dein leben außerhalb


Ich komme nicht aus meiner Komfortzone heraus. Selbst wenn ich es wollte, würde meine Libido nicht über den Körper hinweg steigen, der mir im Weg liegt.

In meiner Höhle bin ich sicher. Ich kenne die Geräusche. Ahne an den Schatten, die vom Tageslicht ins Zimmer geworfen werden, wie spät es ist. Vernehme am Duft der frisch gebackenen Cones, wann das neue Bistro unter mir seinen Betrieb beginnt und wie gut es besucht ist. Die Anzahl der aufsteigenden Backduftwolken verrät es mir.
Kay schwärmte gestern von der Inneneinrichtung des Cones, wie es sich schlicht nennt. Geschwungene Wandflächen über Eck, mit Tafelschwarz bestrichen und von Natursteinen eingefasst, ergeben die Speisekarte. In verschiedenen Kreidefarben stehen darauf die Angebote. Mit kleinen Zeichnungen und Schnörkeln verziert. Drei quadratische Bistrotische aus Massivholz reihen sich auf der Seite gegenüber. Dazu jeweils zwei kantige Stühle. Eine Rolle Küchenpapier griffbereit. Dazu Öl, Salz, Pfeffer. Ein gläserner Tresen, hinter dem die Gemüsesorten in Edelstahlbehältern auf Hungrige warten, ragt in die Mitte des Raumes, der nicht größer sei als mein Zimmer.

»Küchenpapier?« Ich sah Kay fragend an.
»Ja, das Essen der Dinger will gelernt sein. Aber wer es geschafft hat, einen Döner zu besiegen, schafft auch das«, versicherte er und zwinkerte mir zu. Ich wusste, worauf er anspielte. Ich war und bin ein Tollpatsch in Essensdingen. Auch sonst im Leben. Mein Tagespensum trage ich stets auf der Brust.
Cones, in Form und Größe einer Waffeltüte ähnlich, werden mit Gemüse gefüllt und mit Käse oder gemahlenen Walnüssen bestreut, drehend aufgewärmt und danach in einem Metallgestell serviert.
»Man knabbert sich von oben nach unten durch«, erklärte er und holte eins hinter seinem Rücken hervor.
In dem Hefeteiggebäck ergaben, gemischt in Tomatensoße, mundgerecht gewürfelte Süßkartoffeln, Oliven, Zucchini und Paprika sowie Mais ein neues kulinarisches Erlebnis für mich. Ich verbrannte mir beim Essen zweimal die Zunge und hielt sie in die selbst gemachte Limonade, die das Bistro zu den Gemüsetüten anbietet. Die Mischung aus Holunder, Minze, Gurke und Soda war eine hervorragende Erfrischung und kühlte meine überhitzten Geschmacksknospen.

Kays Fürsorge tat gut – seit Wochen hatte ich gehofft, er käme auf die Idee, mich mit dem Angebot der neuen Mieter im Erdgeschoss zu überraschen – und ich genoss das außergewöhnliche Mahl sehr. Ich mag es, wenn die Norm verlassen wird. Wenn einer sich traut, dem Anderssein Glanz aufzusprühen. Feinen Glanz, der eher an moosigen Waldboden erinnert und Feenstaub, denn an das Goldgeflitter der Zugezogenen, das sie auf der Haut und an Handgelenken tragen. Mit dem sie alte Kiezbewohner aus den beliebtesten Blocks heraus blenden. Alle Nachbarn hatten über kurz oder lang unseren Aufgang verlassen. Nur ich war noch da. Mit attestiertem Bestandsschutz versteht sich.

