stromausfall bis zur panik


16:22 Uhr, ich wollte den Trockner einschalten. Keine Reaktion. Die Waschmaschine solidarisierte mit nicht leuchtendem Kontrolllämpchen. Aha, Strom weg. Schon wieder? Oder diesmal doch einer der eigenen FI-Schalter geflogen, überlege ich und checke die beiden Sicherungskästen des Hauses. Ich finde nichts, was nicht so sein soll.

Durch ein Fenster im Treppenhaus fixiere ich die Nachbarhäuser. Dass deren Fenster nicht leuchten, verwundert erstmal nicht zu dieser Tageszeit. Trotzdem stimmt etwas an dem Bild nicht. Wir haben -6 Grad, es liegt Schnee … und, ja genau, kein Schornstein qualmt. That’s it, also ist das ganze Dorf wieder ohne Stromversorgung, na super! Ich fühle den Heizkörper unter dem Fenster, an dem ich noch stehe und lasse die toten Häuser auf mich wirken. Apropos qualmender Schornstein – Heizung – das wird hier schneller kalt, als ich gucken kann, denke ich und haste die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und durch den Heizungsraum hinaus in den Stall.

Langsam setzt die Dämmerung ein, trotzdem kann ich die gestapelten Buchenscheite noch gut erkennen. 3 Kubikmeter hatte ich im Sommer hineingeschleppt und aufgetürmt. Soll doch nicht umsonst gewesen sein. Schließlich haben wir nicht nur einen Ölkessel sondern auch einen Holzkessel und den werde ich jetzt anschmeißen, sage ich mir und lasse siegesgewiss 7 dicke Scheite neben den Kessel poltern. Ich grinse diebisch, weil das Feuer schneller lodert, als ich zu hoffen gewagt hatte und weil ich endlich Oberschenkelfette Stücke hineinschmeißen kann und niemanden brauch, der sie mir klein und handlich zurecht hackt.

Ich schließe die Klappe und plötzlich schlägt eine Gewissheit auf mich ein, die exakt 10 Minuten zu spät kommt. Was um Himmels Willen nützt denn das Holzfeuer, wenn der Strom fehlt, um die Wärme im Haus zu verteilen? »Ach du Scheiße!«, sage ich nun laut, greife mein Handy und rufe Werner, den Vorbesitzer des Hauses, an.
»Naja, da kannst du nicht viel machen, der darf halt nicht über 100 Grad heiß werden«, antwortet beruhigend die Stimme am Telefon, »und wenn er doch über 100 Grad heizt, dann läuft die Suppe im Waschraum in einen Trichter, quasi zum Druck ablassen. Wenn es also aus dem Raum pfeift und zischt, mach dir nicht ins Hemde«, vernehme ich gerade noch, bevor sich der Akku vom Handy verabschiedet. Auch das noch, wenn ich jetzt Hilfe brauch …?

Ich konzentriere mich: Okay, dann heiz ich jetzt Küchenherd und Kachelofen, damit es schön warm ist, wenn Hans nach Hause kommt.

Ich nutze das letzte bisschen Dämmerschein und verteile im Treppenhaus, in Küche und Gastraum gefühlte 100 Kerzen. 1/2 h später knistern gemütliche Feuerchen in beiden Öfen – ganz ohne Strom. Ich mummle mich in einer Decke an den Kachelofen, neben mir ein Glas Müller-Thurgau und auf meinem Schoß Schreibzeug. Stromausfall ist echt romantisch, geht es mir durch den Kopf.

Plötzlich fängt ein Klopfen an. Zuerst denke ich, dass im Dorf jemand Holz hackt. Sicher will er auch heizen, beruhige ich mich, gehe trotzdem zur Kontrolle ans Fenster. Durch die leichte Öffnung hoffe ich, das Klopfen lauter zu vernehmen. Stattdessen höre ich von draußen rein gar nichts. Das rhythmische Geräusch in meiner Hörweite bleibt jedoch. Langsam werden auch meine Hunde unruhig. Verdammt, was ist das? Ich öffne zögernd die Tür zum Treppenhaus und siehe da, das Klopfen wird lauter und unheimlicher. Ich halte den Atem an und schleiche zur Tür des Heizraumes, die auf der anderen Seite des Hauses liegt. Und nun höre ich es deutlich. Es brodelt und knackt und klopft. Mir fällt die Anmerkung mit den 100 Grad ein. Aber wieso funktioniert dann nicht dieser blöde Druckablasser im Waschraum? Warum hört es sich an, als würde die gesamte Heizungsanlage jeden Moment in die Luft gehen? Zögernd öffne ich die Tür einen Spalt, aber habe nicht den Mumm, den Raum auch nur einen Schritt zu betreten. Es schreit und knattert und poltert und kracht und ich habe keinen Schimmer, was ich tun soll.

Ich ziehe mich in die Küche zurück, will mich beruhigen und ablenken. Ich lasse Abwaschwasser ein, um mir die Hände zu wärmen und bei der Gelegenheit, die paar Tassen und Teller vom Tag zu spülen. Dabei kommt mir erneut eine Idee. Wenn ich heißes Wasser laufen lasse, dann kann doch die Hitze aus dem Holzkessel theoretisch das Wasser im Speicher wieder aufwärmen und so die Energie loswerden, vermute ich und lasse nach dem Abwaschen im 1. Stock auch gleich noch Badewasser ein. Weinselig abgelenkt genieße ich ein Bad, schlüpfe gegen 19:30 in meinen Schlafanzug und gehe anschließend zum Kontrollgang noch mal hinunter.

