eine handvoll frieden


Der Mann schiebt schnaufend seinen Leib aus der Wohnung. Drohend fällt die Tür ins Schloss. Als seine Schritte im Treppenhaus verhallen, vergräbt die junge Frau ihr Gesicht in der Armbeuge. Sie ist ganz still. Nur das stoßweise Wippen ihres Kopfes lässt erkennen, dass sie nicht schläft. Kurze Zeit später schimmert auf dem Küchentisch ein winziger Salzsee. Angewidert schließt sie die Augen.

Plötzlich geht ein Ruck durch ihren Körper, »Verdammt, damit muss Schluss sein!«
Wie zur Bestätigung kreischen die Bodenfliesen unter den zurückgeschobenen Stuhlbeinen. Entschlossen erhebt sie sich vom Tisch.
»Mama? Mama, was ist?«, fragt das Mädchen und lehnt mit geneigtem Kopf am Türrahmen. Seine Haare fallen ins Gesicht. Es blinzelt ins kalte Küchenlicht und umklammert einen gelben Bären, dem das rechte Glasauge fehlt. Auch sonst sieht er mitgenommen aus. Alt ist er. Sehr alt. Viel älter als die junge Frau und das Mädchen zusammen. Unter dem hellblauen Nachthemd, das bis zum Boden reicht, lugen bunt lackierte Zehennägel hervor. Manchmal verschwinden sie. Weil das Nachthemd mit den Bewegungen des Mädchens vor und zurück schaukelt, »bist du traurig?«, fragt es zaghaft weiter.
Hastig wischt die Frau ihre Tränen weg und geht auf das Mädchen zu. Sie beugt sich runter zu ihm, »Nichts, nichts mein Engel, alles ist gut, du sollst doch schon schlafen«, flüstert sie und drückt den warmen Körper wie ein Schutzschild an sich, »meine kleine große Lucia, solange wir uns haben, ist alles gut«, dabei wiegt sie die Kleine, nimmt sie auf den Arm und trägt sie zurück ins Bett.

Das Mädchen schlägt die Decke zurück und schmollt, »Wann kommt Louis?«
»Morgen, nach der Schule», antwortet die Frau, »dein Bruder schläft heute bei einem Freund«, dabei streicht sie ihm über den Kopf und zieht das Deckbett erneut bis zum Kinn.

Das Mädchen lächelt zufrieden, »Ich hab dich lieb, Mama«, flüstert es aus seinen Kissen, »bis zum Mond und um die Erde rum. Noch viel doller als das Hasenkind, du weißt schon.«
»Ja, mein Mäuschen, bis zum Mond und zurück, wie im Buch.«
»Eskimoküsseeeen!«, ruft es lachend und hebt sein Gesicht in die Höhe. Die Frau beugt sich hinunter und reibt ihre Nasen an der des Mädchens, bis es seine Augen schließt und den Kopf zur Seite dreht. Sie löscht das Licht und zieht die Tür leise ins Schloss.
Minutenlang lehnt sie mit gesenkten Lidern davor. Das ruhige und gleichmäßige Auf und Ab des Brustkorbs weckt den Anschein, als würde sie schlafen. Das Küchenlicht wirft flackernd ihren Schatten an die Wand und verrät die Anspannung auf ihrem Gesicht.  Hinter der Tür bleibt es still. Plötzlich lässt sie der Stundenschlag einer Kirche aufhorchen. Sie öffnet die Augen, presst noch einmal das Ohr an die lackierten Holzfassetten und geht, als nichts zu hören ist, zurück in die Küche. Dort hält sie die Nase an das angekippte Fenster und nimmt einen tiefen Atemzug . Ein Vogel stimmt auf der alten Lärche, die das Haus weit überragt und nur wenig Licht hineinlässt,  sein Lied an. Er gurrt und zwitschert und schnalzt.