Vor meinem Fenster beginnt ein Hupkonzert.
»Parkt da wieder einer in zweiter Reihe?«, murmelt Kay und zieht sich genervt eine Ecke des Kissens über das Ohr. Ich rücke dicht an ihn heran. Freue mich, dass er aufgewacht ist. Schließe meine Augen und atme seine Nähe ein. Doch Kay reagiert nicht. So schnell er im Halbschlaf sein Gegrummel von sich gab, so schnell hat er in seine ruhige Atmung zurück gefunden. Ich will nicht enttäuscht sein und hole mir die Erinnerung an gestern Abend ins Gedächtnis. Sein Rücken wärmt meinen Bauch. Ich spüre ein Ziehen. Dann fängt mein Herz schnell und aufgeregt zu schlagen an. Ich balle meine Hände zu Fäusten. Die fürs Klavierspiel viel zu langen Fingernägel bohren sich in meine Handflächen. Ohne Kay wäre ich verloren. Nur ein schaukelnder Korken auf dem Ozean. Wie wir alle. So, wie die Therapeutin das immer wieder vorgekaut hat. Ich bin ein Korken, sollte ich sagen, wenn es mich wieder hatte, ich bin nur ein schaukelnder Korken auf dem Ozean und ich kann nichts ändern.
Ich atme tief durch die Nase ein. Halte für einen Moment die Luft an. Nur keine Panik. Er ist ja da. Alles ist gut. Langsamer als hinein, lasse ich die Luft wieder hinaus, öffne die Augen, mit ihnen meine Hände. Wiederhole die antrainierte Atemtechnik, bis ich wieder ruhig bin. Dann lege ich meine Hand auf Kays Brust. Sein Herz klopft gegen meine Fingerspitzen. Das Hupen vor dem Haus verebbt.
Ich versuche in dem Spiegel, der vor meinem Fenster hängt, etwas zu erkennen. Vielleicht hat zeitgleich der DHL-Mann den Rachen seines Lieferfahrzeugs aufgerissen. Doch bis auf den üblichen Eingangsbereich und die Parkbucht fällt mir nichts auf. Drei beparkte Autolängen. Mehr nicht.
Auf dem Nachttisch liegt das Buch, das Kay für mich bestellt hatte. Es liegt extra dort, damit er denkt, ich läse darin. Ich sehe es schuldbewusst an.
Dein Leben außerhalb, steht in fetten roten Buchstaben auf dem Titel. Im Hintergrund das Landschaftsbild einer Alm. Wie kann man nur diese Farbe für die Schrift wählen, wenn es aufmuntern soll? Für mich sieht es aus wie eine Drohung. Genauso der Untertitel, Wege aus der Komfortzone ins Leben. Ich will das überhaupt nicht. Ich will mich den Blicken der anderen da draußen nicht aussetzen. Was, wenn sie die Augen rollen? Was, wenn ich einen von ihnen falsch ansehe und der dann denkt, dass ich ihn provozieren will? Und der ist vielleicht cholerisch und schlägt sofort zu. Oder was, wenn ich die Straße überqueren muss? Die Ampeln springen immer irgendwann zurück auf rot. Ich weiß das. Die können das auch machen, während ich noch auf die andere Seite will. Ich kann nicht auf jedes Unglück achten. Was, wenn ich einem frei laufenden Hund begegne. Ich wäre doch viel zu langsam, um davon zu laufen. Oder was sonst alles passieren kann. Die Zeitung ist voll davon. Jeden Tag sterben Menschen. Überall. Meine Gedanken fliegen in geschriebenen Worten durch meinen Kopf. Ich sehe sie und balle die Hand vor meinem Bauch erneut. Die andere drücke ich fester gegen Kays Brust. Er seufzt laut.
»Karla?«
»Ja?«
»Was ist los? Wieso bist du so unruhig? Ich muss später zum Dienst und brauche meinen Schlaf.«
»Bist du mir böse? Das tut mir leid. Ich wollte nicht … es ist nur … das Buch. Es macht mir Angst, dass ich …«
»Was macht dir Angst?«
Er dreht sich zu mir um und sieht mich ernst an. Ich mag den gelben Kranz, der die Pupillen umzieht. Gleichmäßig geht er in das schönste Grün über, das ich in einem Menschengesicht wahrgenommen habe. Nur die Augen der Katze meiner Großmutter leuchten greller. Jetzt jedoch ist der Kranz klein. Die Pupillen eng. Die Morgensonne zwingt Kay, zu blinzeln.
»Was macht dir Angst?«, wiederholt er weniger streng und streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Ich zucke weg, fürchte mich vor diesen winzigen schwarzen Punkten in seinen Augen. So klein waren die noch nie. Wenn sie groß sind, spricht das für Sympathie. Und für Dunkelheit. Es macht mir zu schaffen, dass ich das nicht beeinflussen kann. Bin der Veränderung in seinem Blick total ausgeliefert. Es kann vom Sonnenlicht kommen. Oder er liebt mich überhaupt nicht.

