was man zähmt


1 – Begegnung am Strand

»Ich dachte, ich hätte ein Recht dazu. Ich dachte, ich hätte alles Recht der Welt«, die Worte der jungen Frau zerfallen im Wind, der über die Bucht weht und leise heulend ihre Gedanken mit sich nimmt, »und dann las ich eines Tages dieses Buch. Kennen Sie es?«, fragt sie und hebt zum ersten Mal den Kopf. In ihren Augen spiegelt das Meer und die Iris verschlingt sein Blau, »der kleine Prinz«, fährt sie fort, »ich meine die Stelle, die mir erzählt hat, dass man verantwortlich ist für etwas, das man zähmt«, während sie die Worte spricht, geht ihr Blick durch mich hindurch. Ein Schleier legt sich über über das Weiß, das Blau und das Schwarz darin. Die zarte Haut am Wimpernkranz färbt sich rot und die erste Träne sucht sich ihre Bahn. Sie legt den Kopf schief, damit der Salzfluss seinen Weg aus dem Augenwinkel findet. Sparsam tropft er auf ihre Schulter. Die Sonne sorgt dafür, dass bald nur noch ein schmaler Hauch Weiß zurückbleiben wird. Die Spur der Träne aus dem anderen Auge zieht sich über ihre Nase. Sie wischt sie mit dem Handrücken fort.
»Entschuldigen Sie, es geht gleich wieder«, will sie lächeln. Sie scheint meine Unbeholfenheit zu spüren.
Mein Vater hat früher in solchen Fällen sein großes Herrentaschentuch gereicht. Es war stets akkurat gebügelt, sorgsam gefaltet und immer bereit, bedürftigen Damen zu Hilfe zu eilen. Er hatte prinzipiell zwei davon parat. Ein sauberes und ein anderes, hatte er mir mal erklärt und ich war in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil ich es dumm fand, vorsätzlich ein ›anderes‹ Taschentuch mit sich zu führen. Heute trägt wohl niemand mehr ein Stofftaschentuch bei sich. Und die Packung Tempos habe ich nur dabei, wenn mich die Pestilenz erwischt hat.
»Wollen wir ein Stück laufen?«, frage ich sie, um der Beklemmung zu entgehen, denn ihre Gegenwart will ich weiter genießen. Der Strand ist menschenleer. Nur die Schreie der Möwen, die über der Bucht kreisen, unterbrechen das gleichmäßige Rauschen des Meeres. Nur wenige Wolken stehen am Himmel. Das Wetter scheint es gut mit uns zu meinen.
»Sehr gern«, antwortet sie leise und ahnt nicht, dass ihre Stimme mich eingefangen hat. Wir erheben uns. Sand fällt aus Ihrem Kleid und ich klopfe meine Jeans aus. Aus der Ferne klingt Musik, will sich in unser Idyll drängen, doch der Wind dreht sich, schluckt alle Töne und umhüllt uns salzgeschwängert und warm, und ich werde das Gefühl nicht los, das alles gerade genauso sein soll, wie es ist. Unsere Hände haben wie selbstverständlich ineinander gegriffen und halten aneinander fest, während das Meer mit Salzzungen nach unseren nackten Füßen greift und unsere Spuren auflutscht, die so schnell und schaumig verschwinden wie ein Brause-Bonbon auf Kinderzungen. Und sie erzählt. Und ich höre ihr zu.
»Es ist lange her. Ich war erst Neunzehn. An einem Abend im Sommer veranstaltete unsere Tanzgruppe ein Sommerfest auf dem Gelände unserer Diskothek. Der Junge, für den ich seit langem heimlich schwärmte, sah mich tanzen und sprach mich wenig später darauf an. Ich war ungeübt in solchen Dingen, musste mir Mut antrinken«
Unverhofft bleibt sie stehen, lächelt mich an und sagt, »Ich heiße übrigens Lydia«, sie macht eine Pause und fügt hinzu, »ich dachte, Sie sollten das wissen«, dann fährt sie fort in ihrer Geschichte und höre ihr höflich zu.
»Meine Freundin warnte mich vor ihm, sagte er wäre ein Draufgänger, gerne in Schlägereien verwickelt und würde mit den Mädchen spielen. Hätte immer mehr als eine … Ich schlug ihre Worte in den Wind.
Als er mich noch am selben Abend zum ersten Mal küsste, lehnten wir am Zaun. Hinter uns rauschte das Schleusenwasser und vor uns … etwas abseits im beleuchteten Spektakel ahnten unsere Freunde nichts von unseren in Dunkelheit getauchten Köpfen, von suchenden, mal gierigen, mal sanften Lippen, von zitternden warmen Händen.
Er brachte mich an diesem Abend nach Hause. Danach folgten für mich aufregende Sommertage. Wir fuhren Motorrad. Trafen uns am See. Manchmal vergaß er unsere Verabredungen und ich stand stundenlang und wartete. Manchmal brachte er seine Freunde mit. Manchmal dachte ich, er traute sich weniger, als es den Anschein hatte.
Sie bleibt stehen. Hebt das Gesicht zum Himmel, damit die Tränen seitlich aus den Augen laufen. Mehr als eine versickert in ihren Haaren. Sie lacht laut auf und ich beschließe, mir Stofftaschentücher zu kaufen.
