alles im griff


Er hat alles im Griff. Seit acht Jahren hat er das. Immer.

»Ich will, dass du das vorher weißt. Ich bin nicht grundlos schon so lange Single. Ich sag’s jeder vorher. Extra. Ich werde zum Arschloch, wenn ich das Gefühl habe, mir geht die Kiste zu nah mit einer«, während er das sagt, zupft er sich die Strickmütze über die Ohren. Seit sie zusammen in dem Café sitzen, spielt er mit der Krempe. Er rollt sie hoch, zieht sie wieder runter. Setzt die Mütze dennoch nicht ab. »Soll dann keine sagen, ich hätte sie nicht vor mir gewarnt. Ich will niemandem weh tun«, setzt er grinsend nach und nimmt einen Schluck Wasser. Er kennt seine Wirkung auf Frauen. Trotzdem, mit der hier … da muss er sich anstrengen. Überlegen, was er sagt. Der kann er nicht so viel vormachen, wie den Hühnern in seinem Alter. »Es ist nur …«
»Ja?«, fragt sie und hält seinem Blick stand. Den Kopf auf die Hand gestützt, fährt sie mit den Fingern der anderen am Wasserglas entlang und lächelt. Beide wollten Wasser für klare Gedanken.
»Sieh mich nicht so an! Du weißt genau, wie du gucken kannst. Erzähl mir nicht, dass du deine Wirkung auf Männer nicht kennst … Selbstschutz. Verstehst du? Es hat alles mit Selbstschutz zu tun.«

Ihr kleiner Finger ist auf der Tischplatte gegen seinen gestoßen. Er zieht ihn nicht weg. Sie bewegt die Hand soweit nach vorn, bis beide Seite an Seite liegen und streichelt ihn kaum merklich. Er schluckt. Sie schluckt. Den kleinen Fingern folgen die nächsten, bis in den Spitzen die Nervenenden, einer Zündschnur gleich, den Wunsch nach mehr entfachen. Vier Hände drängen gegeneinander, streicheln und verhaken sich. Er sieht auf ihren Mund. Frei von Lippenstift. Trotzdem leuchtet er feuerrot.

Er will sie mitnehmen. Auf der Stelle. Und er will sie nicht mitnehmen. Wen er am ersten Abend nimmt, den wirft er aus dem Bett danach. Will mit keiner aufwachen, die er so schnell haben kann. Als sie heute Mittag in der Elektronikabteilung neben ihm in den Computerspielen kramte, hatte er sie angesprochen. Seit dem sind zehn Stunden vergangen. Er hatte sie jünger geschätzt. Sich um ein paar Jahre vertan. Es ist ihm egal. Trotzdem zieht er langsam seine Hände zurück. Er fährt sich über die Nase. Riecht an seinen Fingern. Riecht sie und spürt, wie Verlangen wächst. Er erinnert sich, wie sie im Park an den Efeuranken stehen blieb und ihn ansah. Ich will dich – im Blick. Ihr Mund war Gier, die gierig machte. Die seine Hände herausforderte, sie stöhnen zu lassen. Kälte und Tageslicht hielten ihn nicht davon ab. Und sie ließ es zu.

Ihre Spuren liegen im frisch gefallenen Schnee. In Parks. In Gassen. Neben Straßen. Am Fluss entlang, in dem die Lichter der Häuser sich längst spiegeln. Die Geschichten von seinen Reisen hängen in den Winkeln der Bars und Cafés. An wie vielen Plätzen sie sich aufgewärmt haben, weiß er nicht mehr.