Plötzlich nickt sie und lächelt. Dann greift sie auf den Zeitungsstapel, der neben dem Fenster liegt und aussieht, als wäre er bereit für den Papiermüll. Sie fischt ein Anzeigenblatt heraus und setzt sich damit an den Tisch. Ihre Finger gleiten eilig über die aufgeschlagenen Seiten, mit aufgerissenen Augen folgt sie ihm Zeile für Zeile.
»Möbliert, möbliert … es muss doch was geben!«
Sie scharrt mit den Füßen unterm Tisch. Ihre Beine wippen hektisch.
»Na bitte! Zwei Zimmer unterm Dach. Möbliert. Besser geht’s nicht!«, sagt sie mit einem Mal und klopft mit dem Finger auf die Stelle der Zeitung, an der ihre Augen hängen geblieben sind. Mit zitternden Händen greift sie das Handy, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Kurz hält sie inne und überlegt … dann tippt sie eilig die Nummer.

***

»Helmut – eben hat eine Frau angerufen, wegen der Anzeige.«
»So spät noch? Ja. Und? Hat sie Arbeit?«
»Hat sie und suchte eigentlich zwei Zimmer. Unsere Wohnung stand in der verkehrten Rubrik. Ich habe ihr gesagt, dass es nur ein einziges großes Zimmer ist, mit einer Schlafempore«
»Ja, und?«, Helmut Huber legt die Bratsche aus der Hand.
»Sie schien versessen darauf und meinte, die Lage sei großartig, wegen der Schule am Marktplatz.
»Schule? Hat sie etwa Kinder?«
»Ja, ich find das toll! Einen Jungen in der zweiten Klasse und ein Mädchen, das die Vorschule besucht.«
»So ein Schmarrn, Rosi! Ich bin nicht im Ruhestand, damit mir jetzt fremde Kinder auf dem Kopf herum trampeln. Und unsere Möbel da oben? Der Glastisch? Das ist doch alles nicht kindertauglich. Du hast ihr hoffentlich abgesagt?!«
»Ach, Helmut – sie klang so glücklich, als ich ihr sagte, dass die Wohnung noch zu haben sei. Sie kommt morgen her.
»Nichts da, Rosi – du sagst ihr ab!«

***

»Hast du dich gestern Abend wieder mit dem Vermieter gestritten?«, fragt das Mädchen und schleckt neugierig mit der Zunge über den Kakaobart. Dann stellt es das Glas zurück auf den Frühstückstisch und mustert die Frau.
»Ach iwo, alles ist gut mein Engel«, antwortet die und schaltet das Radio an. Dabei zieht sie den Ärmel ihres Pullovers über drei blaue Stellen am Handgelenk. »Stell dir vor, ich habe gestern noch mit einer sehr netten Frau telefoniert. Erinnerst du dich daran, dass ich gesagt habe, ich suche uns hier liebevolle Ersatzgroßeltern mit einer Wohnung unterm Dach?« Verheißungsvoll strahlt sie das Mädchen an.
»Ja, so etwas Lustiges hast du mal gesagt, Mama«, kichert das Mädchen und ihr Zeigefinger schiebt schnell die Krümel auf dem Teller zusammen, so als könne sie dort Ängste und Sorgen begraben.
»Genau. Und ich glaube, ich habe sie gefunden. Gleich nachher, wenn du in der Vorschule bist, fahre ich vorbei. Es ist ganz in der Nähe. Sie haben sogar einen Garten.« Die Frau strahlt das Mädchen an. »Da kannst du jeden Tag Radschlag üben!«, verspricht sie. Dann dreht sie eine Pirouette, stellt das Radio laut und singt mit dem Lied, das aus daraus schallt: »Irgendwie, irgendwo, irgendwann …«
Während sie durch die Küche tanzt, übertönt sie mit Gelächter den zwanzig Jahre alten Hit: »Ich wusste, dass alles gut wird. Letzte Woche die Jobzusage und heute unsere Traumwohnung. Es wird alles, alles gut! Ich wusste es!«

