ich komme später nach


 

stille am tag
lauwarm noch
pergamentene haut
augen gen himmel
flogst du voraus

einer muss gehen
sagtest du
für mich
und flogst
einfach

Schon wieder hält ein Krankenwagen. Das zweite mal in dieser Woche. Ich trete ans Schaufenster und beobachte die andere Seite der Straße. Ein LKW rattert über das Kopfsteinpflaster und ich sehe gerade noch, wie die Sanitäter im Hauseingang verschwinden. Kurz darauf folgt der Notarzt. Mein Atem geht schwer und ich setze mich zurück auf den Stuhl.

Vor mir auf dem Verkaufstisch liegen Kataloge. Ich blättere darin und hoffe, dass ich den richtigen Riecher hatte. Es ist noch nicht mal richtig Herbst und ich freue mich jetzt schon auf die Frühjahrskollektionen.

Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich und ich fixiere über die Kleiderständer hinweg das Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wie lange sind die jetzt schon da drin? Mein Blick geht auf die Uhr. Irgendwas scheint anders als sonst, denke ich und behalte das Fenster weiter im Auge.

Früher war hinter dem Fenster der Spielzeugladen. Holzautos, Puppen, Bausteine und Stofftiere sorgten regelmäßig dafür, dass sich die Dorfkinder an der großen vergilbten Scheibe ihre Nasen platt drückten, wenn sie von der Schule nach Hause liefen.
Es war ein toller Ort. In dunklen Holzregalen stapelten sich bis unter die Decke Spiel- und Schreibwaren. Der winzige Innenraum war in warmes Licht gehüllt und wenn jemand herein trat oder ging, erklang die Türglocke. Es roch nach Holz, Leim und Papier.
Jeder Besuch war für mich, wie ein Eintritt ins Paradies, denn der kleine Laden gehörte meiner Großmutter. Mich faszinierten die Geräusche der Registrierkasse. Das Schnurren, wenn sie an der Kurbel drehte, das Krachen, wenn die Lade mit einem Ruck aufsprang und das Klimpern der Münzen, wenn sie Geld einsortierte. Wenn ich allein war, wanderten meine Finger über die goldenen Knöpfe mit den großen Ziffern.
Einmal verliebte ich mich in eine Spieluhr. Sie stand in der zweiten Reihe des Regals, gleich hinter der Tür. Heimlich zog ich sie auf. Als die Seerose sich öffnete und das kleine Mädchen darin zu einer Melodie tanzte, verlor ich mich in ihrer Welt. Bei jedem Besuch im Haus meiner Großeltern freute ich mich auf das Mädchen in der Seerose. Bis der Platz im Regal eines Tages leer war. Jemand hatte die Spieluhr gekauft.

Heute ersetzen Einkaufszentren den Spielwarenladen meiner Großmutter und auch das Geschäft der alten Bäckerei, die sich auf der anderen Straßenseite befand. In dem Raum, durch dessen Schaufenster ich hinübersehe, verkaufte die Bäckersfamilie bis vor zehn Jahren Schrippen, Knüppel, Kuchen und Brot. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Backstube, in der ich als Kind naschen durfte. Ich rieche den Hefeteig, sehe das bemehlte Gesicht des Bäckers, höre die schrille Stimme seiner Frau und sehe ihre beiden Dackel bellend den Zaun entlang flitzen.
Sobald ich meine Augen wieder öffne, hängen an der Wand bunte Hosen, Pullis und Kleider für Kinder. Ich sitze dazwischen und denke an den toten Bäckermeister, den sie auf dem Dachboden vom Seil abgeschnitten haben. Damals.

Mein Puls fängt an zu rasen. Es ist anders als sonst. Irgendwas ist anders. Und plötzlich weiß ich, dass ich sofort meinen Laden abschließen und hinüber eilen muss.

