wie peinlich ist das denn?


»Verdammt, wieso sollte ausgerechnet ich das Toilettenpapier kaufen? … Wie? … Ach, du hattest keine Zeit … Na, toll! Weißt du eigentlich, wie peinlich das ist mit einer Packung Klopapier durch die Stadt zu laufen? … Ja, natürlich ist das peinlich. Ich bin siebzehn und keine alte Frau, verdammt!«

Helene warf ihr iPhone in die Ecke. Ihre Mutter war übers Wochenende verreist und hatte ihr eine Einkaufsliste hinterlassen. Eine Einkaufsliste, auf der das grässliche Wort   T – O – I – L – E – T – T – E – N – P – A – P – I – E – R   stand. Sie hatte es gestern Abend entdeckt, als sie von der Schule nach Hause gekommen war und hatte eben darüber verhandeln wollen. Doch die Abmachung war klar. Sie würde besorgen, was fehle und was vor der Abreise auf dem Zettel durch den Kugelschreiber ihrer Mutter gelandet war.

Sie sah ins Bad. Vier Blatt waren noch auf der Rolle, wobei eins davon so an dem Pappkern klebte, dass man im Ernstfall vermutlich nicht mit seiner Hilfe rechnen könnte. Ihr Blick fiel auf den Spender mit den Kosmetiktüchern. Sie zupfte zuversichtlich. Ein Mal. Zwei Mal. Und hielt das letzte Reinigungsutensil in der Hand. Taschentücher! Aber die brauchte sie wegen des lästigen Schnupfens. Außerdem und unterm Strich hatte sie versprochen, sich zuverlässig um alles zu kümmern und dafür alleine zu Hause bleiben dürfen. Das Essen war vorgekocht für sie. Sie würde sich also größtenteils ihres neuen Buches und Facebook widmen können. Alles was sie zu tun hatte, war nur der elendige Einkauf. Schöne Scheiße. Lieber hätte sie fünfmal am Herd stehen und abwaschen wollen, als jetzt in den Supermarkt zu laufen. Wie so eine Frau … dabei hasste sie abwaschen.

Helene stand in dem kleinen Flur der Berliner Altbauwohnung und hörte Schritte durch den Hausflur hallen. Jemand von oben drüber stapfte langsam die Treppe hinunter an ihr vorbei und ließ anschließend die Haustür ins Schloss fallen. Ein leises Klirren flog aus dem Küchenschrank an Helenes Ohr. Sie lauschte und sah dabei in den Spiegel.
»Wie sehe ich überhaupt aus?«, rief sie plötzlich leicht hysterisch an ihren Anblick gewandt, der hinter einer feinen Staubschicht lag und mit wilder Mähne und zwei leuchtenden Pickeln auf der Stirn Alarm schlug, »das geht ja dreimal nicht. Klopapier unterm Arm UND Pickel. Verdammte Scheiße!«
Sofort eilte sie ins Bad, kramte das silberne Kosmetiktäschchen aus der Rattankommode und fischte den Abdeckstift heraus. Sie mühte sich ab, die prall geröteten Stellen, die sie zweifingerbreit über der Nasenwurzel zu verhöhnen schienen zu verbergen. Die Beulen blieben, passten sich nun allerdings farblich in die Landschaft ihrer Haut ein.
Sie tupfte noch etwas mit den Fingern herum, dann wurde ihre Begutachtung unsanft unterbrochen. Aus der Küche klang der zermürbende SMS-Ton ihres Handys. Sicher eine Nachricht ihrer Mutter. Sie holte das zerschrammte und glaszersprungene Suchtmittel unter der Couch hervor, entsperrte den Bildschirm und öffnete die Nachricht. Genau, wie sie es vermutet hatte, las sie in Smilies verpackt … UND NICHT DAS TOILETTENPAPIER VERGESSEN!
»Waaaahhhh!«, entfuhr es ihr und Wah!, landete das Handy wieder unsanft, diesmal jedoch auf der Couch.
Zurück im Bad, bändigte sie mit Entwirrspray und Bürste ihre Haare, dann nahm sie einen Lippenstift aus dem Fach ihrer Mutter und ging zurück in den Flur.

Sie sah sich an, drehte sich, zog ihre Lippen nach. Wieso habe ich eigentlich keinen Freund?, dachte sie, und in ihrem Kopf reichten sich die leeren Pappreste aus dem Bad einander die Hände. Der Kern mit den flatternden letzten Blatt zog den mit bunten Kreidestücken bedruckten Karton hinter sich her. Sie lächelte. Dann fiel ihr die Staubschicht auf dem Spiegelglas auf, und sie malte mit dem Finger zwei Herzen hinein. Ich würde auch putzen, dachte sie, wenn ich dann nicht in den Supermarkt … ein Seufzer fiel aus ihrem Mund und plumpste resigniert zwischen ihre Füße. Noch zwei Tage, irgendwann würde sie aufs Klo müssen. Außerdem … sie hatte es versprochen.