»Hier, halten Sie die bitte mal?«, fragt sie und drückt mir ihre Espandrillos in die Hand, die schwer und vollgesogen sind. Dann bückt sie sich und taucht beide Hände ins Meer. Anschließend kühlt sie sich die Schläfen, und streift mit gekrümmten Fingern ihre Frisur zurück.
Nach unserer ersten Nacht erzählte er mir, dass er nie ein Mädchen lieben könne. Dass sie ihm nichts bedeuten würden. Dass er keine Achtung vor ihnen hätte. Die einzigen Wesen, die er jemals lieben würde, wären sein Bruder und sein Hund. Mit diesen Worten hatte er sich zu einer der attraktivsten Herausforderungen für mich gewandelt. Die Zeit verging, er besuchte mich regelmäßig, und weil ich seine Spiele nicht wie die anderen Mädchen mit mir spielen ließ, bröckelte seine harte Schale immer mehr vor mir und ich lernte ihn kennen. Wirklich kennen, wie ihn sonst niemand kannte. Dann waren wir ein Paar, und ich zähmte ihn. Ohne dass ich es wollte«
Auf der Sandbank vor uns sitzen Silbermöwen. Ihre Schnäbel, mit denen sie hastig auf Miesmuscheln einpicken, leuchten gelb. Einige streiten sich um eine Strandkrabbe. Reste eines roten Seiles ragen aus dem Meeresboden und haben Algen angesetzt. Ein langbeiniger Strandläufer zupft hartnäckig an den Fasern. Ich genieße die Erinnerung an Kindertage, die ich an diesem Ostseestrand mit meinen Eltern verbracht habe. Als meine Füße langsam, von leckenden Wasserzungen überspült, im Sand einsinken, spüre ich das leichte Stechen der Muschelsplitter, die unter ihnen nachgeben. Tief atme ich die Freiheit ein, die von Kindheit an jeder Strand in mir imaginiert, und schließe die Augen.
»Langweile ich Sie?«, fragt Lydia zaghaft. Viel zaghafter, als sie in ihrer Erzählung erscheint. Ihre Stimme wechselt die Farbe wie ein Chamäleon und holt mich aus meiner Träumerei.
»Um Gottes Willen, nein! Niemals!«, antworte ich. Für meine Begriffe überdeutlich viel zu offensichtlich und zu schnell. Doch sie lächelt wieder nur, nimmt ihre Espandrillos zurück, greift wie selbstverständlich nach meiner Hand und zieht mich weiter. Meine Jeans, die ich nur bis zu den Knien hochgekrempelt habe, ist schwer geworden. Kalt und nass kleben die Enden an meinen Beinen, als wir dem Wellensaum entlang die Sandbank hinter uns zurück lassen und auf die Mole, die nun gut sichtbar vor uns liegt, zusteuern.
»Wo war ich stehen geblieben?«, fragte sie mehr zu sich selbst, »Ach ja, er hatte mein Herz berührt. Und ich in seins gesehen.
Wir wurden und blieben also ein Paar. Ich war voller Mitgefühl für ihn, und als wenige Wochen nach unserem Zusammenkommen mein Vater meine Mutter und irgendwie auch mich verlassen hatte, wurde dieser große Junge die Welt für mich. Wir hielten uns wie Kinder aneinander fest. Er entfloh seinem Leben zwischen Familienbetrieb und Trunkenheit. Ich suchte Halt wie bei einem Vater. Doch schon bald veränderte sich sein Verhalten mir gegenüber. Natürlich tat es ihm hinterher leid, wenn ihm seine Hand ausgerutscht war und ich entschuldigte ihn vor mir selbst, weil ich glaubte, ihn zu verstehen. Meine Sprache war von Kindesbeinen an geprägt vom Bücherlesen. Plötzlich machte es ihn wütend, wenn er mich reden hörte. Auch wenn ich mit unseren Freunden lachte und sprach, wurde er rasend. Ich hatte Angst vor ihm. Doch ich hatte auch Angst, ich könnte ihn verlieren. Das muss sich sehr dumm anhören, doch ich passte meine Ausdrucksweise und Umgangsform schließlich der seinen an. Zum Dank blieb er der Mann an meiner Seite und wurde vier Jahre später der Vater unserer Kinder. Sieben Jahre lang sah ich keinen anderen an und glaubte, das zu lieben, was ganz tief in ihm steckte, was nur ich kannte. Den Rest ignorierte ich. Vor allem aber ignorierte ich mich selbst. So lange, bis ich aufhörte zu existieren. Sieben Jahre lang füllte ich die Lücken, die das Leben an seiner Seite in mir ließ. Mit Eiskrem und gutem Essen.«
Wir haben die Mole erreicht. Der Zauber ist längst aus ihrer Stimme gewichen. Statt seiner liegt eine Schwere auf ihr. Am Himmel braut es sich dunkel zusammen und kräftiger Wind kommt auf. Er schlägt die Wellen gegen die aufgereihten Findlinge, die scharfkantig übereinander liegen und den Weg zum Leuchtturm tragen. Am Horizont kreuzen Schiffe. Mit bloßem Auge sind sie kaum erkennbar.
Lydia nimmt einen Rucksack ab, groß wie eine Sofakissenrolle ist er und war mir bis dahin nicht aufgefallen. Metall klirrt dumpf, als sie ihn abstellt und er gegen einen der Steine schlägt. Sie öffnet ihn und holt eine dünne Wetterjacke heraus. Ich sehe Messing blitzen und wundere mich still, was sie da spazieren trägt.