»Irgendwann wird ihn dein hübsches Gesicht nicht mehr von der Wahrheit ablenken können«, hatte Susi gesagt, als sie mich in der Klinik besuchte und unser Techtelmechtel mitbekam. Susi Sorglos, die eigentlich Konstanze Wunder hieß. Ich hatte sie umgetauft. Früher schon, als die Welt noch in Ordnung war. Was sie damit sagen wolle, fragte ich und musste mir anhören, dass Kay irgendwann von meiner Macke angeödet sein würde. Macke nannte sie es. Dafür gehörte ihr das Gesicht zerkratzt. Doch ich machte meine Wut auf sie mit mir selber aus.
Auf der Station hatten sie sämtliche Klingen eingesammelt. Genauso Kugelschreiber. Alles, womit wir uns selbst oder andere hätten verletzen können. Nur mit dem Schneiden der Fingernägel waren sie nicht hinterher gekommen.
Zwei Tage später besuchte mich Kay während seiner Nachtschicht. Ich konnte wie immer nicht schlafen und stand am Fenster. Beobachtete die wenigen beleuchteten Zimmer des Seitenflügels, in dem er Dienst hatte, als er mich von hinten umfasste. Noch bevor ich ihn davon abhalten konnte, verschwand er mit seinen Händen unter meinem Shirt. Ich zog hörbar Luft durch die Zähne. Er mag meinen Bauch. Ich hätte wissen müssen, dass ich meinen Rückfall nicht vor ihm verheimlichen kann und biss mir ängstlich auf die Lippen. Konstanzes Worte hallten in mir wieder. Ich war darauf gefasst, dass er mir eine Predigt halten, sich von mir abwenden würde, aber nicht darauf, wie er mich schweigend und voller Zuneigung ansah. Er hauchte ‚Beweg dich nicht!‘ in mein Ohr und erschien kurz danach mit Jod, Tupfern, Wundsalbe und Verbandszeug. Die Wunden hatten sich entzündet. Meine Fingernägel waren schlimmer als Katzenkrallen. Verraten hat er mich nicht.

»Karla. Sprich mit mir. Bitte! Wo in deinem Kopf bist du gerade?«
»Bei dir. Ich bin bei dir.«
»Wieso ziehst du dann deine Stirn in Falten?«
»Was? Ach … ich musste gerade daran denken, wie du mich verarztet hast. Du hast viel für mich riskiert, Kay. Viel zu viel. Es hätte dich deinen Job kosten können.«
»Hat es aber nicht.«
Er stützt sich auf und spannt die Oberarme an. Er weiß, dass ich darauf stehe, die leichten Wölbungen seiner Muskeln zu berühren und grinst mich an. Durch die breite Zahnlücke lockt seine Zunge, die sich hinausschieben will, als wäre sie zu lang. Dass er lacht, beruhigt mich für den Moment und wie selbstverständlich berühren sich unsere Lippen. Dabei ziehe ich an einer seiner bunten Dreadlocks, um gleich darauf kreischend aus dem Bett zu springen. Er wirft mir wie erwartet sein Kissen hinterher und ich rufe lachend »Kaffee ans Bett?«, als es plötzlich an der Türe Sturm klingelt.

***

Es ist Nacht. Der Teil der Nacht, in dem kein einziges Auto in der Stadt unterwegs ist. Vor einer Stunde habe ich Absätze klappern hören. Von dieser Frau aus dem Nebenaufgang. Sie kündigt sich regelmäßig zur gleichen Zeit damit an, seit sie vor einem halben Jahr eingezogen ist. Zuerst hallt ihr näher kommender Gang zwischen den Blocks. Dann das Suchen ihres Schlüsselbundes, wenn sie unseren erreicht hat. Zuletzt das Öffnen und Schließen der Haustür. Wie sie aussieht, weiß ich nicht. Der Spiegel am Fenster verrät in der Dunkelheit nur, dass kein Licht in der Straße brennt. Und wie sie das Haus verlässt, vor allem wann, das blieb mir bisher auch verborgen.

