wie ich edward snowden rettete


Es ist Freitagnachmittag. Ich bin im Begriff ein Held zu werden, als es an der Haustür klingelt. Erschrocken schiebe ich den Karton, den ich gerade wie ein Weihnachtspaket aufreißen wollte, zurück unter die Bank. Es klingelt erneut. Das dreistimmige Glockenspiel löst sonst nur die Postfrau aus. Und die hat das heute schon.
In dem Moment schlägt die Standuhr drei.
»Gaaaanz ruhig, du hast noch nichts Verbotenes getan.«
Ich schleiche zur Tür und öffne sie einen Spalt.
»Judith, ach du bist’s!«
»Hast du etwa vergessen, dass ich dich besuchen wollte?«
Judith zieht die Nase kraus, bis die Sommersprossen darauf eine einzige rehbraune Fläche ergeben. Sie linst mich durch die dicken Strähnen ihres Ponys an und stemmt abwartend die Hände in die Seite. Rasch ziehe ich sie in den Flur und werfe einen kurzen Blick nach draußen. Niemand zu sehen. Nur in der Ferne tuckernde Traktoren. Wolkenleerer Himmel über einem kreisenden Milanpärchen. Dessen Schreie passend zu meiner dramatischen Stimmung.

»Los, los!«
Ich flüstere wichtig, wedle mit den Händen in Richtung Küche und ziehe die Eingangstür leise ins Schloss, »dort hinein! Ich zeig dir was.«

»Was soll das sein? Was bitte soll ich da sehen?«
Wir starren beide auf die Leere des Kartons, den ich mit ernster Miene hervorgeholt und vor uns auf den Tisch gestellt habe.
»Chamäleon-Plane!«
»Hääääh? Na und? Und wieso flüsterst du?«
Ich drücke ihr meine Hand auf den Mund.
»Shhh, ich muss damit rechnen, dass ich belauscht werde. Jeder der die Plane bestellt, ist erstmal grundsätzlich verdächtig«
»Verdächtig? Wieso das denn? Ich denke die Dinger dienen zum Diebstahlschutz? Neulich wieder gelesen – hier!«, redet sie unbeirrt weiter und angelt die wöchentliche Werbebeilage aus dem Papierkorb, »siehst du? 1.800 EUR für 12 x 8 Meter. DRÜBER UND WEG – die Plane zur Vortäuschung eines nicht vorhandenen Autos. Völlig unverfänglich, sag ich doch!«
Judith grinst mich an. Der Flyer liegt auf ihrem Schoß und sie tippt so lange auf dem Hochglanzpapier herum, bis ihr Finger ein Loch hineinstößt und stecken bleibt, »Mist!«, sie lächelt schief, »aber das brauchtest du ja eh nicht mehr, oder?«
»Verdammt – gib her!«
Ich entreiße ihr wütend den Flyer, knülle ihn zusammen und stopfe ihn in das obere Fach von Omas alter Kochmaschine. Bloß keine Spuren hinterlassen, denke ich, ein Loch ist auch eine Art Spur, wenn nun durch Zufall jemand …
»Was hast du vor?«
Judiths Dummheit macht mich rasend.
»Was ich vorhabe? Mit dem Werbeflyer, meinst du?«
Sie nickt langsam und guckt wie ein Daumenlutscher, dem man die Geschichte vom Scherenschwinger erzählt.
»Was soll ich schon damit vorhaben? Wonach sieht es denn aus? Hm? Was denkst du? Da ich es nicht in eine Pfanne, sondern ins Feuerloch geworfen habe, werde ich wohl kein Werbe-Menü kreieren, sondern es zur SPURENBESEITIGUNG verbrennen. Ja, ich verbrenne es, verdammt!«

Judiths rechte Augenbraue hebt sich.
»Na, wenn dich jetzt jemand belauscht hat, bist du sowieso im Arsch.«
Dann erhebt sie sich, wirft ihren Pferdeschwanz über die Schulter und verschwindet Hüften schwingend in Richtung Haustür.