»Begleiten Sie mich noch zum Leuchtturm?«, fragt sie, während sie sich die Jacke über den Kopf zieht. Ihre Stimme ist fest und in ihrem Blick liegt eine merkwürdige Kühle, als hätte die Farbe ihrer Augen sich mit der Farbe des Meeres gewandelt.
Eine Stimme in mir wundert sich, dass meine Begleiterin so zielstrebig Richtung Leuchtturm gehen will – war ich es doch bisher, der dachte, den Spaziergang und das Ziel angestrebt zu haben. Auch die verschwundene anfängliche Zerbrechlichkeit in ihr scheint ein Irrtum meinerseits …
»Kommen Sie schon«, setzt sie nach, hebt sich den Rucksack wieder auf den Rücken und will meine Hand greifen. Ihre Schuhe hat sie angezogen. Mir ist schleierhaft, wie man mit Espandrillos an den Strand gehen kann …
»Sie wollen doch meine Geschichte jetzt bestimmt noch bis zum Ende hören, oder?«, mault sie plötzlich wie ein launiges Kind.
Ich bin verwirrt. Schiebe diesen Zustand jedoch rasch auf den Sonneneinfluss des heutigen Tages, ziehe mir ebenfalls die Schuhe an, kremple die Hosen runter, was mir ein unangenehmes Kalt-an-die-Wade-Klatschen beschert, ignoriere das Kratzen des Sandes auf meinen sonnenverbrannten Schienbeinen und nehme ihre Hand. Was soll’s, gehen wir zum Leuchtturm.
»Eines Tages also – ich hatte dank der Kummervöllerei sagenhaft zugenommen – sah mich ein Schreckgespenst aus dem Spiegel an und sprach, dass das so nicht weitergehen könne. Abends beäugte ich meinen Mann. Auch er hatte sich verändert. Seit die Zwillinge auf der Welt waren, war ihm nie mehr die Hand ausgerutscht. Er traf seine Freunde kaum noch. Trank weniger. Er war sanfter. Er war gezähmt. Und – genau wie ich – um etliche Kilos reicher. War das alles richtig so? Waren wir glücklich? Würde man einfach so zusammen alt und grau werden? Einfach so?
Bald darauf verpasste mir das Leben auf seine Arte eine Antwort. Die Diagnose traf mich schlagartig. Nach einem Jahr im Krankenhaus und einer unsicheren Prognose über mein Weiterleben wurde ich immer überzeugter davon, dass sich etwas ändern müsste. ICH MUSSTE mich ändern. Ich musste herausfinden, wer ich eigentlich war. Und mich von dem befreien, was mich davon abhielt, es zu sein.«
Regen peitscht uns jetzt von der Seite ins Gesicht. Sie zieht an meiner Hand, »Kommen Sie, beeilen wir uns, dass wir ins Trockne gelangen. Das Meer wird gleich toben, dann ist auf der Mole Landunter. Kommen Sie! Schnell!«
Woher weiß sie das so genau, überlege ich, sie sagte mir doch, sie käme aus den Bergen …
»Wollen Sie, dass der Blanke Hans uns holt?«, lacht sie spöttisch, »Was zögern sie denn noch?«
Der Blanke Hans? Wer oder was ist … und ja, warum zögere ich so? Welche Wahl habe ich denn eigentlich. Keine. Ich denke an das Messingteil in ihrem Rucksack. An das Dunkle in ihren Augen, die verwirrende Veränderung ihres Wesens. Eben noch zerbrechlich wie eine Elfe, reißt sie jetzt wie eine Furie an mir. Will ich wirklich wissen, wie ihre Geschichte weitergeht? Oder gar endet? Wenn sie nun …
Das zum Sturm aufbrausende Ostseeschauspiel lässt mir keine Zeit mehr zum Denken. Der Regen prasselt in Fäden auf uns herab, dass ich Mühe habe, die Augenlider zu heben. Wellen bäumen sich back- und steuerbord gegen die Mole und über uns entlädt der Himmel all seinen Zorn. Ich habe Mühe, ihr zu folgen. Ihre Espandrillos hat sie in die Flut geworfen. Bleischwer hätten sie an ihren Füßen gehangen, wo Eile geboten ist, einen Bremsklotz gemimt. Immer wieder rutscht ihre nasse Hand aus der meinen. Wir laufen, lehnen uns gegen den Sturm, widerstehen den nach uns wabernden Wellen, bis wir endlich, endlich an der Tür des Leuchtturmes anlangen, wo sie beherzt die schwere Klinke hinunterdrückt, ohne zu zögern mich mit sich zieht. Hinein ins trockene – unheimliche Schwarz des Turmes.
