karl – mit 66 jahren


»Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an. Mit sechsundsechzig Jahren, da hat man Spaß daran« dudelt Udo Jürgens auf dem RIAS. Ich wackle mit dem Hintern und schlage das überfällige Kalenderblatt um. November 1986. »Hast du deine Hausaufgaben fertig?«, tönt es aus der Küche.
»Mama, ich schreibe bald Prüfungen. Wir haben keine Hausaufgaben mehr auf« antworte ich augenrollend. Durch unsere kleine Wohnung zieht der Duft von frisch gebratenen Kartoffelpuffern. Ein Zeichen dafür, dass wir alleine sind. Mein Vater verträgt die fettigen Teile nicht, also macht meine Mutter sie, wenn wir nur zu zweit sind. Ich liebe diesen Zustand. Nur sie und ich. Niemand, der unsere Idylle stört.

***

Karl fährt die Allee des Berliner Vorortes entlang. Er hat den Vormittag damit verbracht, seine Rosen auf den Winter vorzubereiten und im Bungalow nach dem Rechten zu sehen. Er weiß, dass Herta pünktlich das Essen auf dem Tisch haben wird und will sich unter keinen Umständen ihren Groll zu ziehen. Kräftig tritt er in die Pedalen und fährt Slalom um Schlaglöcher. Die kräftig wachsenden Wurzeln der alten Lindenbäume drängen sich jedes Jahr durch den Asphalt. Bilden Beulen und Löcher, »ob die Gemeinde irgendwann einen anständigen Fahrradweg zustanden bringt«, murmelt er in seinen dichten Schnauzbart und lässt sich den Novemberwind um die Ohren pfeifen. Wen er kennt, grüßt er mit einem Kopfnicken im Vorbeifahren.

Seit einem halben Jahr ist Karl in Rente. Acht Monate länger, als er musste, war er im Schwermaschinenbau geblieben und hatte fünfunddreißig Jahre Schichtdienst abgeschlossen. Mit der Sonderprämie, die er dafür erhalten hatte, waren sie nach Russland geflogen. Herta und er. Vierzig Jahre, nachdem er von dort aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war. Er hatte keinen Grund, die Russen zu hassen. Die hatte ihm schließlich während des Krieges seine fast erfrorenen Füße gerettet. Ja, die haben ihr Handwerk verstanden, die russischen Ärzte. Auf dem neuen Farbfernseher steht nun der Moskauer Fernsehturm aus Bronze. In den Westen zieht ihn nichts.

Wieder fährt er einen Schlenker, weicht einer Wurzelschanze auf dem Boden aus. Neben ihm, auf dem Gehweg, raschelt eine Horde Kinder durch zusammengekehrte Laubhaufen. Diese Rabauken, denkt er sich und lacht verschmitzt, die Hausmeister sind selber Schuld, wenn sie die Blätter vor den Häusern liegen lassen. Er mag dieses Geräusch der Straßen im Herbst. Weiter fährt er, und seine Blicke streifen die Einschusslöcher auf den roten Wänden der Backsteinsiedlung. Die meisten Familien, die heute in den Räumen dahinter wohnen, haben keine Vorstellung mehr davon, wie die Löcher entstanden sind, geht es ihm durch den Kopf. Ein Müllwagen lenkt ihn von den aufkommenden Gedanken wieder ab. Poltert über das Kopfsteinpflaster und zieht vertrauten Gestank hinter sich her. Hinter den Häusern hallt das Schnauben der Dampflok. Gefolgt vom Rattern der schweren Güterwaggons. Karl ist die Ruhe selbst. Die Gedanken an den Krieg sind wieder fort. Er lenkt beschwingt sein Rad und freut sich aufs Essen.

Der geregelte Tagesablauf und Hertas Kochkünste haben ihm ein kleines Bäuchlein verpasst. Vormittags genießt er seinen Garten. Am Nachmittag ist er im Keller. Bastelt und malt. Holzbrettchen aus dem Haushaltswarenladen bemalt er, und sie werden zu Wetterberichten, die bei vielen seiner alten Kollegen im Wohnzimmer hängen, Wenn der Schwanz vom Esel tropfend herunter hängt, dann regnet es! Auf manche malt er bunte Hähne. Ganz ohne Spruch. Früher hat er in dem Keller Puppenstuben für die Enkelinnen gebaut. Ganze Häuser. Mit Badewanne und Kamin. Einem leuchtenden Teich mit Fischen darin. Gardinen vor den Fenstern. Einer Partybeleuchtung auf dem Balkon. Das ist lange her. Wo die jetzt wohl stehen, seine Kunstwerke? Ab und zu vermisst er seine Enkelkinder, die nur noch selten vorbei schauen. Sie sind in dem Alter, in dem Freunde das Wichtigste sind. Seine vier erwachsenen Kinder besuchen ihn abwechselnd. Doch am Liebsten hat er seine Ruhe und geht zum Basteln in den Keller.

