schraube locker zum glück


Der Moment, in dem Marleen stärker in die Pedale trat und es bedrohlich knarzte und knackte, ließ sie unruhig werden. Seit Tagen gab ihr Rad diese Töne von sich, wenn sie den Berg hinauf fuhr. Halt bloß durch! Wenn du den Geist aufgibst, sehe ich alt aus … am ersten Tag unpünktlich? Das geht gar nicht!

Endlich hatte sie den Anstieg geschafft, und ließ hinter der Kuppe den Rädern freien Lauf. Sie genoss den Fahrtwind. Die klare Herbstluft kühlte ihre Wangen. Für einen Moment schloss Marleen die Augen und atmete tief ein. Lächelnd rollte sie die Allee hinab, vorbei an gelben Lindenblättern, die der Wind aus den Baumkronen schüttelte. Vorbei am Duft frischer Brote, als sie die Bäckerei passierte. Vorbei an Kinderstimmen im Garten der Tagesstätte, in der sie in ihrem alten Leben gearbeitet hatte … als sie noch brav funktionierte. Plötzlich spürte sie einen dumpfen Druck in der Brust. Nicht zurück denken, nur jetzt und nach vorne! Alles vergangen und nicht zu verändern. Sie zählte bis zehn, dann verblassten die Kinderstimmen.

»Du hast tatsächlich die Stelle in dem Reisebüro bekommen!«, Lena war vor Freude in die Luft gesprungen, »das wird fantastisch werden, ich sag’s dir. Wer sich mit Traumreisen umgibt, muss sich doch traumhaft fühlen, und dann auch noch Teilzeit! Menschen, die Urlaube planen, sind doch immer gut drauf. Mensch, Marleen, du wirst sehen, ab jetzt geht’s wieder bergauf und die Sache mit den Kerlen wird auch wieder laufen. Wirste sehen!«
Vor einer Woche hatte sie ihre Freundin in ihrem Lieblingscafé getroffen und ihr von dem Jobangebot erzählt.

Ja, die Arbeit dort würde sich gut anfühlen, davon war sie überzeugt. Wenn sie nur nicht so spät dran wäre! Marleen hatte den Lippenstift nach dem Zähneputzen drei Mal aufgetragen und wieder entfernt. Sich dabei kritisch im Spiegel betrachtet. Zu viel Make up? Zu wenig? Und die Haare? Kurz war sie davor, doch wieder abzusagen, weil sie befürchtete, es nicht zu schaffen. Noch nicht. Sie wollte ja. Wollte Menschen wieder um sich auszuhalten.

Wie zur Kontrolle sah sie bewusst in die Gesichter hinter den Frontscheiben der Fahrzeuge, die ihr entgegen kamen. Männer. Manche von ihnen fand sie schön. Ab und zu erkannte sie Mütter mit Sprösslingen in Kindersitzen.
Noch vor ein paar Wochen hätte sie das nicht ertragen. Hatte das Haus kaum verlassen. War in Panik geraten bei S-Bahn-Fahrten. Beim Stehen auf Bahnhöfen. Überall waren sie. Die, die Luftschlösser bauen, bevor sie lügen und Herzen zertreten. Und auch die, die Musik auf die Haut spielen und Frauen stark und schön machen. Mit den richtigen Worten. Auf der Seele und auf jeder Stelle des Körpers …
Marleen schüttelte den Kopf. Bisher schien sich der Tag gut zu entwickeln. Die trüben Gedanken nervten. Sie trat kräftiger zu und lehnte sich weiter nach vorn. Hinter Glas bleibt jeder Typ ungefährlich. Hübsch, dachte sie bei manchen und entspannte sich langsam.

»Wenn du Angst vor den schlimmen Gefühlen hast«, hatte Charly ihr gesagt, als sie selbst vor ihrem besten Freund eine Mauer errichten wollte, »wirst du die wunderbaren nicht erleben«, daran dachte sie, als plötzlich ein Wagen viel zu dicht an ihr vorbeizog. Marleen geriet ins Schlingern. Die schmalen Reifen ihres Sportrades rutschten gefährlich über die Schienenstränge, die sie in dem Moment passierte. Sie versteifte die Arme, hielt das Rad geradeaus. Es krachte, und ihre Pedalen griffen ins Leere.