»So«, lacht sie, »das wäre geschafft«, und mit einer auffälligen Betonung setzt sie nach, »hier sind wir erstmal sicher.«
Ich weiß nicht, was mich mehr beunruhigt, das >erstmal<, das sie eben so betont hat oder die Dunkelheit in diesem alten Gemäuer, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es nicht im Sturm schaukelt. Ächzt und stöhnt. Oder ist es mein Nichtverstehen dessen, was sich gerade abspielt. Ich versuche mich zu erinnern, ob wirklich ich es war, der sie angesprochen hatte. Wie war das noch gleich? Da rollte eine Glasmurmel vor meine Füße, als ich an der Reling der Fähre stand. Und als ich mich danach bückte und wieder aufstand …
»Hier, nehmen Sie das Handtuch!«, durchfährt sie meine Gedanken, hält mir eine Öllampe vor die Nase und reicht mir das muffige kleine Stück Frottee, mit dem ich mir das Gesicht abwische und die Haare etwas trocken reibe. Danach zieht sie aus einer Holztruhe unterhalb der Treppe noch eine Decke hervor, die sie mich bittet umzuhängen. Mit dem Schaukeln der Lampe in ihrer Hand schaukeln unsere Schatten bedrohlich an der feuchten Wand. Wo das Licht hinfällt stieben Asseln auseinander. Kälte- und Angstschauer stellen mir am ganzen Körper die Haare auf. Über uns knarren Stufen. Und mir wird bewusst, dass sie nach unserem Eintreten den Ausgang verriegelt hat.
»Geht es Ihnen gut?«, fragt sie und fast klingt es wieder wie das sanfte Hauchen, mit dem sie mich am Strand gefangen nahm.
Meine Stimme versagt und ich nicke, versuche zu lächeln. Gefangen ist das richtige Wort. Genauso fühle ich mich. Gefangen von ihrer Wandelbarkeit. Von ihrer Stimme. In diesen Mauern. Gefangen in meiner Angst, die mir mein Bauch schickt. Die mein Kopf nicht erklären kann. Nur eine Ahnung. Wieder knarren die Stufen über uns. Und ich merke, wie meine Knie nachgeben. Was ist das für ein merkwürdiger Geruch denke ich und stiere auf das Frotteetuch in meiner Hand. Das sie mir unerwartet wieder entzieht. Ihre Augen, denke ich, ihre Augen, jetzt sind sie schwarz. So schwarz. Wohin ist denn ihr Blau? Das schöne Blau …
»Hast du einen?«, fällt plötzlich düster eine Männerstimme von oben auf uns herab. Ich sitze, nein hänge auf den unteren Stufen der Treppe. Sehe noch, wie ihre Augen sich zu Schlitzen formen. Kann nichts sagen, kann meine Gliedmaßen nicht mehr bewegen. Sicher die Kälte und die Erschöpfung will etwas in mir an Beruhigung schicken, doch in meinem tiefsten Innern weiß ich, dass der Geruch des Frottees mir die Kräfte nimmt. Dieses Frottee, mit dem sie nun die ganze Zeit das Messingteil aus ihrem Rucksack aufpoliert …

2 – Loretta Nebel im Krankenhaus

Es ist spät geworden. Seit vier Stunden sitzt Loretta Nebel vor dem Eingang der Intensivstation. Mal läuft sie auf und ab, mal versucht sie sich auf das mitgebrachte Buch zu konzentrieren. Der Thriller, den sie gestern begann, ist fesselnd und abartig, ganz wie sie es mag. Sie hatte sich euphorisch über die Maden geekelt, die über die ersten Seiten hinweg durch die Zeilen gekrabbelt waren, doch nun kommt sie kaum darüber hinaus.
Simon Beckett schreibt bildhaft und nimmt gefangen. Wenn sie ihn liest, ist es, als sähe sie einen Film. Er schafft es, dass ihr Herz zu schlagen beginnt, ohne dass sie sich bewegt. Es erinnert sie an früher, als sie aufgeregt vor dem Spiegel stand, ihr Haar richtete, die Lippen nachzog, weil ER gleich klingeln würde. Sobald sie seine eiligen Schritte die fünf Treppen hinauf vernommen hatte, schlug ihr Herz bis zum Hals und es zog zwischen ihren Beinen.
Heute, zwanzig Jahre danach, zieht nichts mehr. Und wenn sie Krimis liest, spürt sie immerhin ihr Herz vor Aufregung schlagen.
Trotz der Spannung, die der Buchtitel CHEMIE DES TODES mit sich bringt, beginnt sie zum zehnten Mal die selbe Seite. Auch der sechste Kaffee, den sie sich aus dem Automaten gezogen hat, ändert daran nichts. Wenn die doch bloß endlich sagen würden, was mit ihm ist, sinniert sie vor sich hin, klappt das Buch zu und steckt es zurück in den Jutebeutel, schließlich kann er mich doch mit der ganzen Arbeit nicht alleine lassen. Ausgerechnet jetzt, wo die Bäume geschnitten werden müssen. Und das Holz. Das Holz muss doch auch noch gestapelt werden … und die Garage? Wer soll die jetzt weiter mauern?
Endlich öffnet sich die Tür zur Station. Loretta Nebel erhebt sich mühsam. Dabei rutscht das auf dem Schoß Vergessene zu Boden und der Beckett fällt heraus. Während sie sich umständlich bückt, um Buch und Tasche wieder aufzuheben, lässt sie ihren Blick nicht von der rothaarigen Krankenschwester.
»Frau Nebel?«, fragt diese knapp.
»Ja«, antwortet Loretta langgezogen vor Schreck, denn in den funkelnden Augen der Schwester ist nichts zu lesen, keine Erleichterung, kein Mitleid. Kein einziger Anhaltspunkt dessen, was in den letzten Stunden mit ihrem Mann geschehen ist. Was überhaupt geschehen ist. Warum er plötzlich auf der Treppe zusammen gebrochen war.