***

Der Landrover hält sich souverän neben dem Seitenstreifen. Es ist Sonntag, LKW sind somit nur vereinzelt unterwegs, und wegen der notorischen Mittelspurfahrer, habe ich die rechte Spur für mich allein. Ab und zu überholt mich ein Fahrzeug mit empfohlener Reisegeschwindigkeit.
Die Raser indes scheinen bereits zu Hause zu sein. Oder im Krankenhaus. Und manche sind ab heute überhaupt die längste Zeit Raser gewesen.
Glücklicherweise hatte ich den im Radio gemeldeten Unfallstaus ausweichen können. Zum ersten Mal in meinem Leben wählte ich Autobahnabfahrten mit Durchfahrtverbotsschildern … und fühlte mich hervorragend. Es war die perfekte Einstimmung zu meiner anarchistischen Mission, die der globalen Demonstration von Menschlichkeit dienen sollte. Für Mitleid mit Kamikazefahrern blieb mir keine Zeit.
Die untergehende Sonne spiegelt ihr Gold auf der schwarzen Motorhaube. Der Asphalt leuchtet orange. Ich schaukle auf Abenteuerwellen dahin und genieße die letzten Sekunden des versinkenden Feuerballs.
J hatte mir Lavendelsträußchen an den Tropenhelm gebunden. Mit tränenerstickter Stimme versicherte sie dabei, dass die Kopfbedeckung stilecht zum Expeditions-Equipment passe – wir hatten Sandbleche, Ersatzkanister, Spaten, Luftrohre und dergleichen liebevoll an den Wagen drapiert. Ich inhaliere Lavendel-Duft und mit ihm Gleichmut und Zuversicht. Jeder wird denken, ich fahre in die Wüste. Ich werde Mittelasien als Ziel vorgeben, falls jemand fragt, und eben einen kulturellen Umweg über Moskau nehmen.

Trotzdem werfe ich einen Kontrollblick in den Rückspiegel und gehe in Gedanken noch einmal die Packliste durch. Im Grunde sollte im Bauch des Wagens alles schlummern, was ich für die eigentliche Aktion benötigen würde. Die Plane für den Haupt-Act und Stinkbomben, falls ich für Ablenkung sorgen müsste. Nicht umsonst hatten J, U und ich mehrmals die James-Bond-Sammlung vor dem Fernseher verschlungen und gemeinsam ausgeheckt, wie wir den armen Mister Snowden aus dem Flughafen in Moskau befreien würden.

***

Die liebe J. Nachdem ich mich wegen meiner übertriebenen Art bei Judith entschuldigt und sie in die Rettungs-Aktion für Edward Snowden eigeweiht hatte, war sie versöhnt und sofort bereit, mir bei der weiteren Planung zu helfen. Wir hatten uns an einem geheimen Ort verabredet, an dem niemand uns belauschen konnte.

Der Bunker, dessen Einstieg unter einer Wurzel am Waldrand lag, war seit Kindertagen unser Geheimversteck. Damals teilten wir ihn mit einem Braunbären. Heute wissen wir stillschweigend, dass er nur ein Phantasiegespinst war. Trotzdem ertappe ich Judith dabei, wie sie einen Becher Honig in das Mauerloch von damals stellt und bekomme Gänsehaut. Der Modergeruch, das Flackern der Kerzen, die absolute Stille … Judith, ich und Futter für den Bären. Hach … doch heute geht es um Menschenleben. Ich muss mich zusammenreißen.

Judith sieht die ganze Sache mit dem Helfen genauso, »Jawohl, warum fährt nicht endlich jemand zu diesem dämlichen Flughafen und holt den Unglücksraben da raus? Seit Wochen steckt der fest und alle Welt labert nur. Und was für ein Hype. Haben die doch letztens so einen Staatswichtigen vom Himmel geholt und in Wien landen lassen, obwohl der überhaupt nicht nach Wien wollte …«, nach diesen Worten sieht sie mich mit erstaunter Mine an, »leicht wird das ja nicht, was du da vor hast, Liebes«, ihr Gesichtsausdruck wechselt die Farben, wie die Chamäleonplane. Er wandert von sorgenvoll über ängstlich zu entschieden. Dann spricht sie weiter, »Aber es muss endlich mal einer machen, was man aus Menschlichkeit eben machen muss! Die da oben haben doch längst vergessen, was das bedeutet. Denen geht es nur um Macht und Geld und ihre Angst«
»Angst?«, frage ich.
»Ja genau, Angst! Sie haben Angst, alles wieder zu verlieren«, fällt Judith nun vollends euphorische in ein Statement. Wegen der niedrigen Raumhöhe, kauert sie dabei auf allen Vieren und gestikuliert wild mit der rechten Hand, »die da oben wischen doch nur weg oder deckeln zu, damit wir dummes Volk immer hübsch winken und lächeln. Oder einfach nur eingelullt und satt stillhalten …«
Ich unterdrücke ein Grinsen und noch bevor Judith in weitere Schnappatmung verfällt, unterbreche ich sie und erzähle ihr von den Details meines Vorhabens.