Der Lärm hat sich kaum verändert, scheint sich jetzt aber zum Finale zusammenzubrauen und endlich, höre ich ein Gurgeln und Zischen aus dem Waschraum. Den betrete ich nicht, weil ich gar nicht weiß, wo und aus welcher Ecke der Dampf schießt (Nicht-Insidern sei gesagt, dass ich erst seit 1 Jahr in diesem Haus wohne) Es ist ein grauenvolles Getöse, aber ich soll mir ja nicht ins Hemde machen, erinnere ich mich. Meine Hunde laufen winselnd um mich herum. Dann ist plötzlich alles still. Erstmal. Das wird es ja dann wohl gewesen sein. Ich schnappe mir eine Kerze vom Treppenhaus, öffne die Tür zum Heizraum und gehe mit allem Mut, den ich habe, hinein. Der Holzkessel bollert immer noch – das gute Buchenholz – sonst, wenn man drauf hofft, brennt es viel zu schnell durch, aber das hier, entpuppt sich in dem Moment als Dauerbrenner.

Ich halte die Kerze zum Manometer. Klar, der Wasserdruck is jetzt gesunken. Also Heizungsanlage auffüllen, denke ich wieder nur halb zu Ende. Den gigantischen Druck, der immer noch im Kessel ruht, vergesse ich mal so ganz nebenbei. Wie blöd man manchmal ist, wenn man direkt in der Situation steckt. Ungefähr genauso behämmert ist es, wenn man bei einem Brand die Fenster öffnet, damit der Qualm abzieht und man besser Luft bekommt. Das ist teilweise richtig gedacht, wenn man vernachlässigt, dass durch die geöffneten Fenster Sauerstoff hereinströmt, der das Feuer erst noch so richtig schön auflodern lässt.

Ich also dränge mich auf allen Vieren, oder Dreien – in einer Hand halte ich ja die Kerze – hinter den siedenden Kessel und suche den Füllhahn. Einer von geschätzten zehn sieht dann auch so aus. Ich öffne ihn ganz vorsichtig, danach den Hebel zur Heizungsanlage genauso. Stehe auf, leuchte mit der Kerze das Manometer an, um zu checken, ob der Wasserdruck steigt.

Plötzlich knallt es direkt neben meinem Ohr so unerwartet, dass mich Panik erfasst. Ich denke nur noch, dass ich den Wasserhahn wieder schließen muss und dann verschwinden. Vor lauter Hektik, weiß ich natürlich nicht mehr, in welcher Richtung der blöde Hebel zur Heizung stehen muss, aber den Hahn zur Wasserleitung schließe ich korrekt, und dann verlasse ich fluchtartig den Raum und schließe die Tür. Da stehe ich nun und lausche. Es zischt, es knallt, es pfeift.
Ich muss hier raus, mit dem Gedankenblitz hechte ich die Stufen hinauf, tausche Schlafanzug gegen Jeans und Pulli, blase alle Kerzen aus, die mir auf dem Weg ins Auge fallen. Schnappe meine Hunde und verlasse das Haus.

Selbst draußen höre ich es donnern und tosen. Wir steigen ins Auto und fahren 1 km den Berg hinunter zu Birgit. Ihre Fenster flackern im Kerzenschein, sie steckt den Kopf aus der Dachluke, nachdem sie meinen Wagen gehört hat. »Ich hab so Schiss!« rufe ich nach oben. Sie kommt runter und nachdem ich ihr die Lage geschildert habe, folgt sie meiner Weinfahne und uns zurück den Berg hinauf. Mein Haus steht noch. Beim Öffnen der Tür schlägt uns Saunaluft entgegen. »Da hat’s nun aber auf jeden Fall etwas entschärft«, mutmaße ich und guck Birgit ratlos an. Immer noch ist alles dunkel.
»Wir gehen zu Dietmar, der kennt sich aus«, wirft Birgit ein und wir laufen durchs Dorf zu dessen Haus. Das hat einen Klopfring an der Türe und durch die Fenster verstrahlt ein Lüster großzügigen Kerzenschein, direkt friedlich kann so ein Stromausfall sein.

Dietmar schläft schon fast, seine Frau ist wenig begeistert. Während er seinen Blaumann anzieht verrät ein »Pling«, dass irgendein elektrisches Gerät in seinem Hause wieder auf Bereitschaft gegangen ist. 20:22 Uhr – der Strom ist wieder da. Dietmar stapft trotzdem hilfsbereit mit uns durch den Schnee zum Gasthaus.

Das Spektakel ist vorüber. Der Heizraum steht ruhig und stinkend unter schwarzem Heizungswasser. Das hat es wohl aus dem Schlauch gedrückt, als ich die Anlage auffüllen wollte. Dietmar repariert den kaputten Schlauch und füllt die Heizung wieder auf.

Anschließend sitzen wir zu dritt bei dem Rest Müller-Thurgau in der alten Gaststube und Dietmar erzählt Anekdoten aus seiner Kindheit. Er zeigt uns, wo zu seiner Zeit in diesen Räumen der Tresen und der Kachelofen stand und welche Geschichten seine Großväter dort zum Besten gegeben haben. Plötzlich driften wir mit seinen Erinnerungen in den 1. Weltkrieg ab, alte Uniformen und Standuhren werden lebendig und ich spüre wieder einmal ganz genau, welchen Zauber dieses Haus auf mich ausübt.

Dieser Beitrag wurde unter basierend. veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s