Während er dem Poltern des Güterzugs lauscht, denkt er an das Gespräch mit Helmut. Jeder auf seinen Rechen gestützt, hatten sie vorhin am Zaun gestanden, »Schade, dass die Kleene nicht mehr vorbei schaut,« hatte er geseufzt, »früher hielt sie ja oft bei uns an, wenn sie aus der Schule kam. Wollte Puderzucker in Hertas Speisekammer naschen und mir beim Basteln zusehen. Manchmal hat sie sich auch vor ihrem Vater bei uns versteckt, wenn sie schlechte Noten hatte«, seine flinken braunen Augen hatten durch Helmut hindurch gesehen, »sie war immer mein Sonnenschein, mein kleiner Zigeuner«

Plötzlich zieht ein stechender Schmerz durch Karls Kopf. Und noch einer. Aus der Ferne dröhnt das pfeifende Getose der Dampflok zu ihm. Dann wird ihm schwarz vor Augen. Sein Rad gerät ins Schleudern und streift das rotweiße Straßengeländer. Eine Passantin bleibt auf der anderen Straßenseite stehen. Sieht, wie Karl über den Lenker stürzt und mit dem Gesicht aufschlägt. Bewegungslos bleibt er auf dem Radweg liegen. Sie reißt erschrocken die Augen auf, »Mama, was ist mit dem Mann?«, ein Mädchen zieht an ihrer Hand, als wolle sie die Mutter zum Helfen bewegen.
»Der ist sicher betrunken« antwortet diese und bleibt stocksteif stehen, »der ist doch mit dem Rad getorkelt. Das habe ich genau gesehen«
»Nein, so was! Am hellichten Tage!« wettert eine andere Frau mit Hut und Einkaufstaschen und schüttelt entrüstet den Kopf. Sie schiebt ihr Rad in großem Bogen an Karl vorbei. Blut sickert aus einer Wunde. Die Frau auf der anderen Straßenseite legt ihre Hand über die Augen der Tochter und zieht sie weiter. Das Schimpfen der Hutträgerin wird vom erneuten Getose der Dampflok verschluckt.
Karl kommt wieder zu sich. Benommen richtet er sich auf. Warm rinnt es über sein Gesicht. Er wischt mit dem Ärmel darüber, der sich rot färbt. Seine Hände schmerzen. Mühsam versucht er, sich am Geländer hochzuziehen, »Was ist passiert?«, als er steht, dreht sich der Boden unter ihm. Er klammert sich fester ans Geländer. In der Nähe weint ein Kind. »Ich muss nach Hause«, kommt es tonlos über seine Lippen, »das Essen«, er sieht Passanten an, »Herta, ich muss nach Hause. Bitte helf …«, wieder sticht der Schmerz in seinem Kopf. Er bricht erneut zusammen.

***

»Sie haben mir erklärt, dass das Gehirn kein Schmerzempfinden hat«, sagt sie und ich muss an Flughafen-Tower denken. Die können auch nicht fliegen. Aber alles läuft bei ihnen zusammen, damit der Flugverkehr funktioniert. Im Bus riecht es nach Kölnisch Wasser und Benzin. Wald zieht auf beiden Seiten an den Fenstern vorbei. Wir sitzen hinten und mir wird schlecht. Ich vertrage kein Busfahren. Und ich kann mir das alles nicht vorstellen. Da zerfrisst etwas dein Gehirn, das dir sämtliche Signale meldet, in dem Schmerzen erst zu Schmerzen werden, damit wir reagieren können, aber selber hat es nichts, was es beschützen würde. Nur unseren Schädel. Dieses Knochenteil. Das ist alles. »Es geht kaputt, und du merkst es nicht?«, frage ich leise vor mich hin.
»Das, was ihm die Schmerzen bereitet und zur Bewusstlosigkeit geführt hat, war das Wasser, was sich gebildet hat. Durch die Erkrankung. Es drückte auf die Schädeldecke. Er bekommt jetzt Medikamente, die das Wasser herausziehen sollen«, sagt sie und ich erschrecke, als ich sie ansehe. Ihre Augen sind so voller Traurigkeit. Ich habe das Gefühl, dass mich das umbringt. »Es ist schön, dass du mitkommst« spricht sie ruhig weiter und versucht zu lächeln, »wer weiß, wie lange es noch mit ihm geht. Die Ärzte haben gesagt, wenn er den nächsten Anfall bekommt, können sie nichts mehr für ihn tun«. Ich höre die letzten Worte meiner Mutter und übergebe mich.