Vier Tage ist es schon her, dass sie Kay abgeholt haben. Alles ging ganz schnell. Zwei Beamte in Zivil. Irgendetwas mit Betäubungsmitteln. Ich hatte nicht genau verstanden, was sie ihm vorwarfen. War zurückgesprungen, als sie in der Tür standen und nach ihm fragten. Anschließend saß ich mit zitternden Händen auf dem Küchenstuhl und sah zu, wie er sich anzog. Die Sommersprossen waren in seinem rot angelaufenen Gesicht verschwunden, wie zerplatzende Luftblasen an der Wasseroberfläche eines Aquariums. Er sah mich nur an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann verließen sie mit ihm meine Wohnung.

Mein Vater hatte früher einige Aquarien. War Mitglied im Zierfisch-Verein. Stundenlang sah ich ihm zu, wie er die übereinander stehenden Becken im Schlafzimmer säuberte und wie hungrige Barsche beim Füttern seine Fingerspitzen berührten. Ich durfte meine Finger auch hineinhalten. Es kitzelte, als die Fische mit ihren dicken Lippen dagegen tippten. Als wüchsen mir Würmer aus den Handflächen. Ein anderes Mal zeigte er mir, wie sie Steine in ihrem Maul transportierten, um Höhlen zu bauen, und wie sie später ihre Babys genauso einsammelten und an anderer Stelle wieder ausspuckten.

Dann spuckte er uns aus. Von einem Tag auf den anderen ging er fort, ließ mich, meine Geschwister und unsere Mutter zurück, die ein halbes Jahr später wie ein Fisch im See verschwand. So hatte die dicke Uschi es jedenfalls erzählt. Das mit dem See und den Fischen. Ihre Augen glänzten dabei traurig und sie drückte uns an ihre weichen Brüste. Ursula Huck, ehemalige Nachbarin und beste Freundin unserer Mutter, durfte uns später an den Wochenenden zu sich holen. Sie ging mit uns an den See und sammelte mit meinen beiden kleinen Geschwistern Steine und Stöckchen zum Basteln. Ich saß in der Zeit schweigend am Ufer und träumte davon, wie unsere Mutter als Seejungfrau zwischen den Schilfblättern zu mir herüber sah. Und wenn mitten auf dem Wasserspiegel eine Flosse platschte, dachte ich, sie wäre es und würde mir winken. Eines Tages stellte uns Uschi ihrem Freund vor, der eigene Kinder mit ihr wollte. Von da an holte sie uns seltener zu sich. Irgendwann blieb sie ganz weg. Meine Geschwister wurden in Pflegefamilien vermittelt. Mich wollte niemand. Ich begann, mich immer mehr in mich zurück zu ziehen. Aus irgendeinem Grund gab ich mir die Schuld daran, dass unsere Eltern fort waren.

Wunderbare Stille und kein Zeichen von Kay. Auf seiner Station will ich nicht anrufen. Ich fürchte die Reaktionen. Antworten auf meine ungeschickten Fragen. Dumme Bemerkungen. Menschen machen dumme Bemerkungen und scheren sich einen Teufel darum, was es mit dem Gegenüber macht. Ich verstehe es nicht. Er hat sicher nichts getan. Betäubungsmittel? Was meinten die damit?