***

»Mädel, dit is klapperkalt. Zieh dir warm an!«, sagte der Mann von oben drüber, als ihm Helene mit Minirock und Leggings am Hauseingang fast in die Arme stolperte. Sie lächelte schief.
»Ich hab’s nicht weit. Nur bis zur Ecke. Wir brauchen nur … äh … egal. Geht schon. Danke und Tschüs!«
Draußen zog sie erschrocken ihre Kapuze über den Kopf. Der Wind pfiff eisig durch die Straße. Schnee lag verweht auf den Autodächern und an der Bordsteinkante vor dem Haus. Die feinen Flocken stoben ihr ins Gesicht. Unter den Schuhsohlen war es rutschig. Irgendjemand hatte gesagt, wenn es so glatt ist, wäre der Pinguingang der sicherste. Und sie hatte keinen Bock, auf den Hintern zu fliegen. Also tippelte sie wie befrackt bis zur ersten Ecke.
Der Duft nach Döner und Brathähnchen lies sie aufmerken. Seit drei Monaten aßen sie nur noch vegan. Wegen der ganzen Sauereien in der Massentierhaltung. Und auf die Kennzeichnung von Waren, von wegen Bio, konnte man sich ja auch nur bedingt verlassen. Also hatten sie miteinander entschieden, das mal zu versuchen. Ein Leben ohne Wurst und Käse war möglich. Aber schwer. Sie sah im Vorbeigehen auf den saftigen Fleischspieß und seufzte. Dann bog sie nach links und ging noch einmal fünfzig Meter weiter bis zum Eingang des Supermarktes.

Johnny saß wie üblich davor. Über seinen Beinen eine dicke Decke gelegt, die Mütze tiefer als sonst ins Gesicht gezogen. Sie grüßte ihn leise und lächelnd. Zwischen den Händen schimmerte wie üblich die Metalldose, mit der er auf Spenden von Vorbeigehenden hoffte. Die Hose sah dünn aus. Viel zu dünn für soviel Minusgrade. Ob er das an den Beinen gar nicht merkt, wenn er friert, überlegte Helene kurz und sah dann verlegen weg. Sie würde gern mal mit ihm reden. Fragen, wieso er im Rollstuhl sitzt. Was alles geschehen ist in seinem Leben. So geschehen ist, dass er mit viel zu dünner Hose hier in der Kälte saß und bettelte. Als sie betreten einen Schritt auf die selbstständig öffnende Schiebetür zu machte, hörte sie noch sein leises »Hallo!« und rempelte gegen einen Jungen, der aus der anderen Richtung kam und zeitgleich mit ihr in den Supermarkt wollte. Entnervt sah der sie an und wollte gerade ansetzen, sie anzufahren.

***

»Pass doch … äh, entschuldige. Nach dir«, senkte Chris sofort seine Stimme und legte die Hand verlegen auf seine Wollmütze. Eigentlich war er auf Hundertachtzig. Stress zu Hause, weil er unbedingt noch einkaufen gehen sollte. Dabei warteten die Kollegen längst auf ihn. Zuerst wollten sie zur Eisbahn heute, seine Schlittschuhe warteten startbereit. Danach den neuen Kinofilm mit diesem Börsianer, der nur am Koksen ist. Chris schob die Krempe ein paar Mal hoch und runter und grinste das Mädchen schief an. Sie war einen halben Kopf kleiner als er und ihre mandelförmigen Augen hatten sich zu Schlitzen verzogen. Sie schürzte ihren vollen Lippen und mit einem Blick, der vor Arroganz nur so triefte, traf ihn ihre Antwort wie ein Tritt ans Schienbein.
»Jetzt geh einfach mal weiter, ich habe nicht ewig Zeit!«

***

Oh, mein Gott, das darf doch nicht wahr sein. Ausgerechnet wenn ich die Beulenpest an mir habe und zu dem peinlichsten Einkauf der Welt muss, rennt mir diese Zehn von einem Typen über den Weg. Helenes Gedanken ratterten wie Güterwagen auf gerader Strecke. Bloß nichts anmerken lassen. Diese Augen. Dieses Wahnsinnsblau. Gleich mal vom Hals halten. Nicht, dass der noch merkt, dass ich ihn toll finde.
»Also? Gehst du dann HEUTE noch?« Helene setzte die Frage ihrer ersten Aufforderung so schroff es ging nach.
Der Junge hob entschuldigend die Hände. »Alles gut. Bin schon drin, Prinzessin.«