Der Bus hält an. Wir steigen aus und ich werfe die Kotztüte in die Büsche. Hinter den Bäumen an der Haltestelle schimmert ein See hindurch. »Mülleimer können die wohl nicht aufstellen, was?« Der Bus fährt an und lässt uns in der Abgaswolke stehen. »Das ist also Teupitz«, seufze ich und betrachtet die Idylle aus Badesee, Uferbewachsung, schaukelnden Booten und Freizeitradlern. Der Winter ist vorbei und alle kommen aus ihren Löchern. Langsam gehen wir los. Mein Blick fällt auf einen Gasthof, Zum Teupitzer Schloss steht in altdeutschen Buchstaben auf dem verwitterten Hinweisschild, das direkt neben der Bushaltestelle schief aus dem Boden ragt. Daneben steht noch ein Schild, Nervenklinik Teupitz, in viel zu deutlichen schwarzen Druckbuchstaben.
»Wir müssen dort entlang«, sagt sie und ich folge meiner Mutter gedankenverloren über altes Kopfsteinpflaster, ausgetretene durchwurzelte Pfade, durch ein kleines Wäldchen und anschließend eine holprige schmale Steintreppe hinauf.

Die Landesirrenanstalt Teupitz war, mit Beginn im Jahre 1905, in fünfjähriger Bauzeit errichtet worden. Im Auftrag des Provinzialverbandes des Landes Brandenburg war beschlossen worden, Anstalten vor den Toren Berlins zu bauen. Der Komplex umfasste achtundzwanzig Gebäude und war im Pavillonstil entstanden. Noch zu Beginn des 2. Weltkrieges wurde die Bettenzahl von 1200 auf 1800 erhöht und ein Reservelazarett eingerichtet. Nach Kriegsende wurden 2/3 der Anstaltsfläche zum Militärhospital der Roten Armee erklärt. Die restlichen Gebäude wurden 1973 in Nervenklinik Teupitz umbenannt und haben eine Kapazität von ungefähr sechshundert Betten. Seit einem Jahr wird versucht, die Behandlungsbedingungen durch Verringerung der Kapazität zu verbessern.

Ich lasse das Faltblatt sinken. »Von außen sieht es richtig romantisch aus, fast wie ein Schloss«, schwelge ich, als wir die letzten Stufen erklimmen. Ich betrachte die großzügige Parkanlage. Der Weg führt durch verwildertes Gelände. Waldboden dämpft unsere Schritte ab. Von den Bäumen zwitschert es aufgeregt. Sonnenstrahlen spielen mit dem Wind im frischen Grün der Zweige. Zwei Eichhörnchen jagen sich eine riesige Pappel hinauf. Mir gefallen unaufgeräumte Orte und kurz bin ich geneigt, zu vergessen, weshalb sie hier sind.
»Wir müssen dort hinten hinein gehen«, holt mich meine Mutter sanft in die Realität zurück und zeigt auf das am weitesten entfernte Gebäude.
»Ja, dahin kommen sicher die hoffnungslosen Fälle! Dahinten ist ihr verschissenes Abstellgleis!«, schnaube ich und haue mit der Schuhspitze gegen eine dicke Wurzel, die vor uns aus dem Boden ragt. Schmerz und Wut treiben mir Tränen in die Augen.

Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an. Im letzten Oktober war er so alt geworden. Ein paar Wochen, bevor sein Zusammenbrüche anfingen. Und jetzt geben ihm die Ärzte noch kurze Zeit. Für Karl würde das Leben nicht mehr richtig anfangen. Ich hasse das Lied. Und ich hasse die Ärzte. Und ich hasse meine Angst. Es sitzt seit fünf Monaten mitten unter uns. Dieses unheilbare Schreckgespenst. Es ist nicht mehr nur in der Nähe. In Zeitungsberichten. Im Radio. Nein. Mitten unter uns hat es sich gehockt und würde alles verändern. Es ist so nah dran, dass auch ich es haben könnte. Irgendwann. Ich habe so viel Angst vor diesen fünf hässlichen Buchstaben und vor der Ausweglosigkeit. Vor dieser unerträglichen Ungerechtigkeit, die ich dabei empfinde. Er war nie krank, kein Zipperlein in so viel Arbeitsjahren. Und einer von hundert, haben sie gesagt, überlebt einen Magendurchbruch. Er hatte das überlebt. Ich weiß so wenig von ihm und ich werde nichts mehr erfahren. Weil sie nichts mehr tun. Ich hasse mich dafür, dass ich ihn heute zum ersten mal besuche. Ich habe Angst vor diesem Ort. Vor den Irren.

Den Ruf der Klinik kenne ich nur aus makaberen Witzen und Beschimpfungen: Der muss doch nach Teupitz, waren blöde Hänseleien, ohne dass einer von uns Kindern gewusst hätte, was Teupitz tatsächlich bedeutet. Es war einfach klar, dass die Irren dort liegen. Und Irre, wer von uns wusste schon, was genau das heißt.

Ich verstehe nicht, was Karl hier verloren hat. »Wieso liegt er eigentlich hier, er ist doch nicht verrückt?«, frage ich leise, als wir dem verwunschenen Weg folgen. Der bis ans hintere Ende der Anlage führt.
»Weil eben sein Gehirn betroffen ist und weil hier die neurologische Klinik ist, die in solchen Fällen helfen kann«, antwortet sie und ich befürchte, dass ihr dieser Satz im Halse stecken bleibt. Sie hat gerade, wider besseren Wissens, ausgesprochen, was zwar ihr großer Wunsch ist, was jedoch durch die vorangegangenen Entscheidungen der Ärzte deutlich unmöglich gemacht worden war.
»Die in solchen Fällen helfen kann«, äffe ich sie nach, «pah, das ich nicht lache!«, wieder trete ich gegen eine Wurzel, »was haben diese Halbgötter in weiß doch gleich gesagt? Bei über Fünfzigjährigen operieren wir sowieso nicht gern!? Ich bleibe stehen und sehe sie fragend an, »was ist das für ein Schwachsinn?«, schreie ich ihr meine Verzweiflung ungebremst entgegen. Mir fallen ihre verweinten Augen ein, als sie damals in der Tür stand. Im Dezember. Als nach mehreren Zusammenbrüchen meines Großvaters klar geworden war, dass ein Gehirntumor der Auslöser war. Sie hatte von dem fehlenden Schmerzempfinden des Gehirns erzählt und davon, dass der Tumor schon viel zu groß wäre und man nichts mehr machen könne, »Bei über Fünfzigjährigen operieren wir sowieso nicht gern«, hatte sie die Aussage der Ärzte wiederholt und war weinend in unserem Flur zusammengeklappt.

Wir haben das letzte Gebäude erreicht. Ich fühle mich, als müsste ich gegen eine unsichtbare Wand anlaufen. Als zöge mich das malerische Wäldchen zu sich. Geht nicht durch diese Tür, flüstert es in mir. Ich halte mich am Arm meiner Mutter fest und wir betreten die Station 6C. Es ist dunkel in dem Gang. Vergilbte Wände verstärken das beklemmende Gefühl in mir. An der Decke blinkt eine Leuchtstoffröhre. Ich versuche, mich auf das flackernde Geräusch, das sie dabei macht, zu konzentrieren. Ich will keine anderen Sachen hören. Kein Kichern. Kein Stöhnen. Nichts Irres. Ich habe Angst vor herumlaufenden Patienten. Ich fürchte, sie könnten mich angrapschen oder irgendwelche ekligen Dinge tun. Warum nur sind wir hier? Eine Schwester taucht aus der Teeküche auf und erlöst mich für einen kurzen Moment. Sie führt uns zu Karl.