Der Arzt lässt mich rein, ist im Gehen und verabschiedet sich sofort. Durch den kurzen Flur gelange ich ins Wohnzimmer. Meine Großmutter sitzt im Sessel und nickt mir zu. Ihr Gesicht ist gerötet. Ihre Augen glasig, wie immer. Ich setze mich zu meinem Großvater auf die Bettkante.
Seit er gepflegt werden muss, steht sein Bett am Fenster. Er beobachtet die Leute, die draußen vorbei laufen und meine Kinder, wenn sie im Garten spielen. Und er zählt die Kunden, die meinen Laden betreten und freut sich, wenn es viele sind.
Sein Mund steht offen, die Augen leicht, als ob sie blinzeln. So wie immer, wenn er schläft. Der Spätsommer malt Lichtstrahlen durch tanzende Staubflocken ins Zimmer. Nur das leise Schluchzen meiner Großmutter und das Ticken der Standuhr betreten die friedliche Stille. Ich nehme die Perücke ab und lege meinen Kopf auf seine Brust. Meine Hände liegen auf seinen Armen. Lauwarm und dünn fühlt sich das an. Warum nimmst du mich nicht mit?

»Er hat für dich Platz gemacht«, flüstert sie vom Sessel, »er hat gesagt, ›die Kleine muss doch weiterleben und wieder gesund werden‹ und er hat doch recht«

Ich nehme seine Hand und lege sie auf meinen Kopf. So klein, mein kahles Haupt und seine Hand, die einst die kräftigste im ganzen Dorf war. Eisenschiffbauer war er und den größten Vorschlaghammer in der Werft hielt er mit nur einer Hand. Keiner hat das sonst geschafft.

»Wann musst du wieder in die Klinik?« fragt sie und ich staune, wie sie das macht. Wie kann sie jetzt daran denken.
»Nächsten Mittwoch, am Neunzehnten. Es startet immer Mittwochs« antworte ich leise, weil ich den Moment nicht zerreden will.

Ich werde ihn nicht wieder sehen. So viele Bilder sind plötzlich in meinem Kopf. Er und ich auf dem zugefrorenen See, meine kleine Hand in seiner. Mit zwei Angeln im Kahn, wenn es Sommer war. Meine Beine zwischen Gartenzwergen, wenn er seine Rosen schnitt und ich zugucken durfte, wie die kleine Windmühle den Esel bewegte. Im Wartburg, vorne neben ihm. Im Schatten des Efeus auf der Hollywoodschaukel bei Kaffee und Kuchen mit meinem ersten Freund. Auf Fotos von Tagen, an denen ich Kaninchenbabys streichelte, die in seiner Hand saßen oder ich in Gummistiefeln mit einer Kinderschubkarre im Gänsemarsch hinter ihm herlief. Ich halte mich an seinen Armen fest und möchte meine Augen nicht mehr öffnen.

Dabei wollte ich nicht aufgeben. Habe sofort gesagt, der kriegt mich nicht klein. Den schaff ich. Das war vor einem halben Jahr. Ein viertel Jahr später waren die Knoten verschwunden, die sich vorher in rasender Geschwindigkeit breit gemacht hatten. Wir hatten das geschafft. Die Chemie und ich. Waren bis dahin ein taffes Team. Und mit uns die fleißigen Helfer, die mich an schlimmsten Tagen bei meinen Kindern und in meinem Laden vertraten.

Das Gift läuft seit Mittwoch zum sechsten mal durch meinen Körper, der das immer weniger erträgt und immer weniger will. Es saugt mir von mal zu mal mehr Leben aus. Die Angst vor dem Tod habe ich verloren. Schmerz und Kraftlosigkeit machen mürbe. Auch mich. Neben mir auf dem Nachttisch liegt die Glückssteinschnecke. Meine Kinder lächeln mich von ihren Fotos an. Für sie führe ich die Behandlung fort, die ich vor einem viertel Jahr abbrechen wollte, weil ich sicher wusste, er ist besiegt. Doch ich will nie den Vorwurf bekommen, ich hätte nicht alles versucht, um für sie da zu sein. Das haben mir alle erfolgreich eingeredet. »Wenn es einer schafft, dann du», schmücken fremde Federn meinen Kopf, der oben bleibt. Außen unverletzt. Draußen ist es schöner jetzt. Weitermachen, muss ich allein.
Morgen ist die Beerdigung und ich kann nicht dabei sein.
Vor zweiundneunzig Jahren wurde mein Großvater in dem Dorf geboren, in dem er nun begraben wird. Ich zog vor drei Jahren dorthin. Wegen der schönen Natur. Für die Kinder. Pass auf sie auf Opa, von da oben. Und lass dich ordentlich feiern morgen!