Die Nacht könnte mein Freund sein, hatte er gesagt, als wir darüber sprachen, wie ich meine Angst umarmen könnte. So nannte er das. Ich solle sie umarmen und begrüßen. Sie wäre ein Teil von mir. Kay wäre ein guter Therapeut. Er hat Recht mit der Nacht. Es sind keine Menschen auf der Straße, die ich anrempeln könnte. Keine Autos, die zu schnell fahren. Keine Hunde, die beißen. Ratten vielleicht? In Städten gibt es Ratten. Ich lege die Hand auf meinen Bauch. Kralle sie zur Faust. Haut und Fettschicht dazwischen. Ich spüre den Schmerz und lasse los. Ein Knurren kommt als Antwort aus meiner verschluckten Höhle. Ich habe ihm versprochen, es nicht zu tun.
Ich lasse mich vom Magenknurren in die Küche treiben, obwohl ich weiß, dass ich nichts finden werde. Die letzte Banane aß ich gestern Morgen. An dem Tag, als sie Kay abführten, wollte er meine Vorräte auffüllen.
Meine Hände formen sich erneut zu Fäusten. Ich presse sie gegen meinen Kopf. Wie in einem Schraubstock klemmt er dazwischen. Ohne Kay bin ich nichts. Wie soll ich an Essen gelangen? Wieder muss ich an Susi denken. Vorher hatte sie mir lange zur Seite gestanden. Doch ich wehre mich dagegen. Nein! Dreimal Nein! Sie hat es Macke genannt.

Über der Spüle lasse ich das Wasser laufen, bis es kalt genug ist. Dann fülle ich ein Glas und taste im Hängeschrank nach der Schachtel. Ich drücke zwei Kapseln durch die Aluminiumfolie in meinen Mund, werfe den Kopf in den Nacken. Trinke das Glas mit einem Zug leer. Die Schachtel! Kay brachte sie mir mit, wenn eine zur Neige ging. Ohne Rezept. Damit ich schlafen kann. Damit ich meinen Bauch in Ruhe lasse. Die Klingen nur für glatte Achseln und Beine verwende. Betäubungsmittel?
Erneut fülle ich Wasser nach, setze schwankend einen Fuß vor den anderen zurück ins Zimmer. Ist Kay etwa wegen mir …? Bin ich Schuld, dass er weg ist? Schon wieder?
Verunsichert stelle ich das Glas auf den Nachttisch. Dabei fällt mein Blick auf das Buch. Schemenhaft liegt es da. Keine drohenden Buchstaben zeigt es in der Dunkelheit. Stattdessen drohen Angst und Einsamkeit sich über mir zu entladen. Rasch bewege ich mich auf das gekippte Fenster zu. Gierig nach Frischluft. Ein Windhauch erreicht meine Wange wie ein Streicheln, mit dessen Liebkosung ich die Schwüle einatme. Regen hatte sich über den Tag verteilt mehrfach über der Stadt ausgeschüttet. Die schweren Tropfen mussten von der erwärmten Erde als Dampf empor gestiegen sein und hingen noch in Straßenarmen zwischen Häuserzeilen fest.
Ich erinnere mich an heiße Sommertage, wenn wir als Kinder barfuß durch Pfützen sprangen. Aufgewärmte Regenwasserseen in Mulden aus verschobenen Gehwegplatten lockten, weil die Bäume der Allee ihre Wurzeln durch das Erdreich drängten. Die Sandalen in der Hand. Schmutzige Socken in der Hosentasche. Keine Angst vor dem Nachhausegehen, weil Mutter uns den Sommer ließ. Und Vater es nicht merken würde.
„Nach dem Regen duftet es“ – mir geht die Zeile nicht aus dem Kopf und ich überlege, woher ich sie kenne. Ist es ein Filmtitel? Der eines Buches? Das Buch! Kay hat mir das Buch geschenkt, weil es mir helfen soll. Weil es UNS helfen soll. Wie konnte ich an seiner Liebe zweifeln? Die Schritte zum Bett fallen mir schwer. Bleifüße im ersten Gang. Die Wirkung der Kapseln setzt ein. Ich lasse mich auf die Matratze fallen. Taste nach dem Ratgeber. Er soll bei mir liegen. Neben dem Kopfkissen. Gleich morgen werde ich ihn aufschlagen und darin lesen. Meinen Hunger weglesen. Vielleicht etwas von der Angst. Susi? Morgen muss ich essen. Ich taste blind über den Nachttisch. Kurz darauf erreicht mich das Klirren des herunterfallenden Glases wie aus weiter Ferne. Wie aus einer fremden Welt.

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