»Das bin ich«, setzt sie endlich zögernd nach und hängt wie hypnotisiert an diesen Augen, die unter dichten schwarzen Wimpernkränzen azurblau leuchten.
»Kommen Sie«, antwortet die Rothaarige nun etwas sanfter und legt ihre Hand leicht auf Lorettas Arm, »Ihr Mann ist zu sich gekommen«, und während sie weiterspricht, tröstet nun endlich ein Lächeln in ihren Augen, »Sie dürfen für einen Moment zu ihm«
»Was machst du bloß mit mir?«, keift Loretta flüsternd, als sie ein paar Minuten später allein in dem kahlen Raum ist, der ihr mit den vielen Geräten, den Schläuchen und Kabeln, die in ihrem Mann zu stecken scheinen, Angst macht, »Mir solch einen Schrecken einzujagen«, dabei greift sie fest an seine rechte Schulter und rüttelt daran, rüttelt, als wolle sie selbst erwachen, »jetzt sag mir schon, was mit dir los ist! Ludwig – so rede doch!« Ihre strammen Schenkel drängen sich auf die Bettkante. Tränen der Wut steigen in ihr auf, doch sie schluckt sie runter, während Ludwig ins Nichts blinzelt und anfängt zu stammeln:
»Das Tuch«
»Waaas?«
»Es war das Frotteetuch«
»Wovon redest du?«
»In dem Turm … das Frottee … und diese Lydia«
»Lydia? Ist das die Schwester? Was redest du für wirres Zeug?« Loretta weicht von seinem Bett und ihr Atem weicht schnaufend dem eigenen Schweißgeruch aus. Seit ein paar Wochen plagen sie diese verdammten Hitzewallungen. Mehr Veränderungen erträgt sie nicht. Und jetzt das hier. Ich will das alles nicht, denkt sie, ich will mein Leben so weiter, wie bisher. Keine Aufregungen. Keine Veränderungen. Warum tut dieser Kerl mir das an?
»Frau Nebel?«, wird Loretta plötzlich von einer tiefen Stimme aus ihren Gedanken gerissen und erstarrt. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand das Zimmer betreten hat.
Doch anstatt sich umzusehen, äfft sie affektiert zurück, »Frau Nebel, Frau Nebel … immer dieses FRAU NEEEBELLLL!« Sie würdigt den Redner keines einzigen Blickes, fuchtelt wild mit den Armen und stiert ihren Mann dabei an, der gerade etwas von einem Turm faselt, immer wieder von einem Tuch und dabei die ganze Zeit durch sie hindurch sieht. Ihre Stimme überschlägt sich fast, »WER soll denn wohl sonst hier bei meinem Mann sein?«, treibt sie es schnippisch auf die Spitze, »Er hat ja schließlich nur noch mich!«
»BITTE! Beruhigen Sie sich!«, entgegnet die Stimme souverän und doch so, dass Loretta deutlich wird, eine weitere Missachtung der notwendigen Ruhe in diesen vier Wänden würde der, zu dem sie gehört, nicht dulden.
Sie dreht sich zu ihm um und zuckt merklich zusammen. Die dunkle Stimme des vor ihr stehenden Arztes ist offenbar seiner Körpergröße von fast zwei Metern zuzuschreiben. Es ist ein ungewohntes Bild für sie. Die üblichen Halbgötter die sie kennt, ähneln sich allesamt und hatten Loretta stets an Laborratten erinnert. Der spindeldürre Zahnarzt zum Beispiel, der ständig »Mhm« macht, wenn er einem in den Mund sieht und aus dessen Ohren rote Haare wachsen. Außerdem stinkt er nach Ammoniak. Oder dieser mickrige Gynäkologe, der alle Satzanfänge wiederholt und dessen Augen durch seine Brillengläser so schrecklich groß aussehen, dass sie es jedes mal mit der Angst zu tun bekommt, wenn er sie untersucht.
Aber dieser hier … sein weißer Kittel spannt über der trainierten Brust. Die Ärmel liegen eng an. Sein makellos braungebranntes Gesicht ist bis auf das Menjou-Bärtchen glatt rasiert. Das Haar kinnlang, nach hinten gekämmt. Unnachgiebig hält er ihrem Blick stand. Mit den schönsten grünen Augen, die mich jemals aus einem Mann angesehen haben, denkt sie und ringt nach Worten.
»Herr Doktor«, stammelt Loretta und ist schlagartig leiser. Sie lächelt unsicher und senkt den Blick. Dann folgt sie seiner Aufforderung hinaus aus dem Zimmer, über den Gang hinweg in sein Büro.
»Bitte setzen Sie sich«, rückt der Arzt Loretta Nebel den Stuhl zurecht, in den sie sich mühsam hineinzwängt. Sie zupft ihren braunen Rock zurecht und klammert sich an Simon Beckett fest, der ruhig in dem Jutebeutel auf das Weiterlesen wartet. An ihrem Hals breiten sich hektische rote Flecken aus. Der Schweiß läuft ihr vom Haaransatz über die Schläfen und hinter den Ohren entlang vor ins Dekolletee. Loretta spürt unangenehm, wie er sich weiter sammelt und über die Ringe an ihrem Bauch hinweg zu Flecken auf der beigefarbenen Bluse wird. Schützend drückt sie den Beutel noch fester an sich.