Seit gestern bin ich wieder aus der Klinik zurück und sitze unten in meinem Laden. Unsere Wohnung ist im ersten Stock, ich muss also nur ein paar Stufen hinunter. Wenn ich langsam mache, schaffe ich das. Jetzt soll ich mich nur noch erholen. Der Kontakt mit den Kunden, die sich noch zu mir trauen, tut gut. Ich spüre die schreckliche Angst mancher Mitmenschen vor dem »Wie geht’s?«. Dabei hilft das Reden. Einige zerreißen sich im Dorf das Maul, weil sie gehört haben, dass ich trotzdem arbeite. Wenn sie mich fragen würden, könnte ich ihnen erklären, wie dankbar man plötzlich für die selbstverständlichsten Dinge wird. Selbst Autofahren und meine Schätze aus dem Kindergarten abholen, welch überdimensional großes Glück. Wenn meine Großmutter das Haus verlässt, trägt sie schwarz. Krankenwagen halten nicht mehr vor ihrer Tür. Das Bett ist abgeholt worden. Jetzt steht vor dem Fenster die Couch.
Das Leben geht weiter und meins hängt mir zum Hals raus. Außer in Momenten, wenn meine Kleine kommt, ihre weichen Hände auf meine lederne Haut legt und über die hohe Stelle streichelt, zu der ich sage, sie macht aus mir einen »Conhead«. Aus ihrem zuckersüßen Mund fließt »Ich habe dich auch ohne Haare lieb, Mama. Dann streichle ich eben deine Glatze«

Zwei Menschen sind um mich gestorben in den letzten sechs Wochen. Anfang des letzten Monats, sechs Tage vor meinem Dreißigsten, wachte meine Cousine an ihrem Geburtstag nicht mehr auf. Der Tabletten-Cocktail zur Nacht ließ sie für ewig in dieser gefangen bleiben. Ich hoffte, dass es ein Unfall war, weil ich nicht damit klar gekommen wäre, dass ich zum Zombie mutiere, um im Leben zu bleiben, während sie ihres hergibt.
Ich trauere jedem Wort nach, was zwischen uns ungesagt geblieben ist. Ich war so sehr mit meinem Leben beschäftigt in den letzten zehn Jahren, dass ich kaum einen Gedanken für sie übrig hatte.
Und jetzt ist es zu spät für Anteilnahme.

Meine Großmutter ist in den Bus eingestiegen, der direkt vor ihrer Tür hält. Ich blättere im Kalender und realisiere die Daten. Am neunzehnten begann die letzte Chemo, am zweiundzwanzigsten war die Beerdigung meines Großvaters. Ohjee! Das heißt ja dann auch, dass zwischendrin der zwanzigste war. Ausgerechnet. Ausgerechnet in dem Jahr, an dem mein Vater zum ersten mal ein persönliches Geschenk zu meinem Geburtstag ausgesucht hat … vergesse ich seinen. Jetzt, wo wir gerade angefangen hatten, uns einigermaßen zu verstehen. Wo es uns gelang, Telefonate zu führen, ohne dass ich in Tränen und Vorwürfe ausbrach. Jetzt mache ich alles wieder kaputt, indem ich seinen Geburtstag vergesse. Ich greife zum Telefon, wähle hektisch seine Nummer. »Mensch Papa, ich habe deinen Geburtstag vergessen. Es tut mir so leid! Ich …«
»Na, dit is ja keene Neuigkeit. Passiert ja nicht zum ersten mal. Ick bin ja nur dein Vater«, klingt es in diesem Ton an mein Ohr, den ich nicht ertrage, der so verletzend ein Stück Scheiße aus mir macht und den schlechtesten Menschen. In Sekundenschnelle hüllt es mich in Nebelschwaden ein. Mein Kopf steckt in Watte, mir wird schlecht und mein mickriges Ich zerbricht, bevor es sich rechtfertigen kann. »Klick«