***

»Sie hatten diese furchtbare Krankheit?«
»Ja. Und einen Ehemann, der nicht akzeptiert hat, dass ich danach mein Leben ändern wollte. Er hat getrunken, mich bedroht. Die Kinder haben das viel zu oft mitbekommen …« Das Fahrrad der jungen Frau lehnt am Gartenzaun. Staunend betrachtet sie die alte Villa. Freude und Hoffnung scheint ihr aus jeder Pore zu strahlen. »Verstehen Sie nun, wie wichtig das für uns ist?«
Seit zwanzig Minuten steht sie da. Vor dem Zaun. Und erzählt der alten Dame ihre Geschichte. »Der Mann, bei dem wir zur Untermiete leben, verlangt plötzlich Dinge von mir …«, sie schluckt und Röte schießt ihr ins Gesicht, »ich mache das nur wegen der Kinder mit. Aber … ich kann einfach nicht mehr.« Flehend blickt sie in die glänzenden Augen auf der anderen Seit des Zauns, »bitte lassen Sie mich die Wohnung ansehen! Bitte! Der Platz reicht bestimmt für uns.« Sie schaut hoch zum Dach der Villa. Ein Windstoß spielt in den Bäumen und trägt Blätter durch die Luft. Zwei Eichhörnchen jagen den Stamm hinauf und streiten um eine Nuss. »Es wäre einfach perfekt für uns. Sie könnten doch heut Nachmittag meine Kinder kennenlernen!«

»Nichts da!«, raunt es plötzlich vom Seiteneingang des Hauses, »meine Frau hat Ihnen doch gesagt, dass hier kein geeigneter Platz für Kinder ist.« Der Hausherr schlurft hinkend heran. Ihm fehlt der größte Teil seiner Haare. Sein Gesicht ist gerötet von aufgesprungenen Äderchen. Als er am Zaun ist, reicht er der jungen Frau die Hand. Einen Moment lang liegt sie warm in der Seinen. »Sie sehen sehr nett aus«, setzt er sanfter nach, »wir würden Ihnen ja gerne helfen, aber …«, er kratzt sich das Kinn und schüttelt den Kopf. Zum energischen Ton zurückgefunden fährt er fort: »Bitte gehen Sie, die Wohnung taugt nicht für Kinder!« Darauf dreht er sich um, hebt die Hand zum stummen Gruß und humpelt zurück ins Haus.

»Aber …«, kommt es kleinlaut von der Straßenseite des Zauns, dann sackt die Stimme weg. Die junge Frau senkt den Kopf. Und als würde ihr Luftschloss in den Sonnenstrahlen des Spätsommers zerfallen, versagt ihr Körper. Kraft- und wortlos klammert sie sich am Zaun fest.
Die alte Dame ist sichtlich um ein Lächeln bemüht. »Gott sei mit Ihnen«, sagt sie leise und legt kurz ihre Hand auf den Arm der Frau. Sie drückt sie sanft und sagt mit gebrochener Stimme, »Sie werden schon noch etwas finden. Ganz sicher.«
Tränenblindes Nicken. Dann tasten Hände zitternd nach dem Rad, das noch grün und geduldig am Zaun lehnt. Kopfschütteln. Ungläubig und fassungslos oder um einen schlechten Traum loszuwerden. Ohne sich noch einmal umzusehen, trottet sie wie ein geprügelter Hund durch die Straßen der Siedlung davon.

***

Spät am Abend hallt eine Stimme energisch durch die Villa. »Helmut? Hast du gewusst, dass meine Mutter nach dem Krieg mit fünf Kindern durch die Stadt geirrt ist?», sie macht eine Pause, »jeder schickte sie fort, weil sie Kinder hatte! Hast du das gewusst?«
Die alte Dame erhält keine Antwort. Langsam geht sie die letzten drei Stufen zum Flur hinab. Sie sieht noch einmal hinauf. Dann greift sie ihren Mantel und eine Taschenlampe.
Als sie die Haustür geöffnet hat, nimmt sie den Regenschirm aus dem Ständer. Sie klopft entschieden mit dessen Spitze auf den Boden und wendet sich noch einmal mit dem Blick nach oben über die weit auslaufende Treppe hinweg. Laut und kräftig sucht sich ihre Stimme den Weg, »und WIR wollen es genauso machen? – Schlimmer geht’s ja wohl wirklich nicht!«

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