»Hallo Papa«, flüstert meine Mutter, als wir das Zimmer betreten. Mir kraucht es unangenehm den Rücken hoch. Ich fühle mich wie gelähmt. Er liegt verloren farblos in einem farblosen Raum. Nur die buschigen Augenbrauen wackeln vertraut.
Seine braunen Augen blinzeln mir zu, »Na, du Zigeuner!«
»Opa«, kriecht es vorsichtig über meine Lippen und ich ahne ein Lächeln in seinem Gesicht. Ich trete an sein Bett. Umarme ihn. Dann sehe ich mich zögernd um. Links neben ihm steht an der Wand ein zweites Bett. In dem liegt ein dicklicher Mann mit Glatze und verkleisterten Augen. Sein Gesicht ist beschmutzt von der letzten Mahlzeit und auf der Bettwäsche sind Spuren von Dingen, über die ich nicht weiter nachdenken will.
»Offensichtlich fehlt es auf dem Abstellgleis an Krankenschwestern«, zische ich meiner Mutter leise zu. Der Raum ekelt mich an.
»Die haben mir meine Zigarren weggenommen«, reißt mich Karl aus den Gedanken, »wieso soll ich nicht rauchen?« Eine mir unbekannte Bitterkeit liegt dabei auf seinem Gesicht.
»Ich rede mal mit dem Doktor«, will meine Mutter ihn beruhigen, »sicher darfst du dir bald wieder eine anzünden.«
»Und überhaupt«, Karls Stimme wird zittrig und leise, »ich will endlich wieder in meinen Garten. Wann kann ich endlich nach Hause?«

Ich drehe mich um, damit ich seine Tränen nicht sehe. Eine Lernschwester betritt den Raum. Plötzlich fängt Karl an zu schimpfen. Während die Schwester hektisch und mit hochrotem Kopf zwischen den beiden Krankenbetten notdürftig mehr verwischt als wischt, wettert er, »die ganzen Ärzte sind doch daran Schuld! Die machen mich krank. Wenn ich da an die russische Ärztin denke, die verstand ihr Handwerk noch! Amputieren wollten sie meine Zehen, als sie mir auf dem Marsch ins Gefangenenlager erfroren waren. Aber die! Die hat meine Zehen gerettet«, wird seine Stimme kräftiger, so dass ich mich wieder zu ihm umdrehe, »und im Kreiskrankenhaus. Da gibt es auch gute Doktoren. Da habe ich den geplatzten Magen überlebt. Das schafft einer von Hundert, haben sie gesagt. Und hier? HIER«, schimpft er nun laut, »finden sie nicht heraus, was in meinem verfluchten Schädel los ist«, er schnaubt und fuchtelt mit den Armen, »alle sind unfähig. ALLE bloß unfähig!«, dann fällt er in sich zusammen. Tränen schütteln ihn. Ich höre das Schluchzen meiner Mutter. Draußen auf dem Gang schreit es. Der dicke Mann wackelt mit seinem Kopf und die Schwester verlässt das Zimmer. Und ich stehe da. Wie angewurzelt. In dem schlechtesten Film meiner ganzen sechzehn Jahre.

»Weiß er etwa gar nicht, was er hat?«
Leise und schuldbewusst klingt ihr »Nein«, als wir auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle sind.
»Ihr sagt ihm nicht, dass er nur noch ein paar Wochen zu leben hat? Ihr lasst ihn keine Zigarre rauchen? Was ist das für eine riesengroße Scheiße? – Wieso?«, meine Stimme überschlägt sich. Ich habe mitbekommen, dass sie ihm mittlerweile Morphium spritzen und ich weiß nicht wohin mit diesem Wissen in mir, das meine Welt so sehr aus den Angeln hebt, »Wieso lasst ihr ihn da liegen? Wieso lasst ihr zu, dass er dort SO krepiert?!«, ich verstehe meine Mutter nicht, ich verstehe alle Erwachsenen nicht, die ihm das antun. Die das alles mit ihm geschehen lassen.
»Oma Herta will es so und die Ärzte haben ihr dazu geraten«, antwortetet sie mir, bemüht um eine feste Stimme. Sie sieht mich mitleidig an. Liest Wut und Ohnmacht in meinen Augen und streicht mir über den Kopf, »ich finde es auch nicht gut, ihm nichts zu sagen«, sie legt den Arm um mich, »ich habe Rat gesucht bei Ärzten. Wir haben uns in der Familie zusammengesetzt und überlegt, was das Beste für ihn ist. Jeder ist der Meinung, dass es ihm nicht helfen würde, wenn er wüsste, was er hat«, sie seufzt, »darum tun wir alle so, als käme er bald nach Hause«
Wir bleiben stehen. Eine kleine Schar Enten zieht über unseren Köpfen hinweg in Richtung See. »Fast ein halbes Jahr geht es nun schon so«, sage ich leise und gucke auf meine Schuhspitzen, »und seine Zigarren?«, ich sehe meine Mutter flehend an, »können sie ihm nicht wenigstens das Rauchen erlauben? Mama, bitte!« Meine Worte scheinen im Urwald des Klinikparks sinnlos und ungehört zu verhallen. Ich schubse einen Tannenzapfen vor mir her, »gibt es denn gar keine Hoffnung mehr?«, die warme Hand meiner Mutter streicht wieder über meinen Kopf, »Keine«, sagt sie. Schweigend fahren wir zurück nach Hause.