Seit einem halben Jahr lebe ich in diesem Rhythmus, der mein Leben bestimmt. Eine Woche lang killen sie mein Immunsystem und ich habe drei Wochen Zeit, um mich wieder zu erholen. Das heißt, ich bin fixiert auf diesen Starttag in der Klinik. Bereite mich mental darauf vor, dass ich stundenlang liegen muss und die über mir hängenden Beutel sich nur quälend langsam leeren. Dabei pflege ich meine Hoffnung, dass ich nachts rechtzeitig aufs Klo komme und dort gerade kein anderer kotzt. Bei jedem Aufenthalt diskutiere ich über Medikamente, die ich mich weigere einzunehmen, weil ich nicht noch mehr Müll in mich kippen will. Wenn ich Halt suche, sehe ich auf den Nachttisch. Dort liegt die Glückssteinschnecke meiner Kinder. Jeden Tag sammeln sie kleine Steine als Glücksbringer für mich. Die Schwestern kennen das schon. Bevor ich irgendetwas anderes mache oder mit mir machen lasse, lege ich die Steine der Größe nach in einer Spirale auf den Nachtschrank. Und meine Tochter hat mir heimlich anvertraut, dass sie mein Glücksstern ist. Wusstest du das, Opa?

»Ich kann kein Memory mehr spielen, kann das sein? Ich weiß nicht mehr, was auf den Karten war, sobald ich sie wieder umgedreht habe«
Der Doktor sieht mich an »Ja, das Kurzzeitgedächtnis wird auch geschädigt»
»Und wird das wieder? Ich war immer super im Merken, konnte alle Telefonnummern, im Memory war ich die Beste«
»Ja, es kommt zum Teil wieder. Aber ihre kompletten Fähigkeiten werden sie nicht zurück erlangen«

Ich habe seinen Geburtstag vergessen. Nach dem Neunzehnten und vor dem zweiundzwanzigsten kommt doch der zwanzigste. Ich hätte daran denken müssen aber ich hatte doch nur diese zwei Termine im Kopf. Den, zu dem ich musste und den, zu dem ich nicht konnte.

Es hält kein Krankenwagen mehr vor ihrer Tür. Wenn sie jetzt die Straße betritt, trägt sie schwarz. Ich träume vom Sterben, weil der Tod aussieht, wie ein Dorf in Bayern in dem ewig die Sonne scheint. Und es tut nichts mehr weh. Ich habe eine Salbentube in der Hand und suche andauernd den nächsten Busch, hinter den ich mich hocken kann, um Salbe aufzutragen. Alles damit es aufhört, weh zu tun.

»Es kann sein, dass bei der Operation etwas schief geht. Ich muss ihnen das sagen»
»Was meinen sie damit? Schrotten sie meinen Schließmuskel?«
»Das kann passieren«

Die Chemo ist seit zwei Wochen beendet. Ich liege im normalen Krankenhaus und kämpfe gegen das, was sie aus mir gemacht hat.
Gestern habe ich um einen Tag Entlassung gebeten. Mein Sohn hat seinen sechsten Geburtstag. Ich kann nicht liegen. Ich kann nicht sitzen. Aber seine Geschenke gehören hübsch verpackt.
Die Glückssteinschnecke wartet auf mich im Krankenhaus. Ich muss wieder zu ihr. Erst die Geschenke. Erst meine Kinder. Ihr Lachen dringt durch die Nebelwand.
Als ein paar Gäste kommen, ruhe ich mich im Schlafzimmer aus. Hier hat der Bäckermeister sich erhängt. Warum tut ihr euch das an, mich sehen zu wollen? Ihr steht alle hinter der Wand, mitleidvoll, hilflos. Und tut mir so unendlich leid dabei, weil ich euch nichts anderes bieten kann.
Ich habe mich aufgelöst. Keine dummen Sprüche mehr. »Haarausfall – na und? Muss ich mir wenigstens die Beine nicht mehr rasieren« Ich habe das so gemeint, wenn ich es sagte.
Das ist vorbei. Jetzt bin ich krankenhausblasse Aufgedunsenheit, die sich ihren Schmerzen hingibt und nur im Schlaf Erlösung findet und sich darum den ewigen wünscht. Warum reichst du mir nicht deine Hand?

