruht, wie aus Versehen, bei einem Lacher zu einem Witz, den er gebrochen erzählt, redet sie mit ihm über ihre Pläne von einer eigenen Ausstellung. Von ihren Träumen, zeigt ihm Seiten ihres Skizzenblocks und tauscht Erinnerungen an die Stadt vor zwanzig Jahren.
Genau wie sie, ist er hier geboren und aufgewachsen. Seinen Freund hat der Krieg hergetrieben.
Immer wieder hebt sie ihren Wein, lacht befreiend, zu dritt stoßen sie an.
Das letzte Glas, das sie ihr spendieren können, wird gebracht. Danach gibt es nur noch Flaschen, sagt der Wirt. Auf ein Bier. Ja, wieso denn nicht? Ihr Skizzenblock ist längst zugeklappt und ihre Blicke wandern von dem Lachenden zu dem Ernsten.
»Schöne Augen hast du«, sagt sie dem irgendwann, der ihr gefällt, ganz anders als sein Freund, den sie nie bemerkt hätte.

»Tut mir leid, wir schließen«, der Barkeeper schiebt die Brille zurück, »aber die Flaschen könnt ihr ja mit vor die Tür nehmen.«

Sie verlassen die Bar. Der Mittfünfziger, der die ganze Zeit hinter ihnen gestanden hat, sitzt hinter dem Steuer eines 500er SL auf der gegenüberliegenden Straßenseite, hat die Scheibe heruntergekurbelt und bläst Rauchschwaden in die Luft. Der schwarze Fedora, den er jetzt trägt erinnert an Humphrey Bogart. Ihr Blick streift ihn nur kurz. Er presst die Lippen zusammen.
»Mein Gott, es ist ja schon hell«, staunt sie laut. Die Frischluft verteilt Cocktail, Wein und Bier in ihren Adern, die Blicke der Männer untereinander bemerkt sie nicht. Sie lässt sich vor der Tür auf dem Fensterbrett nieder. Stellt die Flasche neben sich. Nimmt einen Schluck. Dann zieht sie ihr Handy aus dem silbernen Täschchen und fotografiert die Hauswand gegenüber, die mit ihrem Gelb die aufgehende Sonne einfängt, und vor dessen Eingang der alte Mercedes steht.
»Wollt ihr wirklich schon nach Hause?«, fragt sie bittend, »es ist so ein schöner Morgen. Lasst uns doch noch weiterziehen!«

Die beiden Männer stehen wankend vor ihr. Der Zerzauste ein Stück Abseits. Viel stiller als zuvor. Sie seien beide viel zu müde. Müssten nach Hause. Es hätte ja auch nichts mehr auf.
Sie schmollt enttäuscht, wolle doch noch nicht, es wäre doch gerade … Doch dann scheint sich ihr Wille in innerem Taumel aufzulösen, Hormone reichen dem genossenen Alkohol die Hände. Sie schließt die Augen, lehnt den Kopf an das Fenster und lächelt stumm.

Plötzlich fährt sie erschrocken auf,
»Habe ich gesagt, dass ich geküsst werden will?«
Ihre Augen sind aufgerissen. Dann formen sie sich zu Schlitzen. Nicht energisch genug schiebt sie den Dunkelhaarigen von sich. Hält ihren ausgestreckten Arm gegen seine Brust gedrückt.
Von der Seite ertönt ein Tschüss. Bewegungslos sieht sie der schlanken Gestalt hinterher, die resigniert die Arme hebt, sich nicht mehr umdreht und nur ein trauriges Bild hinterlässt. Ihre Blicke rufen ihm nach. Bleib doch da. Wieso gehst du denn?

***

Adeles Gesang deckt die Gedanken zu. Die Frau radelt durch die erwachte Stadt, die Ohren zugesperrt mit ihrer Musik. Die Haare zu einem Knoten gebunden. Immer schneller treten ihre Beine die Pedalen. Ihr Kleid flattert im Fahrtwind. Immer klarer wollen Bilder sich breit machen. Bilder vom Verführenlassen.
Wie ein Teenager war sie Lockrufen gefolgt, die sie nüchtern nie erreicht hätten. Nie und nimmer war das ihr Typ. Nett, gepflegt, clever und dreist. Sie hat ihm keine Zeichen gesendet. Das hätte sie nie. Sie schwankt zwischen Erstaunen darüber, was dem Glattgekämmten gelungen war und der Enttäuschung über sich selbst.

Der Fahrtwind kühlt ihre Schläfen. Menschen mit Bäckertüten kommen ihr entgegen. Ein Schlepper gibt unter der Brücke Signal.
Es hätte ein schöner Tag werden können. Mit Zucker auf den Lippen. Vom Kameruner frühstücken, als die Stadt noch schlief.
Jetzt schmecken sie salzig. Sie kaut auf fremden Lippen, die nicht ihre waren in den letzten Stunden. Stunden, die durch ihren Körper zirkulieren und sie von Minute zu Minute wacher werden lassen. Sie stellt die Musik am Handy lauter, und Adele deckt ihre Gedanken zu und malt das Bild des davongehenden Mannes mit den erhobenen Armen. Das Brodeln des SL, der ihr seit einer Weile folgt, dringt nicht zu ihr vor.

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