***

»Oh mein Gott, Walter, bitte sieh dir mein Rad an!«, mit diesen Worten stürzte Marleen durch die Tür der kleinen Holzhütte. Die Fahrradwerkstatt am Bahnübergang gab es seit über hundert Jahren. Noch immer hingen Lenkstangen, Sattel und Räder wie Lampen von der Decke. Bis unters Dach stapelten sich Unmengen von Plastikboxen zum Horten von Kleinteilen. Den Inhaber, der genauso alt aussah wie die Einrichtung, kannte Marleen schon seit über vierzig Jahren. Bei ihm hatte sie als Kind die ersten bunten Felgenputzer gekauft, um die Speichen ihres klapprigen Diamant-Fahrrades zu umwickeln.
Walter Schaminowski schlurfte in einer Rauchwolke behäbig aus dem Hinterzimmer und wackelte mit dem Kopf. Die Schiffermütze schien seit Ewigkeiten mit seinem Kopf verwachsen. Sein ergrauter Bart war nach oben gezwirbelt, und durch die gekrümmte Körperhaltung wirkte er, als würde er im nächsten Augenblick um ein Feuer tanzen. Seine Augen waren schwarz und flink. Die Augenbrauen darüber buschig.
»Ich habe noch zehn Minuten«, ratterte Marleen weiter, »genau zehn, Walter! Dann muss ich am Bahnhof sein«, sie atmete schnell und ihre Wangen begannen zu glühen.
»Nu ma langsam mit die jungen Hunde, Kindchen! Du bist noch ja nich dranne. Dit Männeken vor dir erstma. Also hübsch die Puste sparen und Tee trinken, Kleene!«, und an den Herren vor sich gerichtet, »Dit macht acht fuffzig, junger Mann. Hamset och passend?«
Marleen riss erschrocken die Augen auf. Sie war so schnurstracks in den kleinen Holzverschlag geprescht, dass sie die Person vor sich übersehen hatte. Als Walters Kunde sich umdrehte, schnappte sie nach Luft. Was wollte denn SO einer hier? Der sieht doch aus, als würde vor der Tür ein riesiger Schlitten auf ihn warten. Und überhaupt ist der doch aus einer völlig anderen Welt. Wie aus dem Modemagazin. Marleen musterte ihn während dieser Gedanken in Sekundenschnelle. In seiner schlanken Hand hielt er ein einzelnes Rad und grinste sie an.
Was denkt sich dieser Lackaffe im Maßanzug? Sie wollte die Augen, in die sie einen Moment zu lange gesehen hatte, auf der Stelle wieder vergessen und wanderte mit ihrem Blick zu seinen Füßen. Nun musste sie grinsen. Die Rennradschuhe sahen zu dem restlichen Outfit absolut albern aus.
»Guten Morgen«, die Stimme fuhr ihr in den Magen.
»Nun wohl nicht mehr«, erwiderte Marleen, zu ihrem Leidwesen weniger schroff, als es sollte. Fernhalten, sofort fernhalten! Ihre Alarmglocken schrillten und sie hatte den Eindruck, ihre Augen müssten wie rote Signallampen aufblitzen.
»Das wird schon«, fuhr die Sahnestimme fort, »Sie müssen zum Bahnhof?«
»Was geht Sie das denn an?«, platzte Marleen heraus, und an Walter gerichtet, »ich verliere die Stelle bevor ich sie angetreten habe. Das kann doch nur das Schräubchen sein. Nur das winzige Schräubchen. Es hat gekracht, dann hat es geklappert. Hier«, sie hielt Walter ihre Hand hin, »die habe ich aufgesammelt. Die muss nur irgendwo wieder rein. ICH – MUSS – WEITER – FAHREN!!«, sie stampfte mit dem Fuß auf und als Mister Modemagazin sie weiterhin angrinste, wünschte sie sich auf der Stelle im Erboden zu versinken. Was mache ich hier? Trampeln, wie ein Kleinkind? Himmel … diese Psychoheinis haben doch alle einen an der Klapper, wenn die meinen, man solle seine Gefühle rauslassen. Das geht vielleicht hinter Mauern und Stacheldraht, aber im richtigen Leben?
»Was halten Sie davon«, unterbrach der vermeintliche Endgegner ihren Hexenkessel im Kopf unbeirrt zugewandt, »wenn ich Sie ein Stück mitnehme? Auf meiner Stange wäre Platz. Ich muss bis zum Bahnhof, falls Ihnen das hilft?«, er sah auf das Vorderrad in seiner Hand, »Das ist ein Schnellspanner, wir könnten also direkt los, sobald ich bezahlt habe.
Marleen sah hilfesuchend zu Walter Schaminowski, dessen Kopf immer noch wackelte.
»Kindchen, ick würde dit an deiner Stelle annehmen«, sprach der väterlich und zählte das Wechselgeld, »so wie ick die Sache sehe, is mit dem kleenen Schräubchen nüscht jerettet. Ick brauch Ruhe dazu, weeßte?!«
»Pfff … äh … ja,« stotterte Marleen, bemüht sich einen inneren Ruck zu geben, »dann … äh. Also ich bin Frau Kalow, Marleen Kalow … und … äh … das ist sehr nett von ihnen!«, sie legte die Schraube auf die Ladentheke, streckte ihre Hand zum Gruß aus und betete innerlich alle Regeln hoch und runter, um sich vor Mister Perfects Ausstrahlung zu schützen.
»Groner. Klaus Groner«, war die knappe Antwort. Sein Lächeln hatte Charme und wurde begleitet von der elektrisierenden Berührung ihrer fünf Finger.
»Ah!«, zuckte Marleen zurück, »sie haben mir einen Schlag verpasst!«
»Ich bitte um Verzeihung, junge Frau … irgendjemand von uns scheint sehr geladen …«
Marleen rang nach Worten. Das Öffnen der Tür erlöste sie, als ein dritter Kunde eintreten wollte, wofür der Raum nicht groß genug war. Außerdem drängte die Zeit.
»Bis später, Walter! Ich komme nach der Arbeit wieder!«, rief Marleen und verließ mit großen Schritten die Werkstatt, gefolgt von dem Chauffeur to drive.