Sofort wird klar, dass Judith, also J, meine perfekte M ist. Nachdem ich sie im Bunker so vehement hatte reden hören, war ich mir sicher, dass Miss J eine großartige Heldin sein würde. Sie würde mir das regelmäßiger unter Beweis stellen, als mir lieb ist.
»Immerhin habe ich mir von dir diesen neumodischen Kram aufschwatzen lassen!«, antwortet sie und wedelt mit dem thermoskannengroßen schwarzen Gegenstand vor meiner Nase, als ich sie nach ihrer Loyalität befrage.
Bisher hatte Judith sich erfolgreich gegen den Besitz eines Handys gewehrt. Sie hält das unhandliche Teil, das sie aus meiner Nostalgiesammlung gefischt hat, grinsend in ihrer Hand. Moderner wollte sie nicht und das auch nur der Gerechtigkeit willen. Trotzdem war dieser Anblick war für mich so wertvoll, wie der geschüttelt eisgekühlte Wodka Martini für meinen Agentenkollegen.
Dass J alle halbe Stunde die Funktionsfähigkeit des Handys testen würde, war mir vorher nicht in den Sinn gekommen. Aber J war eben Judith, und MIT Handy war sie doch eher wie ein Wodka Martini – UNGESCHÜTTELT AUF EIS – also nicht geeignet, wenn man als harter Kerl eilig auf wichtiger Mission unterwegs ist und den Geschmack trotzdem genießen will. Ich grinse, als ich mir J im Cocktailglas vorstelle.

***

 Der Landrover schnurrt wie eine Biene. Jedenfalls für meine Ohren. Die Sonne ist versunken und ich denke an besagten Freitag zurück. Der Tag, an dem alles so richtig begann und ich diesen großartigen Karton mit der Plane erhielt.
Der Inhalt hatte im ersten Moment erschreckend auf mich gewirkt, da er nicht zu sehen, sondern nur zu fühlen war. Es fasste sich an, wie normale Zeltplane, doch machte sie beim Berühren keinerlei Geräusche. Ich sah also hinein. Und ich sah nichts. Und als ich die Plane heraus nahm und über Tisch und Karton legte, sah ich auch das nicht mehr. Wunderbar. Genauso werde ich nicht zu sehen sein, wenn ich die Grenze und den Flughafen passiere und später Mister Snowden unter meine Plane nehme.

So ganz hatte ich die Funktionsweise immer noch nicht verstanden. Auch nicht, nachdem unser Mann der Technik mir versucht hatte zu vermitteln, was physikalisch betrachtet bei der Benutzung vor sich geht. Aber er hatte andere Qualitäten und ich war froh, dass J ihn nach der Sichtung der ersten beiden Bond-Filme unbedingt mit ins Boot holen wollte.

***

 »Wir brauchen auch einen Kju«, entscheidet Judith, als der Abspann des zweiten Bond-Films läuft, »und unserer heißt dann U. U, wie Uwe. Du kennst doch Uwe, oder?«
Ich schüttle den Kopf, begreife, dass sie nicht verstanden hat, wofür »Q« eigentlich steht, aber sage nichts dazu. Stattdessen frage ich, »wen meinst du?«
»Na der, den sie unten im Dorf alle nur den Trottel nennen«, rüttelt sie mich wach, »du weißt schon, ein Bauer, der sein Feld nicht bestellt und seinen Stall ohne Viecher lässt, ist in deren Augen ein Trottel. Dass er aber alles im Haus voller Technik und Unmengen Computer hat und mit der ganzen Welt quatscht und theoretisch das Konto vom Bürgermeister knacken könnte, davon verstehen die eigentlichen Trottel natürlich nichts!«
Ich bin verwundert, dass Judith so freudig über einen Technikfreak referiert, lasse mir das jedoch nicht anmerken. Stattdessen hoffe ich die ganze Zeit, dass Edward Snowden rasch kapieren wird, dass ich es gut mit ihm meine und dass wir heil ins Auto und mit zahmer Beschleunigung auch heil und unauffällig wieder aus Moskau kommen. Meine ganze Hoffnung liegt auf der Plane, und unerwartet geht meine Phantasie mit mir durch.
»Gut beplant ist halb gerettet – das wäre doch mal ein cooler Werbeslogan für den Hersteller der Chamäleonplane – mit Snowden auf den Werbeplakaten käme das bestimmt gut!«, ich grinse Judith an, »findest du nicht, Miss J?« Doch ihre Antwort zeigt mir unmissverständlich, dass sie ihr Herz nicht für solcherlei Wirtschaftsgedanken hergeben wird. Stattdessen machen wir uns auf den Weg zu U, um unsere Mission von einem Profi segnen zu lassen.