Ich kenne die Station, Pfleger und Ärzte von damals, als ich acht Wochen wegen eines geplatzten Blinddarms bei ihnen auf der Chirurgischen lag. Der Arzt, der mir dabei mein Leben gerettet hatte, hat mir auf den Tag genau elf Jahre später gesagt, dass er mir nicht mehr helfen kann und dass ich zu Spezialisten müsse. »Haben sie mich damals zusammengeflickt, um mir heute so einen Scheiß zu erzählen?«
»Es tut mir leid. Es trifft immer die nettesten Menschen. Willst du einen Schnaps?«
Ich wollte keinen, sondern dass er mir sagt, wie ich das meiner Familie beibringen soll. Das Wort Krebs hat er nicht benutzt. Alle haben Angst davor. Nur die Spezialisten nicht. Die finden auch, dass es kein Grund zum Heulen ist, wenn man das erste mal eine onkologische Abteilung betritt. Schließlich sind sie es doch, die sich Gedanken um meine Gesundheit machen müssten.

Ich musste den Kindergeburtstag wieder verlassen. Die Pfleger und Schwestern meinen es gut mit mir. Haben mich in ein Einzelzimmer gelegt. Gucken auch so betroffen, weil sie mich doch ganz anders in Erinnerung haben. Hier kann ich vor mich hin leiden. Ich darf nicht essen. Ich will nicht trinken. Ich hänge an Schläuchen, damit ich nicht vertrockne. Aber ich will doch nicht mehr. Bitte. Lasst mich einfach einschlafen. Warum hast du mich hier gelassen?

Meine Großmutter hatte mir zwei Tage später erzählt, dass meinem Vater sein Verhalten am Telefon leid getan hätte. Ich wünschte, er hätte es mir noch am selben Abend gesagt. Jetzt komme ich durch diese Wand nicht mehr hindurch. Ich bin Gefangene hinter ihrem Schleier. Suche nach Erlösung. Träume immer wieder vom Himmel und dem Tod als etwas Kostbarem. Nie zuvor im Leben war ich an diesem Punkt. Nie habe ich aufgegeben oder aufgehört zu kämpfen. Nie habe ich die Hoffnung verloren. Immer an das Gute geglaubt. In jedem Menschen. Jetzt ist alles vorbei. Ich habe mich aufgelöst. Wenn ich die Kraft zum Stehen hätte, würde ich mich vor den Spiegel stellen und zu mir sagen. Ich gebe auf. Ich kann nicht mehr. Zum ersten mal sage ich NEIN! Und es ist mir egal, was andere darüber denken.

Die Gäste sind alle weg. Mein Mann ist ins Krankenhaus gekommen und sitzt an meinem Bett. Wie ein Häufchen Elend. Seine Augen sind glasig. Warum tut er sich das an, mich anzusehen? Ich spüre seine Angst davor, dass ich ihn mit allem allein lassen könnte. Allein mit den Kindern, die so viel nach mir fragen. Allein mit unserer Tochter, die ihn rhetorisch an die Wand klatscht und rücksichtslos ihre Meinung kundtut, rausschreit, tottrampelt.
Er kann das einfach nicht. Er kann es nur, wenn es glatt geht. Keine Konflikte. Kein Trotzverhalten. Keine emotionalen Überforderungen. »Wir brauchen dich doch. Die Kinder und ich.«

Das war es. Die Kinder. Die Kin-der. Wie habe ich ihr Recht auf mich nur eine Sekunde vergessen können? Was für eine Rabenmutter bin ich nur? Ich habe so Angst vor der OP. Will keinen Kackbeutel bei mir tragen, keinen Schlauch im Bauch. Als mein Mann gegangen ist, kommt die Schwester nach mir sehen. »Was machen die Schmerzen?«
»Keinen Tropf mehr«, antworte ich, »bitte! Zieh alles raus!«
Sie guckt mich fragend an.
»Bring mir zwei Kannen Tee. Ich verspreche, zu trinken. Ziehe die verdammten Schläuche. Ich muss gesund werden und nach Hause.«

»Ist das Fieber gesunken?«, mustert mich der Chefarzt bei der Visite am nächsten Morgen.
»Ein wenig«
»Was machen die Schmerzen?«
»Etwas besser«
»Tatsächlich? Oder nur aus Angst? Setz dich mal hin.«

Ich wurde nicht operiert. Über Nacht hatte sich das schmerzhafte Übel in meinem Körper entschieden, den Rückzug anzutreten. Ich trank meinen Tee. Und ich versprach meinem Opa, wieder gesund zu werden. Ich komme dann erst später nach.

© Jo Lenz (2013)

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