***

Karl hatte sich den Gefangenenchor von Nabucco gewünscht. Irgendwann musste er es mal gesagt haben. Ich nahm nur dieses Lied wahr. Mehr nicht. Das erste, das sie spielten, habe ich vergessen. Ich habe auch fast alles vergessen, was sie während der Abschiedszeremonie über ihn sagten. Dabei wäre es eine Möglichkeit gewesen, ihn doch noch kennen zu lernen. Aber musste es das für mich sein? Hatte ich nicht das Wertvollste überhaupt von ihm kennen dürfen? Sein Lächeln im Keller und die Erlaubnis, dass ich ihm zusehen durfte? Sein liebevolles »Na, du Zigeuner«, mit dem er mich auf seinen Schoß zog, wenn ich ihn besuchte? Die blaue Zigarrenluft, die ihn stets umgab? Immer wieder, dass er lächelte, wenn er mich sah? Sein Schweigen? Und nicht zuletzt, dass wir manchmal sogar zusammen bastelten und malten? Und das allerschönste Puppenhaus auf der ganzen Welt?

***

Abschlussfahrt der Zehnten Klasse – ich brauchte Geld und rief auf der Arbeitsstelle meiner Mutter an. Die Stimme der Arbeitskollegin, die an den Apparat gegangen war, klang abgehackt. »Ja – äh – weißt du es denn nicht? Mutti hat doch Urlaub … Oh Gott, du weißt es noch nicht! – Dein Opa ist gestorben. Gestern«
Meine Welt wurde leerer. Die empfundene Ungerechtigkeit hatte ihren Stachel gebohrt. Unumkehrbar. Für immer. Nie würde ich dieses halbe Jahr vergessen können. Karl war nicht einfach nur gestorben. Sterben stellte ich mir anders vor. Er war krepiert. Elendigst. Innerhalb von einem halben Jahr krepiert. Mein einziger kleiner Trost war, dass meine Mutter sich wirklich noch dafür eingesetzt hatte, dass er seine Zigarren zurück erhielt. Auch wenn es nur noch für wenige Tage war. Unser Besuch in der Anstalt, war mein letzter Besuch, bei dem ich ihn sah. Und ich war im Nachhinein froh darüber, dass ich mich überwunden hatte, die Mauern in Teupitz zu betreten.

***

Aufgelöst sitze ich bei meiner Freundin. Sie hat mir Tee gekocht. Schaltet das Radio ein. Von der Straße klingt Feierabendverkehr. »Weißt du, sollte ich jemals daran erkranken und sollte es noch so aussichtslos sein, sollten die Ärzte der Meinung sein, ich hätte nur noch zwei Wochen zu leben«, ich sehe ihr fest in die Augen, »ich will es wissen! Ich will die Chance bekommen, aus den letzten Wochen meines Lebens etwas zu machen und ich will die Chance bekommen, dagegen zu kämpfen. Ich will nicht wie Karl ahnungs- und kampflos auf dem Abstellgleis landen«
Wir rühren in den Teetassen. Nichts wird mehr sein, wie es einmal war. Ich habe das Gefühl, dass ich plötzlich weiß, wie sich Erwachsensein anfühlt. Als hätte sich die Tür geöffnet und mit ihr, Dominosteinen gleich, fällst du von einer durch die nächste ungebremst ins Leben. »Mit siebzehn hat man noch Träume«, flötet es aus dem Radio … ich sehe meine Freundin an, »ja, oder schon ausgeträumt«

Prost, mein Lieber! Wir sehen uns irgendwann auf der anderen Seite. Und dann rauchen wir Zigarren, bis uns speiübel wird. Bis dahin. Ich habe dich lieb, Opa. Dein Zigeuner ❤

© Jo Lenz (2005)

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