»Herr Doktor«, stammelt sie wieder nur, »könnten Sie bitte das Fenster ein wenig …«
»Sie transpirieren stark«, sagt er und kippt eins der Fenster an, so dass Abendluft und Stadtklänge hereindringen, »sicher die beginnenden Wechseljahre, Frau Nebel«, er lehnt sich vor ihr an den Tisch und lächelt sanft, was Loretta noch verlegener macht, da es überhaupt nicht zu seinem Tonfall passt, »wenn Sie möchten«, fährt er fort, »empfehle ich Ihnen einen Kollegen. Er ist spezialisiert auf die Reduzierung unangenehmer Nebenwirkungen der Menopause«, er räuspert sich, »vermutlich wird er Ihnen gleichzeitig zu einer grundsätzlichen Lebensumstellung anraten. Mehr Bewegung. Gesünderes Essen. Vielleicht Yoga …«, dann hält er inne, holt tief Luft zu einer künstlichen Pause und stellt sich ans Fenster, die Nase an den offenen Spalt gedrängt.
In Loretta wechseln sich Empörung und Schamgefühle ab. Immer mehr scheint das Wasser aus ihren Drüsen zu drängen. Wie in Watte gepackt klingen plötzlich die Geräusche von draußen. Hupende Autos und rufende Menschen entfernen sich. Dafür beginnen die weißen Wände des Zimmers zu wanken und kommen näher. Das überdimensionale Bild eines Geflechts aus Adern, das über dem Schreibtisch hängt, beginnt vor Lorettas Augen zu pulsieren. In Sekundenschnelle fällt ihr das Atmen immer schwerer. Nur noch leise und von sehr weit weg dringen jetzt die letzten Worte des Doktors an ihr Ohr, »womit wir auch schon bei den Befunden Ihres Mannes wären …«, dann verliert sie die Besinnung und Beckett landet erneut, diesmal gemeinsam mit seiner Leserin, auf dem Boden der Klinik, wobei Gesäß und Schenkel weiterhin zwischen den Armlehnen des Stuhles klemmen.

3 Wo bin ich?

»Sie müssen keine Angst haben. Es wird nicht weh tun«, hörte ich sie sagen. Ihre Stimme erreichte mich wie aus weiter Ferne. Ich verstand nicht gleich. Suchte in meinem Kopf nach den letzten Bildern, an die ich mich erinnern konnte und kam langsam zu mir. Sofort vermisste ich den Gesang des Strandes um uns herum.
»Bewegen Sie sich nicht und lassen Sie die Augen geschlossen«, fuhr sie fort.
Sie klang verändert und so, als läge die Wand einer Glasglocke zwischen uns. Ich begriff ihre Anweisungen nicht und öffnete die Augen. Sie stellten sich nur langsam scharf. Als ich zu erkennen versuchte, wo wir uns befanden, drängte mit einem plötzlichen Knall Hitze und gleißendes Licht meine Lider wieder zusammen. Ein Tränenschleier schob sich dazwischen. Mein Körper reagierte wie beim Zwiebelschneiden. Als würde ich ohne den prophylaktischen Schluck Wasser im Mund ein halbes Pfund davon zerhacken. Wenn es einmal angefangen hat zu brennen, wird es nahezu unmöglich die Augen offen zu halten, ohne darin zu reiben.
Ich wollte dem Reflex nachgeben, Tränen und Schmerz mit den Handballen aus den Augenhöhlen zu pressen.
Doch irgendetwas hinderte mich daran. Es schien, als wären meine Gliedmaßen fixiert. Ich glaubte mit den Armen zu zerren und schnaubte. Wollte sehen, wo ich war und ob immer noch die selbe Frau mit mir sprach. Die Frau vom Strand mit ihrer sonderbaren Geschichte. Warum hatte sie mir das bloß alles erzählt?
Ich ging in Sekundenschnelle die Abläufe noch einmal durch und wand mich innerlich wie ein Aal, den man zum Laichen ins Süßwasser ziehen wollte. Doch es nützte alles nichts. Mein Körper besiegte meinen Willen und schließlich gab ich erschöpft der Lichtflut nach. Der Schmerz unter den Lidern blieb. Mit letzter Mühe zog ich die Gesichtsmuskeln zusammen. So als könnte ich meine Lippen über die Augen stülpen, spannte ich jeden Zentimeter meiner schlaffen vom Dreitagebart überzogenen Haut an. Ich schob die Brauen in Richtung Wangen, so dass ein paar Tränen aus ihren Höhlen rannen. Der Gegenschmerz nahm den anderen. Bis mich auch dafür die Kraft verließ.
»Braucht er noch lange? Was meinst du? Wie sieht es aus mit ihm?«
Da war sie wieder, die zweite Stimme. Genau die, die so bedrohlich von der Treppe gerufen hatte. Eine Stimme, als würde der Mann zu dem sie gehörte mit Kieselsteine gurgeln. Säße ich in einem alten Film über Piraten, würde so ihr Kapitän klingen. Hätte seinen dicken Wanst unter dem gestreiften Hemd versteckt, Die Tattoos würden ihm wie Fangarme aus dem Kragen krauchen und sein schwarzer Bart bis auf die Brust reichen.
Langsam bekam ich Angst durchzudrehen. Warum sprach ich nicht? Warum ging kein Wort über meine Lippen, wieso versuchte ich es nicht? Konzentriere dich gefälligst! Wo liegst du?