***

Während ich meinen Erinnerungen nachhänge, reißt mich jäh das James Bond Thema akkustisch aus der Erinnerung. Mein Handy klingelt dramatisch mit dieser unverkennbaren Melodie, deren Komponist Monty Norman sich derzeit mit 200 Pfund abspeisen lies. Das haben J und ich genauestens recherchiert, nachdem wir uns in das musikalische Thema verliebt hatten und wissen wollten, wer der Glückliche ist, der damit doch sicher Millionen … »Er würde super in unser Team passen«, stellten wir nach der Google-Recherche enttäuscht fest und lächelten U dabei an.

Ich aktiviere die Freisprechanlage. Auf dem Dach des Landrovers hat U einen Störsender angebracht. So kann ich abhörsicher mit meiner Basis kommunizieren. Die Bond-Musik lässt mein Adrenalin leicht ansteigen. Ich spüre meinen Herzschlag und melde mich mit betont tiefer Stimme.
»Agent Null bis sieben«, meine Worte hallen durch den Fahrerraum und ich bin gerührt von meiner Wichtigkeit. Kontrollierend blicke ich in den Rückspiegel. Es knackt aus der Freisprecheinrichtung. Aufgeregtes Stimmengewirr. »Ich verstehe euch nicht, die Musik ist so laut«, lache ich ins Mikro und vernehme als Antwort so viel wie, »knarz – knarz – blöde Witze – knaaarz«

Wieder geht mein Blick in den Rückspiegel. Aus der Ferne tauchen grelle Lichter auf. Das sieht aus, wie ne Kolonne, denke ich und merke, dass mein Herz schneller schlägt. Wieder nur knarzen und knacken aus dem Lautsprecher.
»Agent Null bis sieben«, wiederhole ich, »J, bist du das?«
Ich merke, dass meine Stimme ihre Sicherheit verliert. Die Lichter kommen rasend näher. Keine Antwort aus dem Lautsprecher. Die Leitung ist tot. Mein Mund ist trocken und mein Puls rast, als das erste Kolonnen-Fahrzeug mich überholt.
Rote Lichter grellen vor mir auf. Das nächste Fahrzeug zieht an mir vorbei. Ich höre meine Bremsen quietschen, spüre wie der Wagen ins Schlingern gerät. Gegenlenken, gegenlenken, denke ich noch, dann schleudert mich ein Ruck und lautes Getöse über den Lenker. Der Gurt quetscht meinen Hals. Und es wird Nacht.

»Wo bin ich?«, krächze ich kaum hörbar. Die Halskrause drückt gegen mein Kinn. Ich habe Schmerzen in der Brust und mein Kopf fühlt sich an, wie in einem Schraubstock. Ich sehe die Decke. Weiß mit undefinierbaren bräunlichen Flecken. Eine russische Durchsage dröhnt an mein Ohr. »Wo bin ich?«, frage ich wieder und kämpfe mit den Tränen.
»Ach Honey«, lächelt Judith, die sich über mich beugt und ihre kühle Hand auf meine Stirn legt, »Du hast ganz schön was abbekommen«
»Judith?«, ungläubig versuche ich ihre Anwesenheit und die russischen Durchsagen auf einen Nenner zu bringen. Auch weil ich mich nicht erinnern kann, dass ich die Grenze zu Russland schon  passiert hatte. Und wie kommt Judith so schnell hier her. Und wer waren die Verfolger? Meine Gedanken quälen mich und Judith merkt das offenbar.
»Shht, Honey, reg dich nicht auf, alles ist gut! Unsere Reiseversicherung übernimmt den Rücktransport. Die erstatten uns auch den verpatzten Urlaub«, wieder streichelt sie über meine Stirn, »Es tut mir leid, dass dein Traumurlaub nun so dramatisch ins Wasser fällt. Klein- und Mittelasien, wo du seit deiner Jugend hin wolltest …«

Eine Schwester tritt ans Bett und fühlt meinen Puls. Sie spricht auf russisch zu Judith, die offensichtlich zu verstehen scheint und ein freudiges Gesicht macht.
»Du kannst bald nach Hause, honey«, sie macht eine Pause, wirft ihren Pferdeschwanz über die Schulter und wechselt nun ihrerseits ein paar Worte mit der Schwester, »und dann musst du mir unbedingt erzählen, was du Wildes geträumt hast, ich habe drei Tage an deinem Bett verbracht, nachdem der besoffne Typ dich über den Haufen gefahren hat«, sie grinst, »du hast die skurrilsten Sachen erzählt … und wer ist eigentlich dieser Uwe?«

© Jo Lenz (2013)

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