was für ein ende


Als die Stimme der Autorin sich hebt, flattert der Falter noch einmal über den Köpfen der vorderen Reihen. Immer hektischer wird er. Dreht sich. Flattert. Wirbelt. Ein schwarzer Magnet für meine Blicke. Süße Rampensau, denke ich, willst wohl der Lesung die Show stehlen.
Dabei begann seine Reise erhaben und entspannt, als er eben noch weit oben als lebender Punkt auf der barocken Wand meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Langsam klappte er seine Flügel. Auf – Zu – Auf – Zu.
Nun scheint er mit aller Macht auf die Bühne oder entkommen zu wollen. Gerade als es anfängt, mich betroffen zu machen, dass er so gar nicht den Weg aus den offenen Fenstern hinaus findet, sondern sein aufgeregtes Schwirren weiter vollzieht. Gerade, als ich mir wünsche, man würde für ihn die drei noch verschlossenen öffnen, ändert er den Kurs. Gibt das im Kreise fliegen auf. Rauscht senkrecht nach oben. Knallt gegen die Decke und fällt leblos hinab. Irgendwo zwischen die vorderen Reihen der Zuschauer. Und ich frage mich, wo er wohl liegt und ob er noch lebt und denke, was für ein blödes Ende.

Und plötzlich verlassen meine Gedanken die Vorlesung, die Autorin, den barocken Festsaal und fahren bei Affenhitze auf staubigen Pisten Karola und mich zu unserem nächsten Ziel. Ich bin neunzehn, sie ein paar Jahre älter und wir feiern unser Abitur mit süßem Nichtstun, weil das 1979 hipp und cool ist. Wir sind unterwegs in Zentralamerika, mit wenig Geld und Lust auf Abenteuer.

Der Bus holpert über die Straße. Seit fast sechs Stunden gemeinsames Schwitzen mit den Einheimischen. Halten wir in einem Dorf, klettert der Fahrer auf’s Dach, wirft Kisten, Reis- und Zuckersäcke oder aneinander gebundene Hühner hinunter. Und ein paar von ihnen steigen aus, haben sich in der Stadt mit Vorräten eingedeckt. Manchmal sind es ganze Familien. Wenn wir weiter fahren, wirbelt Staub auf und die zuvor in die Luft gegangene Papageienwolke kehrt auf ihren Palmenplatz zurück.

Unsere Haut ist sonnengebräunt. Karolas Augen locken in der stickigen Luft wie Bergseen im Sommer. Einem der Schwarzen scheinen ihre Blicke nicht zu entgehen. Er mustert sie. Zuerst verstohlen, doch als Karola seinen Blicken mit einem Grinsen standhält, genießt er offensichtlich ihre Signale. Wie zwei süße Gipfel erheben sich ihre Nippel unter dem schweißnassen Shirt. Ich rolle mit den Augen. Als aus der Ferne das tosende Geschrei von Brüllaffen zu vernehmen ist, wünsche ich in dem Moment, einer der ihren zu sein und den verflucht gut aussehenden Schwarzen mit Gebrüll vertreiben zu können. Doch Karola kommt mit Jeremy ins Gespräch und ich ahne, dass ich die Nacht alleine verbringen werde. Weiß ich doch genau, wie das laufen wird. Häufig genug bekam ich immerhin den besten Freund von Karolas Lover ab. Alles gut und schön, doch gerade stecken mir die San-José-Abenteuer noch bleischwer in den Gliedern. Ich sehne mich nur nach Schlaf. Der nächste Halt ist unserer.

17709963_sDirekt am Strand steht, etwas abseits vom Dorf, ein Haus auf Stelzen. Es ist das einzige weit und breit. Nur jenseits der Straße, steht ein weiteres. Wir erreichen es nach zehn Minuten Fußweg. Was für eine Idylle. Sandstrand. Palmen. Papageien. Das Meer. Ein wenig hoffe ich, dass Karola den Abend doch etwas ruhiger angeht und Jeremy nur ein Bus-Flirt war. Wir machen uns frisch, packen aus und kehren zum Abendessen ins Dorf zurück. Sie hätte da einen Tipp bekommen, wo die Muscheln besonders lecker sind, erklärt sie mir auf dem Weg. Nachtigall, ick hör dir trapsen, ist alles was mir dazu einfällt.

»Hey. Ich bleibe bei ihm«, lacht Karola eine Stunde später und wirft Jeremy einen Seitenblick zu. Dann guckt sie verstohlen zu mir, »du gehst allein zurück ins Haus!«
»Willste denn keine Sachen holen?«, frage ich mit leicht bittender Stimme.
Doch wenn Karolas Hormone kochen, ist sie wenig emphatisch, »Nee, nee. Passt schon. Wir sehen uns dann morgen früh«, ist alles, was ich noch von ihr höre. Dann bin ich abgeschrieben für diesen Abend und weiche den Blicken von Jeremys Freund aus, der mich seit zehn Minuten anstarrt. Meine Bettschwere drängt mich, wegzusehen. Dabei nehme ich in der Ecke einen Tisch mit jugendlichen Ticos wahr, die die Köpfe zusammen stecken und zu uns herüber sehen. Ich denke mir nichts weiter und mache mich auf die Socken.