***

Chris ging vor, griff irritiert einen der roten Körbe und sammelte ein, was seine Mutter wollte. Äpfel, Karotten, Zwiebeln. Ein Topf von diesem Basilikum. Plötzlich kam er sich toll vor. Als könne er kochen. Als ob er alleine leben und nun eine Kochsession vorbereiten würde. Bestimmt liebte sie Pasta. Alle lieben Pasta. Für die Prinzessin würde er kochen lernen. Über Nacht. Er beobachtete aus den Augenwinkeln, wie das Mädchen gelangweilt an den Körben herum stand. Er versuchte ihr Alter zu schätzen. Um die zwanzig, dachte er, ein paar Jahre älter als ich. Ob sie das stören würde? Aber so, wie sie ihn angefahren hatte … er drehte sich leicht zu ihr um … bräuchte er sich vermutlich keine Hoffnungen zu machen. Wollte sie gar nicht mehr einkaufen? Er war jetzt extra so lange beim Gemüse stehen geblieben, weil er wollte, dass sie ihn überholte. Aber sie stand immer noch an den Körben und schien auf die Straße zu sehen.
In seiner Jackentasche vibrierte es. Hastig holte Chris das Smartphone heraus. Ein Blick auf die Nachricht brachte ihn in Bedrängnis. Wo bleibst du, wollte sein Bester wissen. Alles easy – gleich da, verschickte er seine Antwort, wandte sich um und ging enttäuscht weiter.

***

Endlich ist der Typ verschwunden, dachte Helene erleichtert, sie hatte ihn schon fragen wollen, ob er Obst und Gemüse vor sich abzählt oder die Gewichte schätzt. Sie schüttelte leicht den Kopf und atmete tief durch. Auf, auf zum Klopapier. Der Typ wird ja hoffentlich schon an die Kasse verschwunden sein. Sie ging an den Vitaminbomben vorbei, ignorierte tapfer Käse und Joghurtregale, schwächelte kurz bei dem leckeren Serrano Schinken, aber ließ auch den erfolgreich links liegen. Jetzt Wein und Schnaps nicht beachten. Sonderangebote aus der Kühltruhe interessierten auch nicht. Wo war gleich das Toilettenpapier? Mist, sie hätte ihre Brille aufsetzen sollen, in der Ferne erkannte sie jetzt bloß verschwommene Farbflächen. Aber irgendwo hier musste es sein.

***

Chris war noch einmal zwischen den Regalen stehen geblieben und fing an, die Sorten vor seiner Nase zu zählen. Dreilagig. Vierlagig. Zweilagig. Wer kauft denn zweilagig? Er wollte das Mädchen unbedingt noch einmal sehen und überlegte fieberhaft, wie er sie ansprechen könnte. Plötzlich wurde er angerempelt. »Boah, nicht schon wieder!«, platzte es aus ihm heraus.

***

Oh no! Jetzt steht der ausgerechnet daaavor. Helene räusperte sich, sagte »Sorry!« und studierte das Angebot an Toilettenpapier. Dreilagig. Vierlagig. Zweilagig. Wer kauft denn zweilagig? Und der Typ glotzte genauso blöd wie sie auf das gestapelte Reinigungsequipment. Feucht hatten sie auch im Angebot. Und auch welches, das so weich wie ein Taschentuch am Hintern sein würde. Jedenfalls versprach das ein bekanntes Logo. Sie sah verstohlen in den Korb zwischen seinen Beinen. Der Typ kocht?, schoss es ihr durch den Kopf und sofort wurde er noch interessanter für sie. Helene räusperte sich erneut und lies ihre Blicke über die vielen Papierrollen wandern. Ganz toll, dachte sie sich, da stehe ich im Supermarkt neben einer glatten Zehn und wir überlegen beide, womit wir uns den Arsch abwischen sollen. Wie peinlich ist das denn?

***

Chris sah der Prinzessin verwirrt hinterher. Sie hatte ruckartig eine der großen Packungen aus dem Regal gezogen und verschwand mit schnellen Schritten Richtung Mineralwasser und H-Milch. Dann bog sie nach links und er hörte sie auf der gegenüberliegenden Seite in Richtung Kasse davon gehen. Kurz darauf klirrte Glas und in seiner Jackentasche vibrierte es erneut. Na ja, dachte er, die kann ich mir sowieso abschminken, die hat sicher schon ne Bude allein und wird wohl kaum mit einem abschwirren, für den Mama noch kocht. Chris sah auf das Display und las entgeistert die Nachricht seiner Mutter.
Lauthals und entsetzt entfuhr es ihm: »Ich soll Toilettenpapier kaufen? Wie peinlich ist DAS denn?«

In der Ferne klirrte zum zweiten Mal zerspringendes Glas.

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