Weich fühlte es sich an. Und es war warm. Bis auf … ja, der Druck meiner Blase hatte nachgelassen. Dafür klebte mein Schritt kalt und völlig ohne Leben. Es war widerlich, obwohl ich nichts roch. Auch der Gestank nach Moder schien verflogen. Was mache ich hier? Immer wieder die selbe Frage. Sprecht mit mir! Wo seid ihr denn? Aber niemand hörte mein stummes Flehen. Keine Antwort. Nichts.
Manchmal hörte ich den Wind. Jedenfalls dachte ich, dass er es wäre. Es klang zwar nicht mehr danach, als würden wir uns am Ende der Mole direkt über den Wellen befinden, doch das war das letzte Bild, was mir einfiel. Wir müssen noch dort sein in dem Turm, dachte ich und das Frotteetuch kam mir wieder in den Sinn. Vor Schreck wollte ich die Augen aufreißen. Keine Reaktion. Ich sandte den Gedanken. Den Willen. Meine Angst. Doch ich spürte nichts von ihrem Ankommen. Die einzigen Körperfunktionen, die noch gebräuchlich schienen, waren mein Gehör und … mein Geschmack.
Bitter lag das Salz auf der Zunge. Ich stellte mir vor, wie ich sie gegen den Gaumen presse. Was für eine Wohltat. In meinem Kopf lächelte es mit einem Mal und bunte Farben tanzten, der Fahrt auf einer Achterbahn gleich. Ich schmeckte Salz. Also war ich noch am Meer. Waren WIR noch am Meer. Das Unbekannte mit zwei Stimmen und meine Wenigkeit, die nicht verstand, was mit ihr passierte.
»Sie müssen keine Angst haben. Es wird nicht mehr lange dauern«, hörte ich endlich erneut eine Stimme. Jetzt ist sie es wieder, wollte ich mich freuen und meine Fragen vergessend mich ihr zuwenden. Ich sehnte den Duft ihrer Haare herbei, eine Auflösung des Rätsels, ein Erwachen aus dem Traum. Mehr sagt sie nicht? Das ist alles? Schon wieder? Ich wiederholte ihre Worte in mir wie ein Mantra, bis Ungewissheit und Angst mir jedes Sehnen nahmen. WAS wird nicht mehr lange dauern? Die Fähre würde längst weg sein. Aber das hätte mir klar sein müssen, als ich mich auf den Spaziergang mit ihr eingelassen hatte.
Dicht an meinem Ohr vernahm ich plötzlich einen Ton, der rhythmisch wiederkehrte. Wie die Lotgeräusche in einem U-Boot. Was ist das jetzt wieder? Die bunten Farben ließen nach. Tauschten sich aus mit der Beklemmung eines Maschinenraums, durch den ich einmal im Filmmuseum gekrochen war. Sind wir unter dem Meer? Keine Erklärung für die Geräusche. Und das Licht. Das Licht. Was zur Hölle passiert mit mir? Und was meint sie damit? Es wird nicht mehr lange …
***
Ich musste eingeschlafen sein. Als ich zu mir kam, war es dunkel. In mir und außerhalb. Der Ton war verstummt. Alle Töne. Ob ich die Augen offen hatte oder geschlossen konnte ich nicht feststellen. Ich glaubte sie aufzureißen. Sah aber nichts. Nichts als stockfinstere Dunkelheit. Kein Meer. Kein Sturm. Nur das Sausen meines Blutes im Ohr. Schreiende Stille. Ist so das Ende? Ich könnte in einem Sarg liegen ohne es zu wissen. Unbeweglich und ohne Sinne. Wenn ich eine Faust machen könnte? Doch nur das Blut rauschte und meine Brust senkte und hob sich schwer, um mich am Laufen zu halten. Laufen wofür?

4 – Was erlauben Sie sich?

»Sie müssen ihn gehen lassen, Frau Nebel.«
»Was muss ich? Sie müssen MIR was! Verraten sie mir, warum ich hier in diesem Bett liege! Ich hasse Krankenhäuser. Wo sind meine Sachen?«
»Beruhigen Sie sich bitte«, sagt die Rothaarige und fühlt nach Lorettas Puls, »Sie sind vorhin im Sprechzimmer des Arztes kollabiert.«
»Kolla was?«
»Sie waren ohnmächtig.«
»ICH?«
»Frau Nebel, wir würden Sie gerne ein paar Gesundheitstests unterziehen. Der Doktor wird gleich nach Ihnen sehen.«
»Aber … aber … jetzt lenken Sie doch ab. Wie haben Sie das gemeint, ich müsse ihn gehen lassen? Reden Sie von meinem Mann?«
»Der Doktor wird gleich bei Ihnen sein.«
»Verdammte … ach?«, wird Loretta Nebel plötzlich leiser, »etwa DER Doktor? Na ja, wenigstens ist es hier angenehm kühl und fallen kann ich auch nicht mehr.«
Loretta starrt an die Decke und betastet sich unter dem Deckbett. Man hat ihr die Kleidung ausgezogen und in ein Kliniknachthemd gesteckt. Welche Blamage, denkt sie, hoffentlich hat mich der Doktor nicht … aber das macht sicherlich das Pflegepersonal. Plötzlich hört sie neben sich ein Räuspern.
»Frau Nebel? Wie fühlen Sie sich?«
Loretta schluckt, dann antwortet sie: »Ach, der Herr Doktor. Ja, was soll ich sagen. Ich transpiriere nicht mehr.«
Er steht lächelnd am Fußende des Bettes und lehnt sich über das Metallgeländer. Seine tiefe Stimme bringt Lorettas Libido zum Vibrieren.