Die Sonne geht langsam unter, das Meer ist ruhig und die Grüngefiederten haben sich zum Abendkonzert in den Palmenwedeln eingefunden. Nachdem ich mich auf dem Außenklo erleichtert habe, eile ich ins Haus und verriegle die Tür. Ich fühle mich sicher,
schiebe die amerikanischen Fenster nach oben, die über Eck für tropisch heiße Frischluft sorgen. Rüttle kurz an den Gitterstäben. Alles okay, denke ich, bin ja die Hormonschübe von Karola gewohnt und schlafe nicht zum ersten Mal allein in unserem gemeinsamen Zimmer. Endlich liegen, ist das Letzte, was ich denke, bevor mich das Schlafland aufsaugt.

Irgendwann in der Nacht wache ich auf. Das Meer ist lauter geworden, und die Palmblätter schlagen im Duett mit dem Wellenrauschen. Ich lausche. Plötzlich spüre ich Bewegung im Zimmer. Sofort öffne ich die Augen und erkenne im Halbdunkel einen langen Stock, der durch eins der Fenster ragt und sich rhythmisch bewegt. Schlagartig bin ich hellwach, springe aus dem Bett, reiße den Stock hinein und schließe das Fenster. Ich habe von der Praxis gehört, mit der versucht wird, den Touristen Handtaschen aus den Unterkünften zu stehlen. In meiner Panik fällt mir nichts Besseres ein, als so zu tun, als wäre ich nicht allein. Mit verstellten Stimmen will ich ein Gespräch vortäuschen.
»Karola, los steh auf und gehe an die Tür«
»Warte, ich hole nur noch unsere Waffen«
»Okay, ich gehe schon mal vor«

»Du brauchst nicht zu reden. Wir wissen genau, dass du allein bist«, sagt eine Stimme auf spanisch.
»Deine Freundin ist im Dorf geblieben. Wir haben euch beobachtet«, setzt eine andere nach.
»Jeremy nagelt sie gerade«, geht in das alberne Lachen ihrer jugendlichen Stimmlage über. Die sind höchstens sechzehn, denke ich, und mir fällt die Gruppe an dem Tisch wieder ein, die ich beim Abendessen im Dorf bemerkt hatte.
Einerseits beruhigt mich ihr Alter, andererseits sind es mindestens zwei und ich klar unterlegen.
Was mach ich bloß? Die wollen sicher unser Geld, aber verdammt, wir haben selber kaum was, rattert es sekundenschnell in meinem Kopf, ich kann denen das nicht überlassen.
Während ich angestrengt nach einer Idee suche, wird das Fenster von außen wieder hochgeschoben.
Das Tränengas! Warum ich da nicht gleich drauf gekommen bin.
Das Spray aus der Tasche zu angeln und zum Fenster zu rasen sind eins. Einen der beiden damit zu attackieren, das nächste. Draußen quiekt es schmerzerfüllt, als würde ein Schwein geschlachtet. Es tobt und flucht, rüttelt wie wahnsinnig an den Gittern und ich fürchte, dass die Stäbe dem nicht lange standhalten.
Die geballte Wut macht mir Todesangst und ich rufe ihnen zu, dass man die Augen mit Wasser ausspülen soll, »Links ums Eck ist das Klo!«
Rütteln und Toben hören auf. Meinen Herzschlag spüre ich bis zum Hals, ahne, dass das Vorhaben der Jugendlichen noch nicht beendet ist, dass sie zurück kehren werden, sind die Augen erst beruhigt.
Hören kann ich nichts. Nur das Tosen der Wellen und den Wind in den Palmen. Beides hat jegliche Romantik verloren.

»Du Hure! Wir bringen dich um!«, mit einem Mal klingen ihre Stimmen männlicher, ich kann nicht mehr erkennen, ob sie wirklich nur zu zweit sind. Drohende Wortfetzen dringen von allen Seiten des Hauses. Klopfen dröhnt von den Wänden, »Wir kommen sowieso rein! Mach endlich auf!«, rüttelt es an den Gittern der Fenster. Das Meer tobt. Niemand würde mich hören. Karola würde morgen kommen und meine Leiche finden. »Du Hure!«

Ich sitze zitternd auf dem Bett. Die Beine angezogen. Die Arme um die Knie geschlungen. Mein Gesicht bis zur Nasenspitze versteckt, erwarte ich resigniert, was in den nächsten Sekunden mit mir geschehen wird. Ich blinzle zum Fenster. Mit einem Mal greift eine Hand hindurch, angelt in meinen Rucksack, der direkt darunter steht und zieht die Kamera wie eine Trophäe heraus. Durch die Stäbe. In die Nacht. Dann ist alles vorbei. Ihr Johlen und Schreien verklingt im Getöse des Strandes.
»Lasst mir wenigstens den Film da!«

Mit einem Mal taucht der Falter zwischen den Stuhlreihen wieder auf. Er steigt nach oben, wie ein Heliumballon. Fliegt ruhig über den Kopf der Autorin hinweg, die hinter dem Stehpult gerade den zweiten Text beginnt und verschwindet in dem hintersten Fenstervorsprung. Hoffentlich lässt ihn dort jemand hinaus, denke ich und lausche der Suche nach dem Ende einer Reise.

© Jo Lenz (2013, nach Interview)

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