»Also belassen wir es besser dabei, oder?«, fragt sie unvermittelt und hält ihn mit den Augen fest. Dann beugt sie sich vor. Ihr Gesicht nah vor seinem. Der Strickpullover rutscht von der Schulter. Träger liegen frei.
Er senkt den Blick. Hätte er sie im Park gleich richtig nehmen sollen?
»Ja, du bist … interessant. Mir gefällt dein Style. Die Zeit ist verflogen mit dir. Du bist heiß. Es könnte gefährlich werden, verstehst du?«
Als sie ihn küsst, resigniert er für einen Moment. Ja, es wäre schnell gegangen vorhin. Verdammt, er hätte es einfach tun sollen. Sein letzter Sex liegt Monate zurück. Zwei Minuten hätten gereicht. Ein paar mal hin und her.

Er löst sich von ihr und lehnt sich zurück. Er denkt nach und spürt, wie sich Ernüchterung über die Funken legt, die ihre Augen sprühen. Er gibt sonst kaum Geld aus. Fünfzehn Euro waren es. Fünfzehn an einem einzigen Nachmittag. Von einhundertzwanzig, die er im Monat zum Leben hat. Sich auf das Wesentliche zu reduzieren, hat er auf seinen Reisen gelernt. Sich immer wieder zu verabschieden auch. Also sollte er das hier ohne Blessuren zu Ende bringen können. Er kann schließlich jede Frau haben, wenn er will … aber er will nicht jede. Nicht mehr. Er rollt sich die Krempe der Mütze über die Augen. Klappt sie wieder hoch. Dann ruft er die Bedienung zum Zahlen.

»Ich mach das«, sagt sie und schiebt ihm einen Zehneuroschein über den Tisch.

Sie stehen vor dem Eingang, als er sie noch einmal zu sich zieht und ihre Hände vor seiner Brust hält. Die Laterne spiegelt sich in ihren Augen. Ihr Mund sucht seinen. Fragt nicht erst. Die Küsse schmecken nach so viel mehr. Soll er sich doch darauf einlassen?
Plötzlich beginnt sie zu zittern, und auch bei ihm decken Kälte und Müdigkeit die gemeinsamen Kilometer des Nachmittags zu. Mit ihnen alle gesagten Worte und jedes innere Spiel mit dem Feuer.
Sie stößt ihn sanft von sich. Er sieht die Enttäuschung in ihren Augen. Trotzdem hält er noch ihre Hand.
»Hast du gar keine Angst davor, dass du dich verlieben könntest?«, fragt er ernst, »ich meine, ich glaube ja nicht an so Zeug auf den ersten Blick, aber wir haben so viel geredet und du bist so … und deine Augen, weißt du, deine Augen sind einfach so Wow!«

***

Durch das Flockengestöber sieht er ihrer kleiner werdenden Silhouette nach. Seine Augen verziehen sich zu Schlitzen. Es ist doch klar, wie es weitergeht. Sie wird in den Bus steigen und irgendwo in der Stadt verschwinden. Zurück kehren zu ihrer Familie. Wird weiter fest in ihrem Leben stecken. Wo wäre da ein Platz für ihn, wenn nicht mal Platz für ihre eigenen Träume ist. Er sucht Zwei Fünfzig für einen Döner zusammen.

Lass uns durchbrennen, hatte er vorgeschlagen, jetzt, auf der Stelle! Und ihre Augen bekamen diesen Glanz. Fast alle Weiber reagieren so, wenn er das sagt. Rasch lenkte er ein, wenn du für uns kochst, nehme ich dich mit auf meine Reisen … in drei Jahren, wenn ich fertig studiert habe.
Dabei hatten sie Cocktails bestellt. Inmitten dicker Kissen. Die blubbernde Wasserpfeife vor sich.
Ich wäre sofort dabei, antwortete sie später, als das Glas leer war.

Die vorbeifahrende Tram lässt ihn aufschrecken. Er dreht sich um, riecht noch ein Mal an seinen Fingern. Was soll’s?! Er wird sie vergessen. Und es wird eine andere geben. Eine, die ungefährlich ist. Er atmet tief durch und wirft den Zettel mit ihrer Nummer in den Schnee. Anschließend peilt er den Tresen an, um seinen Hunger zu stillen … und hat wie immer alles im Griff.

2 Gedanken zu “alles im griff

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