»Ist der Schwindel vorüber?«
»Soweit … aber im Moment … ich weiß nicht.«
»Sie sind mit dem Kopf aufgeschlagen. Tut er ihnen weh?«
»Nein. Nein, ganz bestimmt nicht. Mir tut … gar nichts weh.«
Loretta spürt wieder diesen Kloß im Hals. Alles in ihr kribbelt. Ihr Schädel brummt.
»Dann ist es ja gut. Fühlen Sie sich in der Lage, diesen Fragebogen für mich auszufüllen?«
»Für Sie?«, erwidert sie und ihre Stimme ist plötzlich nur noch ein Hauchen, »Ja, sehr gern.«
»Gut, dann lege ich ihn auf Ihren Nachttisch. Die Schwester wird Ihnen einen Stift bringen.«
»Einen Stift. Ja, sehr gern.«
»Dann bis später, Frau Nebel«, er zwinkert ihr zu, »und nicht weglaufen!«
»Nein … niemals«, faselt sie nun völlig benommen und starrt auf die zugefallene Tür.
Die Rothaarige bringt Loretta wenige Minuten später den Stift. Als sie das Zimmer gleich wieder verlassen will, fasst sich Loretta ein Herz.
»Schwester, ich war so erschrocken vorhin, darum …«
»Schon gut. Füllen Sie einfach den Fragebogen aus. Sie müssen nicht mit mir reden.«
»Aber ich will ja. Haben Sie einen Moment?«
»Jetzt?«, fragt sie und blickt auf die silberne Uhr an ihrem Handgelenk, »na gut. Einen Moment oder zwei nehme ich mir für Sie. Also, worüber wollen Sie reden?«
Sie lehnt sich an das Fensterbrett neben Loretta Nebels Bett.
»Ist der Doktor verheiratet?«, platzt es aus Loretta heraus. Sofort schlägt sie sich auf den Mund. »Was war denn das? Das wollte ich doch gar nicht fragen. Ich wollte wissen, wie Sie das vorhin gemeint haben, mit meinem Mann. Was ist bloß los mit mir?«, Loretta spürt wieder, wie Röte und Hitze von ihrem Gesicht Besitz ergreifen. »Was Sie jetzt von mir denken müssen.« Sie blickt die Schwester peinlich berührt an.
»Machen Sie sich keine Gedanken. Unser Herr Doktor hat schon so manchen Kopf verwirrt.«
»Ja, also meinen aber nicht. Ich kann mir das gar nicht erklären.«
»Schon gut. Ihr Mann. Ja, also wie es aussieht, hat es ihn schwer erwischt. Ich habe vorhin mitbekommen, wie Sie ihn, nun ja, ziemlich angefahren haben. Ich kenne Beziehungen Ihrer Art.«
»Unserer Art? Was wollen Sie damit sagen?«
»Dass jeder auf den anderen baut. Keinen Schritt ohne ihn macht. Das Leben ein Gesamtkonstrukt auf zwei Pfeilern darstellt. Und wenn einer kippt … wankt alles und der zweite Pfeiler fällt mit.«
»Gesamtkonstrukt auf zwei Pfeilern? Aha.«
»Ist es nicht so? Hat nicht jeder seine festen Aufgaben bei Ihnen?«
»Das nennt man auch Liebe.«
»Liebe? So nennen Sie das? Wann hat er Ihnen das letzte Mal ein Kompliment, wann Sie sich für ihn hübsch gemacht. Und wenn, hat er es dann bemerkt? Wann haben Sie ihm das letzte Mal gedankt für das, was er tut?«
»Gedankt? Dafür, dass er eine Garage baut, oder was? Das ist doch selbstverständlich, dass er das macht. Soll ich etwa?«
»Ist es das? Heißt Liebe Selbstverständlichkeit?«
Loretta kämpft mit ihrer Fassung. Wieder steigt ihr das Blut in den Kopf.
»Also, was nehmen Sie sich eigentlich … wie alt sind Sie überhaupt, dass Sie mir hier mit solchen Fragen … ich verstehe immer noch nicht, was Sie mir sagen wollen.«
Die Rothaarige erhebt sich von der Fensterbank und steckt die Hände in die Kitteltaschen.
»Lassen Sie ihn gehen. Lassen Sie das Alte los. Wenn Sie überleben wollen und in den nächsten Jahren noch etwas Freude empfinden wollen, besorgen Sie sich weitere Pfeiler.«
»Pfeiler? Was heißt denn das? Wird er … etwa … wird er sterben?«
»Ich kann Ihnen nicht mehr dazu sagen, Frau Nebel. Ich muss jetzt auch gehen«, sie wendet sich an der Tür noch einmal um und sagt lächelnd »Und denken Sie bitte an den Fragebogen.«
Dann fällt die Tür ins Schloss und Loretta lässt alle Anspannung von sich abfallen. Ihr Kopf sinkt schwer ins Kissen. Sie schwankt zwischen Scham, Empörung und Sorge. In was für ein Krankenhaus sind wir hier bloß geraten, Ludwig?, denkt sie und tastet den Nachttisch nach Simon Beckett ab.

FORTSETZUNG FOLGT

Ein Gedanke zu “was man zähmt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s