***

Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Sie spürte die trainierten Männerarme, die an ihrem Oberkörper vorbei an das Lenkrad griffen. Sein warmer Atem striff ihrem Nacken. Seine Brust drückte gegen ihren Rücken. Das alles fühlte sich viel zu gut an und so vertraut, als wäre es die normalste Sache der Welt, auf der Fahrradstange dieses Mannes mitzufahren. Sie dachte an verflossene Jugendtage, wenn nach der Disko die Mädchen bei den Jungs …
Ihre Hände saßen in der Mitte der kurzen Lenkstange. Die Sitzfläche war wie zu erwarten unbequem und drückte am Hintern. Der würde blau sein am Abend. Trotzdem gelang es ihr nicht im Geringsten, die Situation zum Teufel zu scheren. Die Nähe von Klaus Groner bereitete ihr ein weit verbanntes Wohlgefühl, nur fein durchzogen vom Aufflackern ihrer Angst, die Kontrolle zu verlieren.
»Darf ich fragen, wo Sie arbeiten werden?«, unterbrach Groner ihr Hormonkarussell im Kopf, wofür sie ihm fast dankbar war.
»Ja, dürfen sie«, kam die Antwort statt des trainierten ‚Was geht Sie das eigentlich an?‘
Mit einem Mal war sie schüchtern.
»In dem Reisebüro am Bahnhof. Das mit den Traumreisen.«
»Reisen Sie denn gern?«, fragte Klaus Groner weiter und machte einen unerwarteten Schlenker um ein Schlagloch.
»Huch!«, schrie Marleen erschrocken auf und griff reflexartig nach seinen Armen, was das Rad gefährlich ins Straucheln brachte. Sofort zog sie ihre Hände zurück.
»Oh, Gott, oh Gott, wie dumm von mir!«
»Es ist nichts passiert, Marleen. Alles kein Problem.«
Hat er eben Marleen gesagt? Hat er wirklich … was soll das werden? Interesse … Interesse von so einem?

***

»Ich muss jetzt dort hinein.«
Marleen war umständlich abgestiegen und sah mehrmals verlegen auf ihrem Handy nach der Uhrzeit. Sie zeigte linkisch auf das grellbunte Schaufenster, neben dem aufgeblasene Kunststoffpalmen sich im Herbstwind wiegten und gab mimisch zu verstehen, dass ihr die geschmacklose Dekoration unangenehm war.
»Ich dachte es mir«, antwortete Groner und lehnte sich auf dem Rad sitzend gegen einen Laternenpfahl.
Stellt der diesen Gesichtsausdruck denn nie ab? Marleen stotterte wieder mehr, als für sie selbst erträglich war, »ja, natürlich. Wie dumm … also, ähem … vielen Dank!«
Sie wollte sich gerade wegdrehen, als sie noch einmal rief.
»Marleen?!« Den Rest seiner Worte verschluckte die einfahrende S-Bahn. Sie wollte nicht unfreundlich sein und sah zurück. Er streckte ihr seine Hand entgegen, die sie höflich nahm. Dabei blieben ihre Augen aneinander hängen und ein warmes Wellenschlagen wühlte ihren Magen auf. Zur Hölle, das sollte doch nie wieder …

»Sie können mich jetzt wieder loslassen«, weckte Klaus Groner sie lachend und zog ein Kärtchen aus seiner Brieftasche, »also wie gesagt, ich würde mich als Dankschön über eine Gegenleistung freuen. Ich will ein Angebot von Ihnen über drei Wochen Malediven für zwei Personen. All inclusive. Nächstes Jahr im Februar. Und ich möchte, dass Sie mir dieses Angebot bei dem Italiener auf der anderen Seite vom Bahnhof unterbreiten. Morgen Abend um acht. Und dann …«, schloss er grinsend ab, »überraschen Sie mich, Marleen!«

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